Gastkommentar

Vorsicht beim Kauf „ausgebombter“ Werte

Von John Dorfman, Dorfman Investments/Bloomberg

21. Dezember 2005 Während sich das Jahr 2005 dem Ende zuneigt, durchstöbern Schnäppchenjäger die Reihen der heftig gebeutelten Titel und versuchen herauszufinden, welche dieser Aktien ihr Schicksal verdienen und welche übermäßig abgestraft wurden.

Hier ist meine Meinung zu den sieben Titeln mit den größten Verlusten unter allen amerikanischen Aktien mit einem Marktvolumen von einer Milliarde Dollar oder darüber. Die aufgeführten Zahlen sind Gewinne, nach Dividenden, bis einschließlich 16. Dezember.

Anhaltende Verluste bei OSI Pharmaceuticals

OSI Pharmaceuticals ist der größte Verlierer mit einem Kursverlust von 68 Prozent. Das Unternehmen stellt Tarceva, ein Lungenkrebs-Präparat, her, das vergangenen Monat die Genehmigung der amerikanischen Gesundheitsbehörde FDA für die Verwendung bei Bauchspeicheldrüsenkrebs erhalten hat. Einige Analysten prognostizieren Tarceva ein Marktvolumen von 900 Millionen Dollar jährlich. 2004 verzeichnete OSI einen Nettoverlust von 260 Millionen Dollar bei einem Umsatz von 42,8 Millionen Dollar, vor dem Hintergrund der Entwicklung von Präparaten für Krebs, Diabetes und andere Krankheiten.

In den ersten drei Quartalen 2005 erwirtschaftete OSI einen Verlust von rund 77 Millionen Dollar bei einem Umsatz von 88 Millionen Dollar. Analysten schätzen, daß OSI 2006 nahezu kostendeckend arbeiten dürfte. Im November gab OSI die Übernahme von Eyetech Pharmaceuticals für rund 830 Millionen Dollar in bar und in Aktien bekannt. Eyetech produziert ein Präparat zur Behandlung altersbedingter Makuladegeneration, die zu Blindheit führen kann. Das Konkurrenzpräparat Lucentis von Genentech scheint effektiver zu sein. Viele Investoren zweifeln, daß Eyetech den Preis wert ist, den OSI gezahlt hat. OSI hat in jedem der vergangenen 18 Jahre Verluste verzeichnet. Trotz der guten Nachrichten über Tarceva würde ich die Aktie nicht kaufen.

Überreaktion der Anleger auf Schwierigkeiten bei Dana

Dana stellt Fahrzeugteile für Lkw und Pkw her. Der Aktienkurs ist im Jahresverlauf um 61 Prozent gesunken, da Autohersteller Schwierigkeiten beim Absatz ihrer Fahrzeuge haben und steigende Zinsen Investoren von zyklischen Titeln abschrecken. Darüber hinaus betragen Danas Schulden 101 Prozent des Eigenkapitals. Man sollte jedoch berücksichtigen, daß Dana in zwölf der vergangenen 15 Jahre einen Gewinn erzielte. Ich denke, daß Investoren auf die Schwierigkeiten des Unternehmens überreagiert haben, was das Kurs-Gewinn-Verhältnis auf fünf gedrückt hat, während das Kurs-Umsatz-Verhältnis bei 0,11 und das Kurs-Buchwert-Verhältnis bei 0,44 (Buchwert: Vermögenswert minus Verbindlichkeiten pro Aktie) liegen. Ich halte eine Kurserholung für fällig. Ich habe selbst Kaufoptionen auf Dana-Aktien im Portfolio, für mich und einige mutigere Kunden.

Gateway, ein PC-Hersteller, verzeichnete einen Kursverlust von 55 Prozent. Ich habe selbst für einige Zeit in diesem Jahr eine Short-Position auf den Titel gehalten und daher von einem Teil des Kursrückgangs profitiert. Es ist verlockend, die Aktie bei einem Kurs von derzeit 2,63 Dollar zu kaufen, angesichts eines Allzeithochs von 82,50 Dollar Ende 1999. Nach vier aufeinanderfolgenden Verlustjahren wird für das laufende Jahr ein Gewinn von 13 Cents je Aktie und für 2006 von 18 Cents je Aktie erwartet. Sollte man auf die Wende setzen? Ich würde nicht dazu raten. Auf dem PC-Markt herrscht ein brutaler Wettbewerb, und ich glaube nicht, daß die Gateway- Aktie bei einem geschätzten Kurs-Gewinn-Verhältnis von 15 (2006) billig genug ist, um das Risiko aufzuwiegen.

Lear, ein Autoteilehersteller, liegt um 53 Prozent unter dem Kurs vom Jahresbeginn 2005. Bei einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 13 habe ich kein Problem mit Schnäppchenjägern. Persönlich bevorzuge ich allerdings die günstiger bewerteten Titel von Dana.

Gemstar muß man nicht haben

Nummer fünf in der Reihe der Verlierer ist Gemstar-TV Guide International, dessen Kurs seit Jahresbeginn um 52 Prozent gefallen ist. Das Unternehmen gibt Fersehmagazine in Print-, sowie online und Bildschirmformat heraus. In diesem Monat legte Gemstars frühere Chief Financial Officer Elsie Leung einen Rechtsstreit bei, den die amerikanische Aufsichtsbehörde SEC 2003 eingereicht hatte. Sie und der frühere Chief Executive Officer Henry Yuen wurden angeklagt, falsche Werbeeinnahmen angegeben und damit den Umsatz zwischen 1999 und 2002 um rund 248 Millionen Dollar aufgebläht zu haben. Yuen schloss keinen Vergleich, sein Verfahren begann am 7. Dezember in Los Angeles. In einem getrennten Verfahren hat er sich schuldig bekannt, Dokumente zerstört zu haben. Bei Gemstar sind neue Manager an Bord. Dennoch sehe ich keinen Anlaß, hier den Boden zu suchen. Das Unternehmen hat in sieben der vergangenen zehn Jahre Verluste ausgewiesen und die Aktie wird mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 28 gehandelt (bezogen auf die letzten vier Quartale).

First Marblehead ist ein Anbieter von Studentendarlehen. Der Aktienkurs ist in diesem Jahr um 51 Prozent gefallen und ist ein beliebtes Ziel von Leerverkäufern. Im September trat Daniel Meyers als Chairman zurück, nachdem bekannt geworden war, daß er teure Geschenke mit einer Angestellten eines großen Kunden ausgetauscht hatte - diese wurde später durch das Wallstreet Journal als Kathy Cannon identifiziert, eine leitende Angestellte der Abteilung für Studentendarlehen bei der Bank of America. Kürzlich hat die Bank of America bekannt gegeben, daß sie ihren Vertrag mit First Marblehead neu verhandeln will. Ich mag First Marblehead ein bißchen. Die Bewertungen des Unternehmens sind jedoch gemischt. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis von 12 ist in Ordnung, aber das Kurs-Buchwert-Verhältnis von 4,7 und das Kurs-Umsatz-Verhältnis von 4,4 sind ungemütlich hoch.

Kinetic Concepts - zu früh zum Kauf

Kinetic Concepts stellt Produkte zur Wundbehandlung her. Die Titel des Unternehmens haben um 51 Prozent an Wert verloren, zum Teil durch die Ankündigung neuer Konkurrenz in diesem Bereich. Kinetic hat in den vergangenen fünf Jahren seinen Umsatz jährlich um 25 Prozent gesteigert, und hat in 17 von 18 Jahren einen Gewinn ausgewiesen. Meiner Ansicht nach rechtfertigen die Nachrichten dieses Jahres einen solchen Kursrückgang nicht - andererseits war Kinetic im Jahr 2004 wahrscheinlich überbewertet. Eine Sorge besteht: Kinetic hat Schulden in Höhe von 223 Prozent des Aktienkapitals. Ich bevorzuge normalerweise Unternehmen mit geringen Schulden. Ich glaube, daß Kinetic mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 18 derzeit fair bewertet ist. Falls der Kurs weiter fällt, würde ich vielleicht kaufen.

Text: Bloomberg
Bildmaterial: FAZ.NET

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