Banken in der Finanzkrise

Was das Debakel kostet

Von Christian von Hiller

Protest in Washington gegen staatliche Hilfe in Milliardenhöhe für die notleidenden Banken

Protest in Washington gegen staatliche Hilfe in Milliardenhöhe für die notleidenden Banken

30. September 2008 Die Finanzkrise ist keine Angelegenheit, die sich im Wilden Westen jenseits des Großen Teichs abspielt. Nachdem die ersten Banken in den Vereinigten Staaten umgefallen sind, häufen sich auch in Europa die Schadensfälle - die Einschläge sind schon ganz nah gekommen.

Mit der Hypo Real Estate drohte die Krise, sogar eine im Dax notierte Bank hinwegzufegen. Damit erreicht das Debakel eine neue Qualität. Denn Schadensfälle bei Banken wie der IKB oder der SachsenLB hätte die deutsche Kreditwirtschaft verkraften können. Mit der Hypo Real Estate wäre das Bankwesen hierzulande schon schmerzlicher getroffen worden.

Die Lage ist dramatisch

Dennoch scheint die Lösung zum großen Teil in den Vereinigten Staaten zu liegen. Die große Frage bleibt: Kann der amerikanische Staat die großen Banken der Welt aus der Krise heraushauen? Die Zweifel blieben, auch nachdem der amerikanische Finanzminister Henry „Hank“ Paulson, der früher selbst an der Spitze der Investmentbank Goldman Sachs stand, einen Rettungsplan über 700 Milliarden Dollar für die amerikanischen Banken angekündigt hatte. Die Skeptiker verbuchten einen Etappensieg, nachdem das Paket nun erst einmal im amerikanischen Repräsentantenhaus durchgefallen ist.

Dabei ist die Lage dramatisch. Das Eigenkapital der Banken reicht offenbar nicht aus, um die Verluste auszugleichen, die bisher in der Branche angehäuft worden sind. Und die Kreditinstitute sind nach wie vor nicht gewillt, sich gegenseitig Kredit zu geben.

522 Milliarden Dollar Verlust haben die Banken bisher laut der Nachrichtenagentur Bloomberg weltweit ausgewiesen. Dem steht ein Kapital von insgesamt nur 370 Milliarden Dollar gegenüber. Rund die Hälfte des kumulierten Verlustes - 263 Milliarden Dollar - entfällt allein auf die amerikanische Bankbranche bei einem Kapital von zusammen 184 Milliarden Dollar.

Unentdeckte Risiken?

Doch diese Zahlen sagen nichts über die Risiken aus, die möglicherweise noch unentdeckt in den Bilanzen der betroffenen Banken schlummern. Denn eine Wende in der Finanzkrise hängt davon ab, ob die Banken weitere Abschreibungen und Wertberichtigungen auf Kredite und Wertpapiere vornehmen müssen.

Um die amerikanischen Banken von ihren notleidenden Immobilienkrediten in ihren Bilanzen zu befreien, springt die Regierung mit einem Rettungsfonds ein, dem die Banken ihre Kredite verkaufen können. Der springende - und bisher noch offene - Punkt ist, zu welchem Preis Washington Forderungen und Vermögenswerte aufkaufen wird.

Die Banken können sich auch gegen einen Verkauf entscheiden, wenn sie glauben, dass sich mit den notleidenden Aktiva ein höherer Preis erzielen lässt, falls sich der Markt wieder etwas erholt haben wird.

Die amerikanischen Banken machen allein die Hälfte aus

In den vergangenen Tagen lag der Fokus auf den amerikanischen Banken. Allerdings sind auch die europäischen stark betroffen. Auf 235 Milliarden Dollar beläuft sich bisher laut Bloomberg der Verlust der europäischen Banken, dem ein Kapital von insgesamt 164 Milliarden Dollar gegenüber steht. Allein die asiatischen Geldhäuser sind von der Finanzkrise kaum betroffen: Ihren Verlust beziffert Bloomberg auf 24 Milliarden Dollar bei einem Kapital von 22 Milliarden Dollar.

Die Bloomberg-Liste der Banken mit dem weltweit höchsten Verlust führt die Citigroup mit 55 Milliarden Dollar an, gefolgt von Merrill Lynch mit 52 Milliarden und der Schweizer UBS mit 44 Milliarden. Der größte deutsche Schadensfall ist die IKB auf Rang 8. Die Deutsche Bank rangiert auf Platz 13 und die BayernLB auf Rang 21.

Was passiert in Europa?

Dass die europäischen Banken bisher weniger stark getroffen wurden als die amerikanischen Konkurrenten, bedeutet nicht, dass diese nicht auch noch in größere Turbulenzen geraten. „Bisher blieben die europäischen Banken von den Krämpfen verschont, die das amerikanische Finanzsystem plagen“, heißt es in einer Analyse des Centre for European Policy Studies (CEPS). „Das ist erstaunlich, kommen die führenden Banken Europas doch auf eine Verschuldungshebel (oft von mehr als 30, manchmal bis zu 50), der unter den gegebenen Marktkonditionen als ein Desaster im Wartestand bezeichnet werden müssen.“

Der Verschuldungshebel ergibt sich aus dem Verhältnis der Aktiva zum Eigenkapital einer Bank. Bei der UBS überstiegen Mitte des Jahres die Aktiva laut CEPS das Eigenkapital um den Faktor 47. Dies bedeutet, dass die Bank praktisch keine Reserven hat, wenn sich der Wert ihrer Vermögenswerte - dies sind beispielsweise Kreditforderungen gegenüber ihren Kunden - stark vermindert.

Der Verschuldungsgrad der ING, die in Deutschland mit der Direktbank ING Diba vertreten ist, beträgt 49, der der Deutschen Bank belief sich Ende vergangenen Jahres auf 52,5. In Großbritannien ist die Lage kaum besser: Barclays wies zur Jahresmitte einen Verschuldungsgrad von 61 aus.

Andere Strukturen für die Bankbranche

Die Finanzkrise verändert auch die Strukturen im Finanzgeschäft. Die großen Investmentbanken, die an der Wall Street übrig geblieben sind, wollen sich in normale Geschäftsbanken umwandeln, die auch normale Bankdienstleistungen wie zum Beispiel Girokonten anbieten dürfen.

Der Grund ist, dass Goldman Sachs und Morgan Stanley verstärkt um das Vertrauen der Öffentlichkeit und der Märkte werben müssen. Denn die aufsichtsrechtlichen Vorschriften in den Vereinigten Staaten waren für Investmentbanken, die keine Privatkunden betreuen dürfen, weniger streng als für Geschäftsbanken.

Das Ende der Supermarkt-Banken?

Dies dürfte erst der Anfang gewesen sein. Die Finanzkrise wird die Bankbranche dauerhaft verändern. Schon in den vergangenen Jahren hat sich der Wandel angekündigt und beispielsweise in Frankfurt deutlich gezeigt: Neben den Großbanken, die immer noch optisch die Silhouette der Stadt prägen, haben sich ungezählte kleine Investmentboutiquen, Finanzberater, Hedge-Fonds-Betreiber oder Kreditvermittler etabliert.

Manche Unternehmensberater sagen schon voraus, dass sich die Zeit der Supermarkt-Banken, die sämtliche Finanzgeschäfte aus einer Hand anbieten wollen, dem Ende entgegen gehe und von kleineren, beweglicheren, schnelleren und oft hoch spezialisierten Finanzfirmen abgelöst würden.

Vor Jahren schon hat Microsoft-Gründer Bill Gates mit seiner Feststellung für Furore gesorgt: „Banking is necessary, banks are not.“ Diese Aussage könnte vor dem Hintergrund der Finanzkrise eine ganz neue Dramatik bekommen.

Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AFP, AP, ASSOCIATED PRESS, ddp, dpa, F.A.Z., FAZ.NET, REUTERS

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