Schwellenländer

Wahlsieg Erdogans versetzt türkische Finanzmärkte in Euphorie

23. Juli 2007 Mit satten Kursgewinnen von bis zu vier Prozent auf ein neues Rekordhoch von 55.059 Punkten reagiert die türkische Börse gemessen am ISE-100-Index am Montag im frühen Handel auf den voraussichtlichen Ausgang der Parlamentswahl vom Sonntag in der Türkei. Auch die türkische Lira legt deutlich zu und erreicht mit einem Plus von 1,4 Prozent auf 1,7344 Lira je Euro das stärkste Niveau seit dem Mai des vergangenen Jahres, als es zu einer massiven Abwertung gekommen war.

Die islamisch-konservative AKP von Ministerpräsident Tayyip Erdogan hat die Parlamentswahl in der Türkei überraschend klar für sich entschieden. Erdogan kündigte noch am Sonntagabend an, er werde demokratische Reformen und die wirtschaftliche Entwicklung ebenso weiter vorantreiben wie die Gespräche zur EU-Mitgliedschaft. Die unternehmerfreundliche AKP wird sich gleichwohl weiter mit den auf Trennung von Staat und Religion bedachten Kräften im Land - den Eliten und dem mächtigen Militär - auseinander setzen müssen, die der AKP vorwerfen, eine Islamisierung der Türkei anzustreben.

Wirtschaft in der Türkei stark gewachsen

Nach Auszählung nahezu aller Stimmen kam die AKP auf 47 Prozent und dürfte 339 Abgeordnete in das 550 Abgeordnete zählende Parlament entsenden. Wie erwartet übersprangen nur zwei weitere Parteien die Zehn-Prozent-Hürde: Die Republikanische Volkspartei (CHP) kommt auf 111, die ultrarechte Partei der Nationalen Bewegung (MHP) auf 73 Mandate. Zudem werden wohl einige unabhängige kurdische Abgeordnete den Sprung ins Parlament schaffen.

Die Wahlbeteiligung lag offenbar bei 80 Prozent. Stimmberechtigt waren 42,5 Millionen Türken. Nach dem Fehlschlag bei der geplanten Wahl von Außenminister Abdullah Gül zum Staatspräsidenten hatte Erdogan die Parlamentswahl um mehrere Monate vorgezogen. Der 53-Jährige Erdogan ist derzeit der populärste Politiker in der Türkei. Im Wahlkampf hatte er erklärt, sollte die AKP die absolute Mehrheit verfehlen und fortan einen Koalitionspartner benötigen, werde er sich aus der Politik zurückziehen.

Zum Börsenkurs

Unter der Regierung der AKP (Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung) ist die Wirtschaft in der Türkei stark gewachsen. Zudem begannen die Verhandlungen über eine EU-Mitgliedschaft, um die sich die Türkei 40 Jahre lang bemüht hat. „Wir werden weiter mit Entschlossenheit an unserem Ziel Europäische Union festhalten“, sagte Erdogan am Sonntagabend in der AKP-Zentrale nach dem sich abzeichnenden Wahlsieg.

Die laizistische Elite - auch Richter und Generäle - misstrauen Erdogan vor allem wegen seiner islamischen Wurzeln zutiefst. Um deren Befürchtungen zu zerstreuen und auch um in der städtischen Mittelklasse Stimmen zu gewinnen, hatte Erdogan vor der Wahl eine ganze Reihe islamisch orientierter Abgeordneter zum Mandatsverzicht gedrängt. Stattdessen kandidierten für die AKP mehr Frauen und liberale Bewerber.

Die Aussicht auf eine weiter wirtschaftsfreundliche Politik treibt die türkischen Finanzmärkte vorerst weiter an. Zumindest die gegenwärtig notorisch optimistischen internationalen Anleger preisen den marktwirtschaftlichen Kurs der Regierung Erdogan und blenden Risiken weitgehend aus, während lokale Anleger deutlich skeptischer sind. Die Risiken liegen nicht nur in der bisher heimlichen politischen Dominanz des türkischen Militärs, sondern auch im problematischen Umgang mit kurdischen Rebellen, die sich im Südosten der Türkei und im Norden des Iraks aufhalten. Seit Wochen gibt es Spekulationen darüber, die türkischen Truppen könnten in die Gebiete im Nordirak einmarschieren. Die PKK kämpft seit 1984 für ein unabhängiges Kurdistan. Dabei starben bislang 30.000 Menschen.

Trotz aller politischer Wirren jedoch wächst die Wirtschaft in der Türkei relativ robust. Im ersten Quartal des laufenden Jahres ist das Bruttoinlandsprodukt auf Jahresbasis von 5,2 Prozent im Vorquartal auf 6,8 Prozent gestiegen und hat damit die Erwartungen des Marktes übertroffen. Diese Entwicklung lässt sich unter anderem mit der starken Exportnachfrage aus Europa erklären. Sie erreichten mit einem Wert von umgerechnet 8,9 Milliarden Dollar einen neuen Rekordwert. Rund 60 Prozent der Exporte werden nach Europa geliefert und damit auch in Euro abgerechnet. So dürfte es kaum verwundern, dass auch die Währung des Landes in den vergangenen Monaten aufwertete. Dazu trugen auch Direkt- und Portfolioinvestitionen bei. Sie werden unter anderem von den hohen Zinsen in der Türkei angelockt.

Die Rendite von Anlagen am türkischen Geldmarkt beträgt zwischen 17,75 und 18,8 Prozent bei Laufzeiten von einem bis sechs Monaten. Die Rendite türkischer Staatsanleihen mit einer Restlaufzeit von fünf Jahren liegt bei knapp 16 Prozent. Auf der anderen Seite ist die Inflationsrate in der Türkei in den vergangenen Jahren deutlich zurückgegangen. Erreichte sie noch im Januar des Jahres 2002 Werte von 73 Prozent und mehr, so lag sie Ende Juni des laufenden Jahres noch bei 8,6 Prozent. Nach einem deutlichen Anstieg in der ersten Hälfte des vergangenen Jahres auf bis zu 11,7 Prozent befindet sei sich nun wieder auf dem Weg nach unten.

Regierung hat vor der Wahl die Staatsausgaben trotz hoher Verschuldung deutlich steigen lassen

Nicht nur die Exportindustrie trug im ersten Quartal mit einem Plus von 14 Prozent im Jahresvergleich zu konstanten Preisen des Jahres 1987 zum Wachstum bei, sondern auch die Bauwirtschaft mit einem Plus von satten 16,2 Prozent. Dem folgten die Staatsausgaben mit einem Plus von spendablen neun Prozent. Denn die Regierung hatte offensichtlich die Spendierhosen an, um für eine gute Stimmung und damit für gute Wahlchancen zu sorgen. In den ersten fünf Monaten des laufenden Jahres nahmen die Staatsausgaben ex Zinskosten um 23,4 Prozent zu. Die Regierung baute- ganz populistisch - unter anderem Wasserleitungen und Straßen in kleineren Städten und Dörfern. So etwas kommt an.
Aus diesem Grund könnte die Zentralbank jedoch zögern, den Leitzins von bisher 17,5 Prozent zu senken, auch wenn der Markt darauf spekuliert. Die Zentralbank hat das Ziel, die Inflationsrate in den kommenden Monaten auf vier Prozent zu senken, da dies mit dem Internationalen Währungsfonds so vereinbart wurde, um Milliardenkredite zu erhalten.

Aus diesen Gründen dürfte es kaum verwundern, dass die türkische Börse gegenwärtig nach oben läuft. Immerhin können die Unternehmen des Landes in diesem Umfeld gutes Geld verdienen. Manche restrukturieren sich gleichzeitig, indem sie Betriebsbestandteile, die nicht zum Kerngeschäft gehören, verkaufen. So möchte das Konglomerat Koc unter anderem den Anteil an der Ladenkette Migros Turk verkaufen, um mit den Einnahmen Schulden tilgen zu können. Auf Basis der Gewinnschätzungen für das laufende und das kommende Geschäftsjahr scheint die Aktie mit Kurs-Gewinnverhältnissen von 10,6 und 9,4 optisch sehr vernünftig bewertet zu sein. Allerdings wird dieser Eindruck durch ein Verhältnis von Fremd- zu Eigenkapital von 660 Prozent getrübt.

Das dürfte auch für den gesamten Markt gelten. Mit einem durchschnittlichen Kurs-Gewinnverhältnis von 14 auf Basis der abgelieferten Gewinne sind die türkischen Aktien optisch für ein Land mit ansprechenden Wachstumsraten, mit deutlichem Aufholpotential in punkto Wohlstand und mit einer interessanten geographischen Lage - Nähe zu Ölstaaten in Arabien und auch in Osteuropa, sowie zu Asien - noch sehr vernünftig bewertet. Allerdings dürfte die genaue Selektion ratsam sein.

Es dürfte auch ratsam sein, sich die Risiken von Investitionen in solchen Staaten bewusst zu machen. Sie sind erstens politischer Natur. Zweitens verzeichnet das Land im Außenhandel deutliche Defizite. Drittens ist es mit Schulden von insgesamt 465 Milliarden Dollar bei einem Bruttoinlandsprodukt von 378 Milliarden Dollar im vergangenen Jahr ziemlich stark verschuldet und damit ziemlich anfällig für alle nur denkbaren Turbulenzen. Das ist so, auch wenn die Anleger sich gegenwärtig in der „besten aller optimistischen Welten“ befinden und Risiken vielfach nicht mehr wahrnehmen wollen.

Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.



Text: @cri
Bildmaterial: FAZ.NET, Reuters, RZB

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