Mischkonzerne

Siemens-Aktie könnte sich weiter erholen

30. April 2008 Der Siemens-Konzern kommt seit Beginn des Schmiergeld-Skandals wirklich nicht mehr zur Ruhe. Am Dienstag erst hatte die mit den Ermittlungen beauftragte amerikanische Kanzlei Debevoise & Plimpton bekannt gegeben, umfangreiche Gesetzesverstöße aufgedeckt zu haben (Ermittler finden Belege für Fehlverhalten in fast allen Bereichen).

Bislang aber hielten sich immerhin die Geschäftszahlen im grünen Bereich. Doch auch das ist jetzt, wie schon vermutet, anders geworden. Der Mischkonzern hat wegen Problemen bei Großprojekten im von Januar bis März dauernden zweiten Geschäftsquartal gegenüber dem Vorjahresquartal unter dem Strich einen Gewinneinbruch um zwei Drittel auf 412 Millionen Euro hinnehmen müssen, obgleich der Umsatz um ein Prozent auf 18,094 Milliarden Euro stieg.

Automatisierungstechnik im Aufwind

Bereits im März hatte Siemens über die Schwierigkeiten bei der Abwicklung von Großaufträgen im Kraftwerksbau, im Bahn- sowie im IT-Geschäft berichtet und seine ursprüngliche Gewinnprognose aufgehoben, ohne eine konkrete Prognose abzugeben.

Drei Bereiche machten nun sogar Verluste. Die Bahnsparte litt unter neuen Pannen bei Comino-Straßenbahnen und den Kosten des Transrapid-Projekts in Schanghai. Die Kraftwerkssparte rutschte wegen intern verursachter Verzögerungen in die roten Zahlen. Und auch die IT-Dienstleistung machten Verlust.

Gut lief das Geschäft in der ertragsstärksten Sparte Automatisierungstechnik, der Medizintechnik und der Sparte Energieübertragung. Die Automatisierungstechnik wies für den Berichtszeitraum mit 16,7 Prozent eine deutlich über den Erwartungen liegende Marge aus und zeigte einen robusten Auftragseingang.

Belastungen von 857 Millionen Euro

In der Medizintechnik wirkten sich Kosten im Zusammenhang mit der Übernahme von Dade Behring belastend aus. Eine Verlangsamung zeigte sich auch beim Wachstum von Umsatz- und Auftragseingang. Diese legten auf vergleichbarer Basis nur noch um 2 Prozent oder 1 Prozent, nach 2 Prozent und 5 Prozent im Vorquartal.

Siemens-Wettbewerber General Electric (GE) hatte vor wenigen Tagen enttäuschende Quartalszahlen vorgelegt und dieses unter anderem mit einem schwachen Medizintechnikgeschäft im amerikanischen Markt begründet. Philips hatte dagegen deutlich bessere Quartalsergebnisse in der Medizintechnik vorzuweisen.

„Wir haben nun unsere Projektanalyse im konventionellen Kraftwerksgeschäft abgeschlossen und konnten uns alles in allem ein klares Bild über die Risiken machen“, erklärte Löscher laut Mitteilung. Im zweiten Quartal hätten die Belastungen durch die Probleme mit 857 Millionen Euro auf das Ergebnis gedrückt, rund 900 Millionen Euro hatte man Mitte März prognostiziert.

Ziele für 2010 bestätigt

Ursprünglich war Siemens davon ausgegangen, dass das Ergebnis der Bereiche in diesem Geschäftsjahr noch einmal doppelt so schnell wächst wie der Umsatz. Nun sieht alles bedeutend schwächer aus.

Der Umsatz soll zwar doppelt so stark wachsen wie die Weltwirtschaft. Aber das operative Ergebnis soll nur noch das „Vorjahresniveau erreichen“. Und dabei seien die zu erwarteten Kosten der Korruptionsaffäre und der Umbauprogramme noch nicht berücksichtigt. Diese belasteten den Konzerngewinn mit 506 Millionen Euro. Vorstandschef Löscher betonte aber: „Wir halten an unseren Zielen für 2010 fest.“

Der Auftragseingang wuchs im zweiten Quartal stark um 12 Prozent auf 18 Milliarden Euro. Der Umsatz dagegen legte nur um ein Prozent zu auf 19,2 Milliarden, vor allem in Asien und Amerika bekam Siemens mehr Bestellungen. Das operative Ergebnis fiel aber um 32 Prozent auf 1,2 Milliarden Euro zurück.

Händler bezeichneten die vorgelegten Zahlen als „sehr gut auf den ersten Blick“. Vor allem die Bereichsergebnisse hätten deutlich übertroffen. „Zudem sehen die Auftragseingänge gigantisch aus“, so ein Händler.

Gemischt bis leicht positiv

Von Dow Jones Newswires befragte Analysten hatten mit einem Auftragseingang von 22,4 Milliarden Euro und einem Umsatz von 19,3 Milliarden Euro gerechnet. Die Durchschnittsprognose für das operative Ergebnis der Bereiche beliefe sich bei relativ großen Schwankungen in der Prognose auf 976 Millionen Euro und für das Nettoergebnis auf 351 Millionen Euro.

Positiv dürften Analysten nun die Aussage des Konzerns werten, dass keine weiteren materiellen Belastungen gefunden worden seien. Mehrere Analysten hatten hier mit zusätzlichen Belastungen im dreistelligen Millionen-Bereich für das laufende Jahr gerechnet. Allerdings rechnet Siemens im Kraftwerksbau auch in den kommenden Quartalen mit schwächeren Margen.

Einem Analysten zufolge ist die Bilanz gemischt ausgefallen. Klar besser sei der Auftragseingang, so der Experte am Mittwochmorgen. Das operative Ergebnis liege ebenfalls leicht über den Prognosen, wohingegen Umsatz und Überschuss unter den Erwartungen gelegen hätten. Auch der Ausblick gebe dem Aktienkurs keine eindeutige Tendenz vor. Belasten könnten vor allem der avisierte „erhebliche“ Verlust aus dem Verkauf der Telefonnetzwerk-Sparte SEN. Im Durchschnitt hatten die Analysten einen stärkeren Gewinnrückgang auf 351 Millionen Euro erwartet. Beim Umsatz lagen die Schätzungen
mit 19,3 Milliarden Euro hingegen höher.

Belastungen durch Finanzkrise erwartet

Eine Prognose, wie die Zahlen aufgenommen werden ist recht schwierig, treffen doch negative wie positive Aspekte zusammen. Angesichts einer Bewertung der Aktie auf Basis der Analystenprognosen mit Kurs-Gewinn-Verhältnissen von 14,7 für das laufende und 11,4 für das kommende Jahr kann die Aktie weder als überbewertet, noch als ausgesprochen billig bezeichnet werden.

Der Aktienkurs war nach der Revision der Gewinnprognose im März deutlich eingebrochen und hatte sich seitdem etwas erholt. Die am Mittwoch vorgelegten Ergebnisse widersprechen einer Fortsetzung dieser Aufwärtsbewegung nicht.

Bis etwa 80 Euro hat die Notiz charttechnisch Platz nach oben, doch dürfte ihr Aufwärtspotential begrenzt sein, allzumal Löscher davon ausgeht, dass die Folgen der Finanzkrise im Verlauf des kommenden Geschäftsjahres auch deutlicher in der Realwirtschaft ankommen werden. „Beim Auftragseingang im Breitengeschäft hier in Deutschland sehen wir bereits jetzt erste Anzeichen zunehmender Vorsicht der Kunden. Soweit sich die weltwirtschaftliche Entwicklung überschauen lässt, stellen wir uns auf die veränderten Bedingungen ein.“

Zu Handelsbeginn notiert die Aktie allerdings mit einem Aufschlag von rund 2,5 Prozent, was zeigt, dass sich die optimistischen Anleger vor allem auf die positiven Aspekte des Quartalsausweise kaprizieren. Insofern könnte sich der Aktienkurs noch wenigstens bis 80 Euro erholen. Analysten sehen den Kurs längerfristiger wieder über 100 Euro.

Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht der FAZ-Redaktion wider.



Text: mho
Bildmaterial: dpa, F.A.Z.

 
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