Von John Dorfman
21. Oktober 2005 Einmal im Jahr werde ich zum Dieb. Ich stehle die Aktienfavoriten einiger meiner liebsten Fondsverwalter. Eigentlich sie sind ja meine Wettbewerber, aber die meisten von ihnen sind auch meine Freunde. Und der Diebstahl selbst erfolgt nur aus veröffentlichten Berichten über ihre Anlagen.
Mein Diebstahl-Portfolio stelle sich seit dem Jahr 2000 in jedem Oktober zusammen. Bis heute haben meine aus den Favoriten anderer Leute zusammengetragenen Empfehlungen eine durchschnittliche Zwölf-Monats-Rendite von 19,6 Prozent erbracht. In den gleichen fünf Perioden hat der Standard & Poor's 500-Aktienindex im Durchschnitt nur 0,4 Prozent hinzugewonnen.
Mit Diebstahl zu überproportionalen Erträgen
Mein Diebesgut aus dem vergangenen Jahr hat einen Gewinn von 14 Prozent erzielt, was größtenteils einer 80prozentigen Rendite von Petroleo Brasileira, einer Öl- und Gasgesellschaft mit Sitz in Rio de Janeiro, zu verdanken gewesen ist. Diesen Aktientip habe ich von J. Kenneth Heebner geklaut. Im gleichen Zeitraum, 26. Oktober 2004 bis 14. Oktober 2005, hat der S&P 500 nur 8,7 Prozent hinzugewonnen.
Sechs der sieben Fondsmanager, denen ich im vergangenen Jahr die guten Ideen gestohlen habe, gehören auch in diesem Jahr zu meinen Quellen. Jean-Marie Eveillard ist in Rente gegangen. Seinen Platz hat O. Mason Hawkins eingenommen.
Im Folgenden stelle ich einige der jüngsten Aktienfavoriten meiner Lieblingsfondsmanager vor. In den meisten Fällen stammen die grundlegenden Informationen aus den zum 30. Juni eingereichten Berichten der Fondsgesellschaften. Daher ist es durchaus möglich, daß ein hier genannter Fondsverwalter einen besprochenen Titel inzwischen bereits wieder verkauft hat.
Scott Black setzt auf Federated Department Stores
Scott Black, Präsident der Delphi Management mit Sitz in Boston, verwaltet etwa 1,1 Milliarden Dollar, einschließlich des 124-Millionen-Dollar schweren Kobren Delphi Value-Fonds. Bis zum 30. Juni hat Blacks Fonds 1,7 Prozent des verwalteten Vermögens in das in Cincinnati ansässige Unternehmen Federated Department Stores investiert. Mir gefällt Federated Department Stores ebenfalls, da die Gesellschaft nach meiner Einschätzung in ihre Teilunternehmen Bloomingdale's, Bon Marché, Burdines, Goldsmith's, Lazarus, Macy's, Rich's und Stern's gespalten werden könnte. Solch eine Trennung würde meiner Ansicht nach mehr Wert hervorbringen, der sich bislang innerhalb von Federated versteckt hält. Das Unternehmen wird derzeit mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 13 und einem Kurs-Umsatz-Verhältnis von 0,67 gehandelt.
David Dreman, Vorsitzender von Dreman Value Management in Jersey City ist einer der führenden Vertreter der Wertstrategie. Er hat mir außerdem meinen Start in das Investmentgeschäft geebnet. Der von Dreman betreute Scudder-Dreman High Return Equity- Fonds umfaßt rund 6,4 Milliarden Dollar. Zum 30. Juni waren 5,5 Prozent des Fondsvermögens in ConocoPhillips angelegt.
David Dreman setzt auf ConocoPhillips
ConocoPhillips mit Sitz in Houston ist die zweitgrößte amerikanische Raffineriegesellschaft. Das Unternehmen bohrt und produziert außerdem Öl und Gas. In 17 der vergangenen 18 Jahre konnte ConocoPhillips einen Gewinn verbuchen. 2005 verdiente das Unternehmen rund acht Milliarden Dollar. Die Anleger scheinen skeptisch zu sein, ob ConocoPhillips seine soliden Gewinne halten kann. Die Aktie wird derzeit mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von acht und einem Kurs-Umsatz-Verhältnis von 0,64 gehandelt.
Randall Eley ist Präsident von Edgar Lomax Co. mit Sitz in Springfield, Virginia. Die Firma verwaltet Pensionsfonds sowie den 14 Millionen Dollar umfassenden Edgar Lomax Value-Fonds.
Allstate machte am 30. Juni rund 4,2 Prozent von Eleys Fonds aus. Der Kurs der Versicherungsgesellschaft in Northfield, Illinois, ist seit Mitte Juli um mehr als 13 Prozent gefallen. Zum Teil ist dies auf die Besorgnis der Anleger bezüglich möglicher Schadensersatzforderungen nach den Hurrikans zurückzuführen. Ich denke, sie würden ihr Augenmerk besser auf die kontinuierliche Rentabilität des Unternehmens richten: In den vergangenen zwölf Jahren konnte Allstate jedes Jahr einen Gewinn schreiben. Die Dividenden sind in den vergangenen fünf Jahren mit einer durchschnittlichen Jahresrate von 13 Prozent gestiegen.
Allstate und Abercrombie & Fitch
Ken Heebner ist Partner bei Capital GrowAbercrombie & Fitchth Management in Boston and verwaltet den CGM Focus-Fonds. In seinem Portfolio war am 30. Juni unter anderem Abercrombie & Fitch zu finden. Dieser Einzelhändler für jugendliche Kleidung hat seit seinem Börsengang 1996 in jedem Jahr Gewinne vermeldet. Besonders gut gefallen mir die schuldenfreie Unternehmensbilanz und die durchschnittliche Umsatzwachstumsrate von 14 Prozent der vergangenen fünf Jahre.
David A. Katz ist leitender Fondsverwalter bei Matrix Asset Advisors Inc. in New York City. Die Firma verwaltet rund 832 Millionen Dollar. Darin eingeschlossen ist der 51 Millionen-Dollar-Matrix Advisors Value-Fonds. Zum Stichtag 31. August bestanden rund vier Prozent des Fonds aus Bank-of-America-Aktien. Dieser Titel weist eine Dividendenrendite von 4,8 Prozent und ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von zehn auf. Mir gefällt die Aktie, die ich bereits für mehrere meiner Klienten halte.
Charles Royce ist Präsident von Royce & Associates mit Hauptsitz in New York City. Er verwaltet mehrere Fonds, unter anderem den Royce Focus Trust. Bis zum 30. Juni haben Royce und seine Co-Verwalterin Whitney George 2,3 Prozent des Focus Trust-Fondsvermögens in Metal Management investiert. Dieses Chicagoer Unternehmen handelt und recycelt Metallabfälle. Mit gefallen besonders die Bewertungen dieses Titels: Das Kurs-Gewinn-Verhältnis liegt bei sieben, das Kurs-Umsatz-Verhältnis bei 0,33.
Bank of America und General Motors
In diesem Jahr erstmals in mein Pantheon aufgenommen wurde O. Mason Hawkins, Vorsitzender der Southeastern Asset Management in Memphis, Tennessee. Leider habe ich diesen gewieften und geduldigen Börsenprofi mit viel Fingerspitzengefühl für die Auswahl von Aktientiteln bisher noch nicht persönlich kennen lernen können. Zusammen mit Stanley Cates verwaltet Hawkins den Longleaf Partners Fonds mit einem Gesamtvermögen von 8,2 Milliarden Dollar.
Bis zum 30. Juni hatte Hawkins 5,5 Prozent seines verwalteten Fondsvermögens in das allgemein verhaßte General Motors angelegt. Dies entspricht meinem Instinkt, auch konträre Anlageentscheidungen zu treffen. Alle Welt weiß, daß General Motors seit drei Jahrzehnten Marktanteile verliert, Autos herstellt, die mit der japanischen Konkurrenz nicht mithalten können, durch hohe Pensions- und Gesundheitsleistungen belastet ist und von steigenden Zinsraten in die Knie gezwungen werden wird. In Barron's Magazin und an anderer Stelle wird sogar schon von drohendem Bankrott gesprochen. Da die Anleger an dieses trübe Szenario glauben, wird die GM-Aktie mit einem Kurs-Umsatz-Verhältnis von gerade einmal 0,09 und einem Kurs-Buchwert-Verhältnis von 0,68 gehandelt. Das ist sogar für eine Aktie wie GM preiswert, die fast nie wirklich teuer gewesen ist.
Der Autor ist Präsident von Dorfman Investments und Koumnist bei Bloomberg News
Text: Bloomberg
Bildmaterial: FAZ.NET