Technologieaktien

Stunde der Wahrheit

Von Norbert Kuls, New York

08. Juli 2009 Die Anleger an der Wall Street haben ihre Liebe zu Technologieaktien wiederentdeckt. Seit Anfang des Jahres sind die Kurse in keinem Segment des amerikanischen Aktienmarktes so stark gestiegen wie in der Technologiebranche. Der technologielastige Index der Computerbörse Nasdaq liegt aktuell mit mehr als 13 Prozent im Plus. Dagegen zeigt sich der breit gefasste Aktienindex S&P 500 leicht im Minus. Der Dow- Jones-Index, in dem Technologiewerte eine geringere Rolle spielen als im S&P 500, ist sogar um 5 Prozent gefallen.

Auch unter den zehn Segmenten des S&P 500 liegt der Bereich Informationstechnologie in diesem Jahr klar an der Spitze. Mit einem Kursgewinn von mehr als 21 Prozent lassen diese Aktien das zweitbeste Segment, die um 9 Prozent gestiegenen Aktien der Grundstoffhersteller, weit hinter sich. Anleger wetteten in den vergangenen Monaten darauf, dass die Hersteller von Computern, Software und Halbleitern mit als Erste von einer Konjunkturerholung profitieren dürften.

Die Stunde der Wahrheit

Und selbst bei einer andauernd schwachen Konjunktur gilt Technologie für Unternehmen als unausweichliche Alternative. „In einem Umfeld langsameren Wachstums werden Firmen ihre Produktivität mit neuen Technologien steigern wollen“, sagte Fondsmanager Bob Millen vom Vermögensverwalter Jensen Investment Management gegenüber der Fachzeitung Investor's Business Daily.

Nach dem Vorschusslorbeer der vergangenen Monate gilt die anstehende Bilanzsaison für das zweite Quartal für die Technologiebranche nun als Stunde der Wahrheit. Analysten haben in den vergangenen Wochen ihre Prognosen für die Technologiebranche leicht angehoben. Nach Angaben des Informationsdienstes Thomson Reuters rechnen Analysten für die im S&P 500 abgebildeten Technologiewerte im zweiten Quartal allerdings immer noch mit einem Gewinnrückgang um 24 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Zu Beginn des Quartals hatten die Auguren allerdings eine etwas stärkere Gewinnabnahme um 26 Prozent einkalkuliert.

Intel und Cisco gelten als sensible Barometer

Sollten die aktuellen Prognosen eintreten, würde der durchschnittliche Gewinnrückgang der Technologiewerte aber immer noch nicht so stark ausfallen wie der aller im S&P 500 abgebildeten Unternehmen. Für die meisten anderen Segmente in dem Index wie Energie, Finanzen oder Industrie hatten Analysten ihre Erwartungen jüngst heruntergeschraubt. Insgesamt prognostizierten Analysten für den S&P 500 derzeit einen durchschnittlichen Gewinnrückgang von knapp 36 Prozent im zweiten Quartal. Zum Anfang des Quartals waren es noch 32 Prozent gewesen.

Die Gewinnentwicklung spielt langfristig die wichtigste Rolle für den Trend der Aktienkurse, weil Aktien Anteile an Unternehmen verbriefen. Mit steigenden Gewinnen für amerikanische Unternehmen rechnen Analysten erst wieder im vierten Quartal. Das gilt auch für Technologieaktien. Die Börse bildet Erwartungen aber in der Regel mit einem Vorlauf von rund sechs Monaten ab.

„Mein Vertrauen in die Ertragskraft der Technologiebranche ist sehr viel höher als mein Vertrauen in die Ertragskraft vieler Industrieunternehmen“, sagt Vitaliy Katsenelson, Chef der Analyse beim Vermögensverwalter Investment Management Associates. Unternehmen wie der Computerchipriese Intel und der Netzwerkausrüster Cisco gelten zudem als sensible Barometer für den Konjunkturzyklus. Diese Unternehmen erhalten in einer Aufschwungsphase zu einem frühen Zeitpunkt Aufträge, wenn ihre Abnehmer mit wieder steigender Nachfrage rechnen.

Auch Übernahmephantasien treiben häufig die Kurse

Aktien von Chipherstellern haben den jüngsten Aufschwung der Technologiewerte angeführt. Der Index für Halbleitertitel an der Börse von Philadelphia ist seit Jahresbeginn um 24 Prozent gestiegen. „Das sollte ein Frühindikator für den Rest der Branche und für die Konjunktur sein“, sagte Jason DeSena Trennert, Anlagestratege bei der Analysegesellschaft Strategas Research Partners, dem „Wall Street Journal“. Auch Übernahmephantasien treiben häufig die Kurse, weil Börsianer auf den nächsten Kaufkandidaten wetten.

Zu diesen Spekulationen trägt der Bieterkampf um das amerikanische Datenspeicherunternehmen Data Domain bei. Der größere Konkurrent EMC hat sein Angebot für Data Domain erhöht und so den ebenfalls auf Speichersysteme spezialisierten Konkurrenten Netapp übertrumpft, der bereits eine Kaufvereinbarung geschlossen hatte. Data Domain steht im Visier der beiden Interessenten, weil das Unternehmen auf Systeme spezialisiert ist, mit denen die unnötige Speicherung überflüssiger Daten vermieden wird.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z.

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