RWE

Der Funke springt über

22. April 2008 Die Aktien der europäischen Versorger sind offenbar nicht zu unterkriegen. Selbst Nachrichten, die eigentlich den Aktienkurs unter Druck setzen müssten, können den Titel derzeit nichts anhaben. Jüngstes Beispiel: Der Energiekonzern RWE in Essen hat ganz offensichtlich Schwierigkeiten, seine Preisvorstellung beim Börsengang seiner amerikanischen Tochtergesellschaft American Water durchzusetzen.

24 bis 26 Dollar je Aktie wollte RWE bei der Präsentation vor amerikanischen Großanlegern einnehmen, hieß es. Aber zu diesem Preis ist die Nachfrage offenbar nicht ausreichend hoch, um 40 Prozent der Aktien - das sind immerhin 64 Millionen Stück - wie geplant bis Ende des Monats zu platzieren (RWE will American Water noch im April an die Börse bringen).

American Water bringt wohl weniger als erwartet

Mehr als 21 bis 22 Dollar sind wohl nicht drin, hieß es am Dienstag, ohne dass der Konzern - wie üblich während solcher Platzierungen - diese Meldungen kommentieren wollte. Der erste Handelstag für American Water wird für Mittwoch erwartet.

Erwartungsgemäß setzte diese Nachricht den RWE-Kurs am Dienstag kräftig unter Druck. Der Titel fiel auf den niedrigsten Stand der vergangenen zwölf Monate. Doch wenig später hatte sich die Meinung der Anleger gedreht, und schon am frühen Nachmittag notierte die RWE-Aktie nicht nur mit 1,2 Prozent im Plus bei 74,83 Euro.

RWE zählt zu den Tagesfavoriten

Sie rangiert damit auch unter den Tagesfavoriten im Aktienindex Euro Stoxx 50, der die richtungsweisenden Standardwerte der Eurozone umfasst. Zu dem Stimmungswechsel mag auch beigetragen haben, dass die Analysten der West LB den Titel mit dem Urteil „Add“, also „Aufstocken“, zum Kauf empfahlen und das Kursziel auf 90 Euro setzten. Das ließe dem Titel beim derzeitigen Kursniveau ein Potential von rund 20 Prozent. Noch ambitionierter war zuvor Credit Suisse, die Ende vergangener Woche sogar ein Kursziel von 98 Euro ausgab.

Versorger gelten in unsicheren Börsenzeiten als sichere Bank. Denn der Verbrauch von Strom, Wasser, Gas oder Müll sinkt nur wenig, wenn die allgemeine Wirtschaftsdynamik nachlässt. Damit sind die Gewinne der Versorgungsunternehmen, so traditionell die Erwartung der Anleger, auch in der Krise relativ stabil. Allerdings sind sie auch nicht ganz immun gegen die Konjunkturabschwächung. Auch bei RWE haben die Analysten zuletzt ihre Prognosen für den Gewinn in diesem Jahr zurückgenommen.

Auch andere Versorgeraktien sind gesucht

Von den Aktienumschichtungen profitieren auch andere europäische Versorgerkonzerne. Die Aktien des großen deutschen RWE-Konkurrenten Eon verteuerten sich sogar um mehr als 2 Prozent, die des italienischen Energiekonzerns Eni um gut 1 Prozent. Zu den Tagesfavoriten an den europäischen Aktienmärkten zählen auch die Titel des französischen Stromversorgers Electricité de France (EDF), dessen Kurs am Dienstag sogar um mehr als 3 Prozent stieg.

Dabei ist die Versorgerbranche aus Anlegersicht längst nicht mehr so langweilig, wie sie in der Vergangenheit wirkte. Gerade Strom ist dabei zu einer Schlüsselindustrie zu werden, da der Bau neuer Kraftwerke wegen drohender Anwohnerproteste politisch derzeit schwerer durchzusetzen ist. Selbst der Bau umweltfreundlicher Windkraftanlagen stößt auf zuweilen heftigen Widerstand.

Bieterstreit um British Energy

Für Bewegung in der Branche sorgt auch British Energy. Die britische Regierung ist gerade dabei, ihren Anteil von rund 35 Prozent an dem Kernkraftwerksbetreiber zu verkaufen (British Energy wird heftig umworben). Als Interessenten sind EDF, RWE, Eon, der britische Gasversorger Centrica, aber auch der schwedische Konzern Vattenfall im Gespräch.

Möglich ist auch, dass Premierminister Gordon Brown einem Konsortium den Zuschlag erteilen wird. Auf jeden Fall kommen auf die Käufer zunächst hohe Investitionen zu, da in den nächsten 15 Jahren der gesamte Kraftwerkpark von British Energy erneuert werden muss.

Energie findet auch der RWE-Chef spannend

„Ich empfinde die Energiepolitik als den spannendsten Acker, den es gegenwärtig zu bearbeiten gibt“, sagte der neue Vorstandsvorsitzende von RWE, Jürgen Grossmann, vor wenigen Tagen auf der Hauptversammlung. Und damit dürfte er Recht haben.

Als unzuverlässig und teuer hatte jüngst der Energieexperte Georg Erdmann die Zukunft der Stromversorgung in Deutschland beschrieben. In den vergangenen Jahren sei in Kraftwerke und Stromnetze zu wenig investiert worden, meint Erdmann. Schon in vier Jahren könne es daher zu Engpässen bei der Stromversorgung kommen.

EDF hat politischen Rückhalt

Somit dürften längerfristig die Aktien jener Versorger gefragt sein, bei denen sich die Unternehmensführung auf den Rückhalt der Regierung und der Bevölkerung verlassen kann. Dies wäre ein Argument für die Aktien von EDF. Der französische Stromkonzern setzte schon früh auf die Atomkraft und kann sich angesichts der geringen Kohlendioxid-Emissionen dieser Kraftwerke sogar auf einen noch stärkeren Rückhalt in der französischen Bevölkerung verlassen.

Aber auch die deutschen Versorger sind nicht untätig. 30 Milliarden Euro will RWE in den nächsten Jahren investieren. Davon soll etwa die Hälfte in die Auslandsexpansion fließen. Das macht den Konzern weniger abhängig von den politischen Stimmungen in Deutschland.

RWE-Aktien sind nicht erste Wahl

Dennoch ist RWE unter den europäischen Versorgern nicht erste Wahl. Um knapp 16 Prozent ist der Deutsche Aktienindex Dax in diesem Jahr gefallen, um gut 14 Prozent der Euro Stoxx 50. Die RWE-Titel dagegen sind um 22 Prozent im Kurs gestürzt und damit deutlich stärker als der italienische Stromkonzern Eni, dessen Aktienkurs um knapp 3 Prozent fiel oder die französischen Versorger Suez und Vinci, die knapp 4 Prozent und gut 6 Prozent an Wert verloren.

Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht der FAZ-Redaktion wider.



Text: hlr.
Bildmaterial: AP, dpa, F.A.Z.

 
Tops & Flops+/-Prozent
VOLKSWAGEN AG STAMMA +45,13 +15,20
K+S AKTIENGESELLSCHA -0,15 -0,39
MAN AG STAMMAKTIEN O -0,40 -1,01
DEUTSCHE BANK AG NAM -5,99 -16,08
DEUTSCHE POSTBANK AG -3,87 -14,61
INFINEON TECHNOLOGIE -0,44 -13,68
NamePunkteProzent
Dax 4.544,31 -7,01
TecDax 516,75 -4,81
DowJones 8.451,19 -1,49
Nasdaq 1.649,51 +0,27
STOXX 50 2.421,87 -7,86
Nikkei 225 8.276,43 -9,62
S&P 500 Zert. 8,83 -10,45
Euro/Dollar 1,34 +0,00
Bund Future 114,67 -1,44
Gold 847,40 +0,00
Öl 76,65 -7,49
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