Luftverkehr

Turbulente Zeiten für Fluggesellschaften

21. April 2008 Die Fusion von Delta und Northwest, die gescheiterte Übernahme von Alitalia, Tausende gestrichene Flüge in Amerika und die Pannenserie bei der Eröffnung des neuen Terminals in London-Heathrow: In den Fluggesellschaften geht es im Moment turbulent zu.

Auch die Aktien zahlreicher Unternehmen fielen in ein Luftloch - die Kurse gaben seit Jahresbeginn zwischen 20 und 40 Prozent nach. Eine Ausnahme bildet die Lufthansa, die sich entgegen dem Trend behauptet.

Amerikanische Gesellschaften: Siebenjährige Dauerkrise

Die Fluggesellschaften sehen sich mit verschiedenen Herausforderungen konfrontiert: Höchstpreise für Sprit, die Konjunkturkrise in den Vereinigten Staaten und nicht zuletzt der immer härtere Konkurrenzkampf - zu dem auch das Anfang April in Kraft getretene „Open Skies“-Abkommen beiträgt, das den Markt für Flüge über den Atlantik liberalisiert.

Vor allem die amerikanischen Fluglinien haben Schwierigkeiten: Nach den Terroranschlägen 2001 in New York waren viele Gesellschaften in die Krise geschlittert und flüchteten sich in den staatlichen Gläubigerschutz.

Obwohl viele den staatlichen Schutz im vergangenen Jahr wieder verlassen haben, ist die Krise nicht ausgestanden: „Der extrem harte Preiskampf hat den Gesellschaften die Margen aufgefressen. Dadurch wurde kaum in moderne spritsparende Jets investiert - das rächt sich angesichts der Spritpreise nun“, sagt Analyst Ulrich Horstmann von der Bayern LB.

Problem-Ehen

Für viele Unternehmen gehe es wegen der fehlenden Substanz nun ums Überleben. Dem Druck sind jüngst mehrere kleine Fluglinien zum Opfer gefallen. Doch auch Branchengrößen wie Delta und Northwest - vor dem Zusammenschluss war Delta nach Passagierzahlen die dritt- und Northwest die sechstgrößte Airline der Welt - kämpften seit Jahren gegen die Insolvenz.

Und die Konsolidierung erscheint schwierig: Der Weg zur größten Fluggesellschaft der Welt war steinig, brauchte mehrere Anläufe und wurde von Fachleuten schon im Vorfeld als „Problem-Ehe“ bezeichnet. Dennoch wird spekuliert, wann die nächsten Konsolidierungen folgen: In der Branche wird ein Zusammenschluss der Airlines United und Continental für wahrscheinlich gehalten.

Riskante Konjunkturwetten

Analysten raten von den Aktien der Fluggesellschaften ab: „Euphorie ist fehl am Platze. Die Konsolidierung ist nur eine Reaktion auf die ziemlich schlechte Verfassung der amerikanischen Fluglinien“, sagt Jürgen Pieper, Analyst des Bankhauses Metzler.

Er warnt ausdrücklich vor dem krisengeplagten Markt: „Mit Airlines ist auch in diesem Jahr kein Geld zu machen. Ich rate, die Finger davon zu lassen.“ Auch sein Kollege Horstmann sieht Fluggesellschaften nicht als langfristige Strategie für konservative Anleger: „Im Grunde ist der Kauf von Airline-Aktien eine Wette auf eine wider Erwarten anziehende Konjunktur. Doch ich würde diese Wette nicht eingehen.“

Jedem sein Spielfeld

Nach Ansicht der Analysten wird die europäische Luftfahrt von den Bewegungen in Amerika kaum beeinflusst. „Für die Europäer hängt die weitere Entwicklung vor allem an den Faktoren Weltkonjunktur und Treibstoff“, sagt Per-Ola Hellgren von der Landesbank Baden-Württemberg. Von den drei großen europäischen Linien - Lufthansa, British Airways und Air France/KLM - sei die Lufthansa am besten für die Zukunft gerüstet.

Die Deutschen könnten in der Krise vor allem von ihrer Kundenstruktur profitieren: Air France/KLM sei sehr stark im Touristik-Bereich, wodurch die Fluglinie stark konjunkturellen Schwankungen ausgesetzt sei. British Airways habe zwar einen hohen Anteil von Geschäftskunden - vor allem aber aus der Banken- und Beraterbranche. Dadurch bekomme das Unternehmen im Moment die internationale Bankenkrise deutlich zu spüren.

Deutsch-British Airhansa?

Der Flugplan von British Airways sei außerdem stark auf die Nordatlantik-Route ausgelegt, wodurch das Unternehmen stärker als andere die schwache Konjunktur in den Vereinigten Staaten zu spüren bekomme. Die Lufthansa hingegen sei bei den Geschäftsfliegern vor allem in den Bereichen Bau und Industrie stark. Das Streckennetz der Deutschen sei breiter gestreut und ausgewogener als das der anderen Fluglinien.

Als größten Konkurrenten der Lufthansa schätzt Hellgren Air France/KLM ein. Die Franzosen seien deutlich besser aufgestellt als British Airways. Das Scheitern der Übernahme der italienischen Fluglinie Alitalia wirke sich auf das Unternehmen seiner Meinung nach nicht aus. Analyst Horstmann sieht das genauso: Dank enormen Wachstums in den vergangenen Jahren sei Air France/KLM inzwischen fast so groß wie British Airways und die Lufthansa zusammen. In der Branche würden bereits Gerüchte über eine Fusion kursieren: „British Airways und Lufthansa wären dumm, wenn sie gegeneinander arbeiten würden.“



Text: oho/ F.A.Z.
Bildmaterial: AP, dpa, F.A.Z., REUTERS

 
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