Schwellenländer

Chinas Wachstum legt restriktivere Maßnahmen nahe

15. November 2007 Nach mehreren Monaten eines fulminanten Booms ist die chinesische Börse zumindest kurzfristig in einen Korrekturmodus übergegangen. Angesichts des erreichten Bewertungsniveaus dürfte das kaum überraschen. Denn mit einem durchschnittlichen Kurs-Gewinnverhältnissen von knapp 58 auf Basis der Gewinnschätzungen für das laufende Geschäftsjahr sind die Aktie im Shanghai Stock Exchange Composite Index massiv überbewertet.

Da mögen die Wachstumserwartungen noch so gut sein. Chinas Industrieproduktion ist im Oktober zwar um 17,9 Prozent geklettert. Der Automobilsektor und die Elektronikbranche verzeichneten dabei besonders hohe Zuwachsraten. Die Steigerungsrate der Industrieproduktion lag damit über dem entsprechenden Vorjahreswert von 14,7 Prozent. Im laufenden Jahr legte die Produktion bis einschließlich Oktober demnach 18,5 Prozent zu. Die Automobilproduktion sei im Oktober auf Vorjahresbasis 24,3 Prozent angezogen. Die Herstellung von Computern, Telekommunikations- und Elektronikgeräten verzeichnete eine Zuwachsrate in Höhe von 18,9 Prozent.

Chinas Wirtschaft überhitzt, Aktien völlig überbewertet

Die Zahlen unterstreichen die Sorge der chinesischen Regierung, dass Chinas Wirtschaft auf eine Überhitzung zusteuert. „Die chinesische Führung ist sich bewusst, dass wir an der Kippe einer Überhitzung stehen. Die Zinsen müssen sehr bald angehoben werden“, kommentierte Stephen Green, der leitende Ökonom bei der Standard Chartered Bank in Schanghai die Entwicklung. Die einjährigen Leitzinsen liegen in China derzeit bei 7,29 Prozent - dem höchsten Stand seit 1998. Im Vergleich liegen die einjährigen amerikanische Leitzinsen bei 4,5 Prozent, in Großbritannien bei 5,75 Prozent und in Japan bei 0,5 Prozent.

Die Weltbank sagte am Donnerstag, China solle die Zinsen anheben und eine stärkere Aufwertung der Währung zulassen. Eine umfangreichere Aufwertung des Yuan würde die Kapitalzuflüsse reduzieren, indem die Exportpreise sich verteuern. Seit der Aufhebung des festen Wechselkurses im Juli 2007 hat Chinas Währung gegenüber dem Dollar elf Prozent zugelegt. Dagegen hat die Währung gegen den starken Euro abgewertet, obwohl die Handelsüberschüsse des Landes im Handel mit Europa massiv zunehmen.

Die Überhitzungssorgen der chinesischen Regierung zeigen sich nicht nur am inflationären Charakter der Kursentwicklung an der Börse, sondern auch an der offiziellen Inflationsrate Chinas. Angesichts gestiegener Lebensmittelpreise ist sie im Oktober auf 6,5 Prozent geklettert. Damit nimmt der Druck auf die chinesische Zentralbank zusätzlich zu, die Leitzinsen erneut zu oder die Midestreservesätze bei den Banken weiter zu erhöhen. Die Preise für Schweinefleisch sind um 55 Prozent nach oben geschnellt, die Kosten für Gemüse fast um 30 Prozent. Staatlichen Medienberichten zufolge starben vergangene Woche in der Stadt Tschungking drei Menschen bei einem Ansturm auf einen Supermarkt, der Speiseöl im Sonderangebot hatte. Die höheren Lebensmittelkosten entfachen Unruhe, heizen die Lohnforderungen an und schwächen die wirtschaftliche Stabilität des Landes. „Die Teuerung bei den Lebensmittelpreisen hat sich auf die Bereiche Energie, Arbeit und Vermögensanlagen übertragen“, sagte Chris Leung, Senior-Ökonom bei DBS Bank in Hongkong. „Jeder in China bekommt die Inflation zu spüren - besonders aber die Armen.“ Leung rechnet noch für dieses Jahr mit einem weiteren Zinsanstieg.

Zunehmender Konsum, zunehmende Inflation

Immerhin deutet sich jedoch zumindest in Ansätzen an, dass das Land weniger stark als bisher vom teilweise stark subventionierten Export abhängig wird. Denn der Umsatz im chinesischen Einzelhandel ist so stark gestiegen wie seit acht Jahren nicht mehr. Getrieben von höheren Einkommen und Preisen zog der Umsatz im Oktober gegenüber dem vergleichbaren Vorjahreswert um 18,1 Prozent auf 826,3 Milliarden Yuan oder umgerechnet 75,9 Milliarden Euro an. Einen Monat zuvor hatte der Umsatz um 17 Prozent zugenommen. Die Umsätze bei Kleidung, Elektronikwaren und Autos kletterten um mehr als 30 Prozent. Bei Fleisch, Geflügel, Eiern, Getreide und Speiseöl schnellte das Umsatzwachstum binnen Jahresfrist sogar um mehr als 45 Prozent in die Höhe. Der steigende Konsum trägt neben den rasch wachsenden Geldmengenaggregaten - sie sind auf die Interventionen der Zentralbank am Devisenmarkt zurückzuführen, die den Wechselkurs des Landes künstlich schwächen - auch die Inflation an. Im vergangenen Monat erreichte die Teuerung im Zuge der gestiegenen Lebensmittelpreise 6,5 Prozent. „Das Wachstum geht zu einem guten Teil auf die Inflation zurück“, sagte Chen Xingdong, der Chef-Ökonom für China bei der französischen Großbank BNP Paribas. „Aber die Nachfrage ist auch sehr stark. Konsum und Inflation werden voraussichtlich gleichermaßen weiter anziehen - man kann nicht nur die guten Dinge im Leben haben wollen.“

Fakt ist insgesamt, dass die ökonomische Lage in China selbst nicht unbedingt stabil ist und dass andererseits die Aktienmärkte des Landes hoch bewertet sind. Aus diesem Grund dürfte es ratsam sein, die Finanzmärkte mit einer gewissen Skepsis zu betrachten, während die Währung mit einiger Wahrscheinlichkeit deutlicher als bisher aufwerten dürfte.

Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.



Text: @cri mit Material von Bloomberg
Bildmaterial: FAZ.NET, National Bureau of Statistics of China

 

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