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„Der Hauptschuldige am Telekom-Desaster ist der Bund“

Die Telekom-Hauptversammlung: Ort für Kritik

Die Telekom-Hauptversammlung: Ort für Kritik

14. August 2002 Die Aktionärsschützerin Anneliese Hieke, Chefin eines von ihr gegründeten Aktionärsvereins, klagt gegen MLP und kritisiert die Deutsche Telekom in der Öffentlichkeit scharf.

Der Bund trägt die Hauptschuld daran, dass die Aktionäre dem Unternehmen nicht mehr vertrauen, sagt sie, und fordert die vollständige Privatisierung. Ein Interview.

Frau Hieke, Sie waren 15 Jahre lang bei der SdK aktiv, zuletzt als stellvertretende Vorsitzende. Vor zwei Jahren haben Sie den Verein „Aktionärinnen e.V.“ gegründet. Brauchen Frauen einen speziellen Anlegerschutz?

Nein. Ich war zu dem Zeitpunkt schon lange in der Frauenarbeit aktiv, habe mehrere Jahre lang den Beirat Frauen im Mittelstand in Bonn geleitet und war Landesvorsitzende des Verbands deutscher Unternehmerinnen für Baden, Pfalz und Saar. Aus diesem Umfeld sind zu Zeiten des Börsenbooms Frauen auf mich zugekommen. Sie wollten mehr Hintergrundwissen haben und haben nach einem Umfeld gesucht, in dem sie alle möglichen Fragen stellen könnten. Zudem hatte ich zu dem Zeitpunkt gesundheitliche Probleme und ein paar Differenzen mit dem SdK-Vorsitzenden. Alles zusammen hat das zu dem Entschluss geführt, diesen Verein zu gründen.

Haben sich die Frauen in den bis dahin existierenden Aktionärsschutzvereinigungen nicht repräsentiert gefühlt?

Das kann man so nicht sagen. Die Frauen wollten vor einem Aktienkauf genau wissen, worauf sie sich damit einlassen. Wir waren aber ziemlich schnell kein reiner Frauenverein mehr, weil viele einfach ihre Männer mitgebracht haben.

Der Verein vermittelt in erster Linie Hintergrundwissen. Wir machen monatlich eine Veranstaltung zu verschiedenen börsenrelevanten Themen, beispielsweise zu Bilanzen, zur Gewinn- und Verlustrechnung oder zu Abfindungen. Die Vereinsmitglieder können sich auch Themen wünschen. Dafür zahlen sie 24 Euro im Jahr. Wer möchte, kann sich von mir auch auf einer Hauptversammlung vertreten lassen - obwohl ich immer versuche, die Leute zu motivieren, selbst hinzugehen. Anfangs habe ich bundesweit gearbeitet, jetzt habe ich die Vereinsarbeit auf den Rhein-Neckarraum beschränkt. Die monatlichen Treffen finden in Neckargemünd statt.

Geben Sie auch Rechtsbeistand?

Ich informiere nur über die rechtlichen Regeln und über mögliche Kontaktpersonen, die weiterhelfen.

Das klingt jetzt so, als ob sie nur Aufklärungsarbeit im Hintergrund leisteten. Sie waren ja aber vor allem in den Medien, weil sie sich mit schwergewichtigen Aktiengesellschaften angelegt haben, zum Beispiel mit der Telekom oder mit MLP.

Gegen MLP habe ich Ende 2000 geklagt, da hat unser Verein schon bestanden. Ich habe aber auch viele Klagen begleitet, als ich noch bei der Schutzgemeinschaft war. Damals hat der Vorstand entschieden, ob man klagt. Jetzt entscheide ich selbst.

Macht es Ihnen Spaß, sich ausgerechnet mit großen Unternehmen anzulegen?

Ich lege mich mit einem Unternehmen an, wenn ich merke, dass ich von seinen Vertretern angelogen worden bin. Wenn ich das Gefühl habe, man ist nicht ehrlich mir gegenüber, dann gehe ich den Dingen auf den Grund.

Wie ist der Stand der MLP-Klage?

Die erste Klage vom Dezember 2000 liegt zur Zeit beim OLG in Karlsruhe. Jetzt ist eine neue Klage eingereicht, die von vier Parteien getragen wird, unter anderem von mir und der Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre. Die Klagen richten sich gegen die Kapitalerhöhung mit Bezugsrechtsausschluss für die freien Aktionäre, zum Vorteil von Lautenschläger und Termühlen, gegen die Gewinn-Hochrechnungen bis zum Jahr 2010 und darüber hinaus, die ja schon im ersten Jahr nicht eingehalten wurden und im laufenden Jahr wahrscheinlich erst recht nicht, dagegen, dass Gewinne ausgewiesen wurden, die noch gar nicht verdient worden sind, und gegen die Art, wie bei MLP Rückversicherungen verbucht werden. Am 28. August soll entschieden werden, ob die erste Klage vorläufig ruht, zugunsten der neuen Klage. Vielleicht entscheidet man auch schon insgesamt.

Sie gehören auch zu den schärfsten Kritikern der Deutschen Telekom. Ändert sich nach dem Rücktritt von Herrn Sommer etwas im Unternehmen Telekom?

Nein. Wer immer der Vorstand ist, muss machen, was der Bund will. Möglicherweise war es Sommers größter Fehler, nicht gleich bei seinem Eintritt in die Gesellschaft protestiert zu haben. Damals musste er die erste Bilanz unterzeichnen, in der die Immobilien weit überbewertet waren. Ohne diese Überbewertung hätte die Telekom kaum an die Börse gehen können. Das haben ja auch Sihler und Winkhaus mitgemacht. Der Aufsichtsrat der Telekom ist eine illustre Gesellschaft, aber ich bezweifle, dass er das Unternehmen wirklich kontrolliert.

Sollte die Telekom vollständig privatisiert werden?

Ja, natürlich, und auch die Stellung der vielen verbeamteten Beschäftigten müsste neu geregelt werden. Aber der Bund hat ja vor allem ein Interesse daran, die Aktien zu überteuerten Preisen auf den Markt zu werfen. Das war schon bei den bisherigen Emissionen so. Ich finde, der Bund sollte mindestens die Hälfte der letzten Telekom-Emission zurückzahlen. Er hat das ganze Geld eingestrichen, obwohl ja intern bekannt gewesen sein muss, dass die Aktie nicht so viel wert war. Keine einzige Mark ist in die Kasse des Unternehmens geflossen. Dem Kleinaktionär hat man die Aktie zu weit überhöhten Preisen aufgeschwatzt. Jetzt ist das Vertrauen natürlich weg, und der Hauptschuldige daran ist für mich der Bund. Wer immer den Telekom-Vorstand macht, wird es unter diesen Umständen furchtbar schwer haben.

Gibt es denn auch Unternehmen, die Sie für eine gute und ehrliche Infopolitik loben?

Wenn es angebracht ist, loben wir auch, aber dafür sind Aktionärsschützer ja nicht da. Wir tun ja mit unserer Kritik auch den anderen Aktionären einen Gefallen, denn auch sie erfahren mehr. Wenn die Unternehmen wissen, dass auf der Hauptversammlung ein paar kritische Frager kommen, bereiten sie sich besser vor und müssen ausführlicher Auskunft geben. Das Problem ist nur, dass uns frühe Warnungen oft nicht geglaubt werden. Bei MLP habe ich schon gewarnt, als der Kurs fast bei 170 Euro war, da hat mir kein Mensch geglaubt. Damals hätte noch jeder Gelegenheit gehabt, die Aktie zu einem guten Preis zu verkaufen. Wenn der Kurs ganz unten ist, schreit jeder, aber dann nützt es dem Aktionär nichts mehr.

Dann müssen ihre Warnungen im Moment ja ziemlich Konjunktur haben.

Es ist ja nicht mein Ziel, dass der Aktienkurs so verfällt. Aber wenn in der sehr stark fondsgebundenen Branche in Zeiten, in denen alle Fonds Verluste machen, Finanzdienstleister auch Verluste melden und ein einziges Unternehmen - MLP - Gewinne verkündet, dann müssten doch auch bei anderen die Alarmglocken klingeln.

Machen Sie ihre Arbeit ehrenamtlich?

Ja. Ich habe immer ehrenamtlich gearbeitet. Die SdK zahlte mir die Fahrtkosten und einen kleinen Bürokostenzuschuss. Im Moment gehe ich zu den Hauptversammlungen der Unternehmen, von denen ich selbst Aktien habe, und dort vertrete ich auch andere. Aber das darf am Inhalt meiner Rede nichts ändern.

Kritiker bemängeln immer wieder, dass Aktionärsschützer oft in Aufsichtsräten von Unternehmen sitzen, die sie beobachten.

Ich bin auch in einem Aufsichtsrat und halte das sogar für sehr angebracht. Man kann im Aufsichtsrat, wenn man die Vertretung der Kleinaktionäre ernst nimmt, schon im Vorfeld einiges abklären und bereinigen. Ein Aufsichtsrat sollte sich ja nicht aus guten Freunden oder Lieferanten zusammensetzen, sondern ein Spiegelbild der Anteilseigner sein. Bei einer Gesellschaft, die zu 40 Prozent im Streubesitz ist, sollten eigentlich 40 Prozent der Kapitaleigner im Aufsichtsrat aus dem Streubesitz kommen.

Aber Aufsichtsratsmitglieder erhalten ja Geld für ihre Arbeit. Entsteht dadurch nicht zwangsläufig eine Abhängigkeit?

Das sehe ich nicht so. Wenn ein Aufsichtsrat seine Arbeit ernst nimmt, soll er auch eine Aufwandsentschädigung bekommen. Nur überdimensioniert sollte die nicht sein.

Zurück zu Ihrem Verein, den „Aktionärinnen“. Gibt es eine Kontaktadresse für potenzielle Mitglieder?

Die Adresse ist: Aktionärinnen e.V., Postfach 12 62, 69140 Neckargemünd, Telefon 06223 - 6500. Über das Internet sind wir nicht erreichbar, weil ich mich vor Belästigungen durch E-Mails und dem Ausspionieren meiner privaten Dateien durch Hacker schützen will.

Das Gespräch führte Alexandra Endres



Text: @aend
Bildmaterial: dpa

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