Interview

Russische Aktien bieten wieder Chancen

Vermögensverwalter Jörg Peisert setzt wieder auf russische Aktien

Vermögensverwalter Jörg Peisert setzt wieder auf russische Aktien

07. März 2001 Emerging-Markets-Experte Jörg Peisert empfiehlt Anlegern den vorsichtigen Wiedereinstieg in russische Aktien. Warum erklärt der geschäftsführende Gesellschafter der JP&P Vermögensmanagement GmbH im FAZ.NET Interview.

Sie empfehlen russische Aktien. Was spricht für Russland?

Russland profitiert von massiven Restrukturierungen der Wirtschaft. Seit der Wahl Wladimir Putins zum Regierungschef im März 2000 haben sich das politische System deutlich stabilisiert und die wirtschaftlichen Rahmendaten verbessert. Unabhängige Ökonomen prognostizieren für 2001 ein Wirtschaftswachstum von rund sieben Prozent. Einzelne Sektoren konnten in den letzten Monaten sogar deutlich stärker zulegen. So verzeichnete beispielsweise die Maschinenbaubranche im Januar ein Plus von 18,2 Prozent, die Chemiebranche konnte im selben Zeitraum um 10,2 Prozent zulegen.

Was sind die wichtigsten Reformen der Regierung Putin?

Eines von Putins Hauptzielen ist die Schaffung eines günstigen Investitionsklimas, vor allem für ausländische Investoren. Das Bruttoinlandsprodukt soll innerhalb der nächsten zehn Jahre verdoppelt werden. Durch radikale Steuerreformen, die unter anderem eine Senkung der Einkommensteuer auf 13 Prozent vorsehen, soll die Wirtschaft massiv angekurbelt werden. Mit Devisenreserven von 24 Milliarden Dollar steht dafür ein enormes Liquiditätspolster zur Verfügung. Von Seiten der Zentralbank wird eine Senkung der Inflationsrate von derzeit 20 auf zwölf Prozent angestrebt. Auch den konsequenten Umbau des russischen Bildungs-, Sozial- und Rentensystems hat die Regierung sich auf die Fahne geschrieben. Dies ist auch unbedingt erforderlich, wenn man sich vor Augen führt, dass rund ein Drittel aller Russen unterhalb der Armutsgrenze leben. Sollte Putin nur die Hälfte seiner Ziele erreichen, dürfte der russische Aktienmarkt die gesamten osteuropäischen Börsen innerhalb der nächsten Jahre outperformen.

Auf welche Marktsegmente konzentrieren Sie sich in Russland?

Russland ist das rohstoffreichste Land der Erde. Zu meinen Favoriten zählen weiterhin die Ölindustrie und Versorgungsunternehmen. Die besonderen Chancen dieser Branchen liegen in der Internationalisierung ihrer Absatzmärkte, die sie zunehmend vom russischen Wirtschaftssystem unabhängig macht. Speziell die Öllieferanten profitieren von steigenden Ölpreisen. Aber auch sinkende Preise wirken sich kaum auf die Wirtschaftlichkeit der Rohstoffunternehmen aus. Die Profitabilität der Öllieferanten ist erst ab einem Preis von 16 Dollar je Barrel gefährdet.

Welcher Ölwert ist am besten positioniert?

Ich halte die Aktie von A/O Tatneft mit ihrem aktuellen Kursstand von rund zehn Euro für sehr günstig bewertet. Tatneft ist im Ölbereich derzeit der billigste Wert. Die nachgewiesenen Ölreserven des Unternehmens und ein Kurs-Gewinn-Verhätnis zwischen eins und zwei rechtfertigen einen deutlich höheren Kurs. Zudem hat das Unternehmen seine Schulden in den letzten zwei Jahren stark reduziert. Als Kursziel für Tatneft halte ich 23 Euro für realistisch.

Und welcher Versorger hat Ihrer Ansicht nach das größte Potenzial?

Ich präferiere die Aktie von Unified Energy Systems, dem weltgrößten Stromversorger. Das Unternehmen beschäftigt rund eine Million Arbeitnehmer und ist für rund vier Prozent der weltweiten Stromverarbeitung verantwortlich. Unified ist mit 18 Prozent Indexgewichtung im russischen Standardwerte-Index RTS ein absolutes Marktschwergewicht an dem institutionelle Investoren nicht vorbei kommen. Die tendenzielle Entwicklung zum grenzüberschreitenden Stromverkauf sorgt für zusätzlich Phantasie. Das Kursziel für diesen Wert sehe ich bei 28 Euro.

Gibt es weitere Branchen mit Zukunft?

Seit den Korrekturen im September letzten Jahres halte ich die russische Telekommunikationsbranche wieder für interessant. Anders als der breite Markt hat diese noch nicht zu ihrer früheren Bewertung zurückgefunden. Das größte Potenzial dürfte Rostelcom haben. Der Telefonmonopolist ist Marktführer bei Ferngesprächen und im Festnetz. Neben einem hochmodernen Glasfasernetz bietet Rostelcom ein gutes Management mit guter Transparenz und Ertragskraft. Langfristig sorgt das Engagement in den Bereichen Internet und Satellitennetze für zusätzlich Phantasie.

Sie setzen also derzeit hauptsächlich auf Standardwerte?

Unbedingt. Ich empfehle jedem Anleger, sich bei einem Engagement in russische Aktien auf Unternehmen mit hoher Börsenkapitalisierung und starker Marktposition zu konzentrieren. Solche Werte findet man hauptsächlich im russischen Standardwerte-Index RTS. Bei diesen Blue Chips sind die größten Mittelzuflüssen durch institutionelle Anleger zu erwarten. Perlenfischer sind in Russland noch nicht gefragt.

Was sollten Anleger, die jetzt in den russischen Markt investieren wollen, grundsätzlich beachten?

Aufgrund der hohen Volatilität der Anlageregion sind russische Wertpapiere ausschließlich als Beimischung zu einem ausgewogenen internationalen Portfolio mit langfristiger Ausrichtung zu empfehlen. Investoren, die sich von der Schwankungsfreude des russischen Markts nicht abschrecken lassen, können mit einer großzügigen Risikozulage rechnen.

Jörg Peisert ist geschäftsführender Gesellschafter der JP&P Vermögensmanagement GmbH, Düsseldorf. Er hat sich auf die Vermögensberatung für Privatkunden mit Schwerpunkt auf den Schwellenländer-Börsen spezialisiert.



Text: @jüb
Bildmaterial: Peisert

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