Aktienmarkt-Analyse

An den Börsen in Südosteuropa brennt die Hütte

Handel an der Börse in Istanbul

Handel an der Börse in Istanbul

14. März 2008 Gut, auch der Dax hat gemessen an seinem Rekordhoch schon fast 20 Prozent an Wert verloren. Doch das ist noch harmlos mit dem, was derzeit an den Börsen in Südosteuropa passiert. Denn an den Aktienmärkten dort bläst den Anlegern ein noch stärkerer Sturm, oder besser gesagt Orkan entgegen.

Einige Beispiele gefällig: In Kroatien hat der Crobex-Index verglichen mit dem Hoch 26 Prozent eingebüsst, der türkische ISE National 100 Index 27 Prozent, der rumänische BET Index 32 Prozent und der mazedonische MBI 10 Index 35 Prozent. Doch es geht noch schlimmer: In Bulgarien ist der BG 40 Index um 39 Prozent abgesackt, der Moste Index in Montenegro um 45 Prozent und der Belex 15 Index in Serbien um 52 Prozent. Aber den Vogel abgeschossen haben in Sarajewo der BIFX Index mit minus 55 Prozent und in Banja Luka der BIRS Index mit minus 60 Prozent.

Exzesse und Schwächen werden jetzt gnadenlos bestraft

Das sind natürlich extreme Verluste und das erschreckende dabei ist die Tatsache, dass sich die Abwärtsdynamik teilweise in den vergangenen Handelstagen noch beschleunigt hat. Dabei schien es vor nicht allzu langer Zeit noch so, als ob diese Börsen wegen der Phantasie einer EU-Annäherung und Angleichung der Lebensverhältnisse an den Westen nur den Weg nach oben kennen würden. Doch für die dabei aufgetretenen spekulativen Übertreibungen und die bestehenden politischen und wirtschaftlichen Schwachstellen treiben die Bären nun ebenso rigoros die Zeche ein, wie zuvor die Bullen die Hausse hemmungslos zelebriert hatten.

Den eingetretenen Kater mit ausgelöst hat mit der Kreditkrise ein externer Faktor. In Zeiten einer weltweit stark gesunkenen Risikobereitschaft konzentrieren sich die Anleger stärker auf Schwächen wie hohe Leistungsbilanzdefizite (Bosnien minus 13,3 Prozent für 2007 gemessen am Bruttoinlandsprodukt, Bulgarien minus 20,4 Prozent, Rumänien minus 14,5 Prozent, Serbien minus 16,8 Prozent) und steigende Inflationsraten (hier hatte Bulgarien 2007 mit 12,5 Prozent die Führerschaft inne gefolgt von Serbien mit 10,1 Prozent) sowie auf üppige Bewertungen als auf die zweifellos ebenfalls vorhandene Wachstumsphantasie.

Selbst jetzt kann noch nicht wieder durchgängig von niedrigen Bewertungen gesprochen werden. So weisen die Internetseiten der Börsen in Sofia für die in ihrem Leitindex vertretenen Aktien im Schnitt ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von rund 21 und ein Kurs-Buchwert-Verhältnis von mehr als drei auf. In Belgrad kommen die dortigen Standardwerte im Durchschnitt selbst nach der Kurshalbierung auf ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von 29 und ein Kurs-Buchwert-Verhältnis von gut zwei.

Noch keine tragfähige charttechnische Bodenbildung in Sicht

Zu allem Überfluss hat sich ausgerechnet in Zeiten einer gestiegenen Risikoaversion auch die politische Lage verdüstert. Die Abspaltung des Kosovos von Serbien und der vehemente Widerstands Belgrads gegen diese Entwicklung hat die Investoren daran erinnert, wie schwach das Fundament des Friedens in den Nachfolgestaaten Ex-Jugoslawiens noch immer ist. Wie groß das Chaos momentan etwa in Serbien ist, zeigt sich auch daran, dass die Notenbank in Reaktion auf den Rücktritt der Regierungskoalition, aber auch wegen der steigenden Inflation, die Leitzinsen gleich um 300 Basispunkte auf 14,5 Prozent angehoben hat. Das ist natürlich Gift für den Aktienmarkt.

Die zur Schau getragenen politischen Muskelspiele sind zudem für Anleger aus dem Westen nur schwer nachzuvollziehen und nicht dazu angetan, neue Investoren anzulocken. Bis sich nicht abzeichnet, dass in der Region alles friedlich bleibt und der EU-Annäherungsprozess fortgesetzt wird, dürfte den Börsen eine Rückkehr in die Erfolgsspur schwer fallen.

Nachdem die Kursbewegungen an den Börsen der Region in der Boomphase nach oben übetrieben wurden, so kommt es nun zu entsprechenden Extremen auf der Gegenseite nach unten. Hält die Ausverkaufsstimmung noch etwas an, dann lassen sich sicherlich bald die ersten echten Schäppchenkäufe machen. Davon zu profitieren werden jedoch vermutlich nur wirklich hart gesottene Anlagepioniere. Immerhin ist alleine die unsicher gewordene politische Ausgangslage dazu angetan, die Mehrzahl der Anleger von einem Engagement abzuhalten. Aus charttechnischer Sicht ist diese Haltung durchaus sinnvoll. Denn angesichts völlig intakter Abwärtstrends ist eine Wende noch nicht in Sicht. Erst nach einer sichtbaren Bodenbildung kann über Neuinvestments in größerem Stil nachgedacht werden.

Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.



Text: @JüB
Bildmaterial: FAZ.NET, REUTERS

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