Wall Street

Fallende Gewinnprognosen in Amerika

07. Januar 2009 An den amerikanischen Börsen gibt es derzeit widersprüchliche Trends. Einerseits haben sich die Kurse der großen Marktbarometer seit ihren Tiefständen im November deutlich erholt. Der Dow Jones-Index ist in dieser Zeit um knapp 20 Prozent und der breiter gefasste Aktienindex S&P 500 um rund 24 Prozent gestiegen. Andererseits sind die Gewinnerwartungen für die Unternehmen wegen der andauernden Rezession dramatisch gefallen.

Nach Angaben des Informationsdienstes Thomson Reuters rechnen Analysten für die im S&P 500 abgebildeten Unternehmen im vierten Quartal 2008 aktuell mit einem Gewinnrückgang um durchschnittlich 1,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Anfang Oktober hatten die Auguren allerdings noch mit einem Gewinnanstieg von knapp 47 Prozent kalkuliert. Auch für das laufende erste Quartal 2009 haben die Analysten ihre Erwartungen zuletzt deutlich reduziert. Unternehmensgewinne spielen für die Entwicklung der Kurse eine entscheidende Rolle, weil Aktien Anteile an Unternehmen verbriefen.

Alcoa belastet vorab die Stimmung

Die Bilanzsaison für das vierte Quartal wird vorerst den Handel an der Wall Street prägen. In der kommenden Woche wird der Aluminiumhersteller Alcoa als erster Wert des Dow Jones seine Ergebnisse vorlegen und damit den traditionellen Startschuss für die Quartalssaison geben. Alcoa hatte am Dienstag nach Börsenschluss jedoch tiefgreifende Stellenkürzungen und eine Drosselung der Produktion angekündigt, um auf den Wirtschaftsabschwung zu reagieren. Das belastete am Mittwoch die New Yorker Börse. Zudem verfehlte der Halbleiterhersteller Intel die eigenen Umsatzprognosen.

Überdurchschnittlich stark gefallen sind die Prognosen für Finanzdienstleister, Grundstoffhersteller und konjunktursensible Konsumwerte, zu denen die unter einem drastischen Absatzeinbruch leidenden Autohersteller gehören. Auch die Prognosen für Energieunternehmen, deren Erträge von den gefallenen Rohölpreise belastet werden, sind deutlich zurückgegangen. Trotz der insgesamt rückläufigen Erwartungen dürften Finanzwerte im vierten Quartal dennoch das stärkste Gewinnwachstum unter den Segmenten des S&P 500 ausweisen, heißt es bei Thomson Reuters. Das liegt aber vor allem an den Vergleichszahlen aus dem vierten Quartal 2007, als die Finanzdienstleister tief in die roten Zahlen gerutscht waren.

Weil die Finanzwerte damals Verluste ausgewiesen hatten, kann keine Wachstumsrate für das vierte Quartal 2008 berechnet werden. Analysten rechnen aber mit einem kleinen Gewinn für die Branche. "Finanzwerte werden das Gewinnwachstum unterstützen", sagt Ashwani Kaul, Analysedirektor bei Thomson Reuters. Ansonsten erwarten die Auguren nur für konjunkturunabhängige Segmente wie nicht-zyklische Konsumwerte, Versorger und Gesundheitstitel einen Gewinnzuwachs im einstelligen Prozentbereich.

Sind Gewinnenttäuschungen schon in den Kursen 'drin?

Allerdings scheinen Gewinne für die seit mehr als einem Jahr unter der Kreditkrise leidende Finanzbranche keine ausgemachte Sache. Einige Analysten fürchten, dass sogar bisher relativ unbeschadete Institute wie J.P. Morgan Chase in die Verlustzone rutschen könnten. Die Spanne der Erwartungen für J.P. Morgan, der gemessen am Börsenwert größten Bank Amerikas, reichen von einem Verlust von 20 Cent bis zu einem Gewinn von 71 Cent je Aktie. Die durchschnittliche Gewinnprognose von 11 Cent je Anteilschein würde einem Nettogewinn von 410 Millionen Dollar entsprechen - und einem Einbruch des Gewinns um 86 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Analysten haben die Gewinnerwartungen für Banken generell zurückgenommen, weil die zunehmende Arbeitslosigkeit zu weiteren Ausfällen bei Kreditkarten, Hypotheken und Verbraucherkredite führen könnte. Banken hatten bereits in den vergangenen Quartalen ihre Rückstellungen wegen drohender Verluste in diesen Bereichen erhöht.

Einige Aktienmarktstragen begründeten die jüngste Kurserholung trotz der schwachen Gewinnerwartungen der Unternehmen mit den niedrigen Bewertungen der Aktien und der Hoffnung auf das angekündigte Konjunkturprogramm des neuen Präsidenten Obama. „Wir werden den Tiefpunkt im ersten Quartal sehen, und ich glaube, dass der Kursaufschwung dann das ganze Jahr 2009 über andauern wird“, sagte Chris Orndorff, der beim kalifornischen Wertpapierhaus Payden & Rygel für Aktienanlagen verantwortlich ist. Orndorff rechnet für den S&P 500 mit einem Kursanstieg von 20 Prozent in diesem Jahr. Analysten wie Richard Sparks von Schaeffer's Investment Research glauben, dass die schlechten Gewinnerwartungen für das Quartal in den Aktienkursen schon reflektiert sind: „Selbst schlechte Nachrichten, wenn sie nicht so schlimm ausfallen wie befürchtet, könnten positiv aufgefasst werden".

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z.

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