Wall Street

Ein Plädoyer für Infrastrukturaktien

Von Gene Marcial

Gefährliche Schräglage

Gefährliche Schräglage

16. Dezember 2008 Die seit längerer Zeit darbenden Unternehmen im Infrastruktur- und Baubereich - Zulieferer von Baustoffen und Hersteller von Ausleger-Lkw, Gabelstaplern und Kränen - erhalten plötzlich starken Aufwind. Von der Wall Street wurde dieser Sektor - wie alles, was auch nur ansatzweise mit dem Häusermarkt zusammenhängt - massiv abgestraft. Doch dann trat Barack Obama mit der Ankündigung eines massiven Infrastrukturprogramms auf den Plan.

Das Versprechen des künftigen amerikanischen Präsidenten, der Schaffung von 2,5 Millionen Arbeitsplätzen mit einem gigantischen Infrastruktur- und Konjunkturprogramm oberste Priorität einzuräumen, hat einigen Aktien von Infrastrukturunternehmen Flügel verliehen. Obama bezeichnet dieses Programm rascher Bau- und Modernisierungsmaßnahmen von Straßen, Autobahnen, Brücken und Schulen als das größte seiner Art seit dem Bau des landesweiten Autobahnnetzes in den 1950er-Jahren. Mit den Maßnahmen solle sofort nach Obamas Amtseinführung am 20. Januar begonnen werden.

Modernisierungsmaßnahmen von Straßen, Autobahnen, Brücken und Schulen

Wall-Street-Analysten erkennen erst allmählich die Bedeutung dieser Investitionen für den Straßenbau und die Aktien von Bauunternehmen. Einige von ihnen haben bislang nicht einmal ihre skeptischen Bewertungen der gebeutelten Aktien des Sektors geändert, und so werden diese noch immer mehrheitlich mit „neutral/halten“ oder „verkaufen“ eingestuft.

Einige Berater von Vermögensverwaltern zeigen sich jedoch zusehends optimistisch gegenüber dieser Sektorgruppe und raten ihren Klienten, sich durch Engagements in Infrastrukturaktien einen Vorsprung vor der Herde zu verschaffen.

„Aktienportfolios sollten entsprechende Positionen umfassen, um aus den Profiteuren der massiven Infrastrukturausgaben im Rahmen von Konjunkturprogrammen im In- und Ausland Kapital zu schlagen“, empfiehlt Arnold Schmeidler, Vorsitzender des Vermögensverwalters A.R. Schmeidler in New York.

Schmeidler zufolge bestehe die größte Herausforderung für professionelle Investoren darin, ihre Portfolios unter Berücksichtigung der derzeit bestehenden Abwärtsrisiken zu positionieren, „und zugleich an den rasanten Entwicklungen partizipieren zu können, die nach Wiederherstellung der ordentlichen Funktionsfähigkeit der Finanzmärkte unweigerlich eintreten werden.“ In den gewaltigen Staatsausgaben für Infrastrukturprojekte sieht Schmeidler eine der Chancen, die man sich nicht entgehen lassen sollte.

Anfang Dezember traf sich Obama mit den Gouverneuren der amerikanischen Bundesstaaten, um vordringliche Infrastrukturprojekte im Volumen von 136 Milliarden Dollar zu identifizieren, die innerhalb von 180 Tagen umgesetzt werden sollen. Rund 70 Prozent der Investitionen ist für Autobahn- und Brückenbauprojekte vorgesehen. Nach Angaben von Deutsche-Bank-Analyst Dan McGoey belaufen sich die gesamten Bauausgaben der öffentlichen Hand auf 316 Milliarden Dollar pro Jahr, wovon etwa 82 Milliarden Dollar auf Straßen- und Autobahnprojekte entfallen.

Auf das Treffen reagierten einige Aktien von Infrastrukturunternehmen mit Kurssteigerungen, darunter Texas Industries (ein bedeutender Produzent von Struktur- und Spezialstahlprodukten, Zement und Betonwaren), Martin Marietta Materials (der zweitgrößte Hersteller mineralischer Baustoffe in den Vereinigten Staaten), Vulcan Materials (der größte amerikanische Hersteller von Zuschlagstoffen für die Asphalt- und Betonherstellung), Cemex (Mexikos größter Zementproduzent, dessen Aktien an der New Yorker Börse gehandelt werden) sowie Manitex (ein Hersteller von Ausleger-Lkw, Geländestaplern und Transportfahrzeugen).

Aufwärts ging es auch für die Aktienkurse von Caterpillar (dem weltgrößten Hersteller von Baumaschinen), Terex (Produzent einer breiten Palette schwerer Lkw und Kräne) und Manitowoc (ein Hersteller schwerer Kräne).

Übernahmepotenzial

Der Aktienkurs von Texas Industries stieg von 21 Dollar am 20. November auf 34 Dollar am 12. Dezember, ist allerdings noch immer weit vom Schlusshoch am 29. April 2008 bei 80,35 Dollar entfernt. Texas Industries zählt zu jenen Infrastrukturunternehmen, die von Analysten noch immer ignoriert werden. Nur zwei der zehn von Bloomberg befragten Analysten formulieren eine Kaufempfehlung für Texas Industries. Sieben Analysten empfehlen, das Papier zu halten, während ein Analyst zum Verkauf rät. Als Kontraindikator ist dies positiv zu werten, da dies darauf hindeutet, dass die Aktie nach wie vor wenig bekannt oder in Portfolios unterrepräsentiert ist.

Einer der Optimisten ist Daniel Galindo, Analyst beim Wertpapierhaus Gabelli & Co, der die Aktie von Texas Industries auf Grundlage des von ihm sehr viel höher geschätzten inneren Wertes und der Bedeutung als Infrastrukturtitel mit „kaufen“ einstuft.

In jüngster Zeit stand die Aktie allerdings noch aus einem anderen Grund verstärkt im Visier von Käufern: Übernahmepotenzial. NNS Holding, der mit 15 Prozent größte Aktionär des Unternehmens, äußerte den Wunsch nach Aufstockung seiner Anteile an Texas Industries, den der Vorstand jedoch ebenso zurückwies wie die von NNS geforderten Vorstandssitze. NNS behauptet, die Entwicklung des Unternehmens sei unzureichend.

Dieser mögliche Kampf um Einflussnahme ist einer der Gründe für Gabellis Interesse an der Aktie. Die Shamrock Group, ein Unternehmen, das in Aktien potenzieller Übernahmekandidaten investiert, teilte im November mit, einen Anteil von 5,5 Prozent an Texas Industries erworben zu haben.

Auch die Aktie von Vulcan Materials stößt bei Wall-Street-Analysten auf wenig Gegenliebe. Nach Angaben von Bloomberg spricht nur einer der 12 Analysten, die diese Aktie beobachten, eine Kaufempfehlung für das Papier aus, während sieben Analysten zum Halten und vier zum Verkaufen raten. Nach Ankündigung von Obamas Infrastrukturprogramm machte der Aktienkurs dennoch einen Sprung nach oben. Am 11. November notierte das Papier noch bei 40 Dollar, am 12. Dezember lag der Kurs bei 67 Dollar. Der Höchststand der Aktie wurde am 11. Dezember 2007 bei 90 Dollar erreicht.

Negativ zu Buche schlagen allerdings die von Vulcan am 5. November veröffentlichten Zahlen für das dritte Quartal, die hinter den Erwartungen zurückblieben.

Erfolg mit dem guten alten Zement

Der Aktienkurs von Martin Marietta Materials kletterte von 60 Dollar am 20. November auf 96 Dollar am 12. Dezember, während der Kursgipfel am 24. Dezember 2007 bei 135 Dollar erreicht wurde. Nur zwei von zwölf Analysten empfehlen das Papier zum Kauf. Neun Analysten raten zum Halten, einer zum Verkaufen. Analyst Jason Smith vom unabhängigen Investment-Research-Unternehmen Value Line geht davon aus, dass Martin Marietta „ganz vorn dabei ist, sobald eine Erholung Fuß gefasst hat.“

Die Aktie von Cemex, die am 19. Mai noch mit 32 Dollar gehandelt wurde, sank bis zum 21. November auf einen Tiefststand von 4,10 Dollar, konnte bis 12. Dezember jedoch wieder auf acht Dollar zulegen, was zum Teil auf das Konto des angekündigten Infrastrukturprogramms ging. Deutsche-Bank-Analyst McGoey, der Cemex mit „kaufen“ bewertet, rechnet damit, dass das mexikanische Unternehmen als Nummer eins auf dem amerikanischen Zementmarkt definitiv von Obamas Investitionsprogramm profitieren werde.

Die Ausbringungsmenge des Unternehmens in den Vereinigten Staaten beläuft sich auf etwa 14 Prozent der gesamten amerikanischen Produktionskapazität. Nach McGoeys Schätzung würde das Konjunkturprogramm den von Cemex in Amerika generierten Umsatz im kommenden Jahr um etwa zehn Prozent steigern, während das Betriebsergebnis vor Zinsen, Steuern, Abschreibungen auf Sachanlagen und auf immaterielle Vermögensgegenstände (EBITDA) zwischen 15 und 25 Prozent zulegen könnte. (Hinweis zu möglichen Interessenkonflikten: Deutsche Bank hält Anteile an Cemex und tätigt Geschäfte mit dem Unternehmen.)

Positiv für Cemex ist der weltweit zunehmende Zementverbrauch. Mit Geschäftsaktivitäten in über 50 Ländern dürfte das Unternehmen weiterhin von dieser starken Nachfrage profitieren. „Wir gehen davon aus, dass der globale Zementverbrauch weiterhin robust bleiben wird“, sagt Erik Antonson, Analyst von Value Line. Sobald die Wohnungsbaubranche wieder auf die Beine komme, was nach seiner Einschätzung noch einige Quartale dauern könne, „werden Cemex und dessen Aktionäre hieraus beträchtlichen Nutzen ziehen“, ergänzt er. In der Zwischenzeit sollte das massive Konjunkturpaket dem Aktienkurs weiteren Auftrieb verleihen.

Gute Chancen für Kranhersteller?

Bereits bevor Obama sein Infrastrukturinvestitionsprogramm ankündigte, hatte Richard Hoss, Analyst bei Roth Capital Partners (der für Manitex International eine Kaufempfehlung ausspricht) eine Erholung bei den Kranverkäufen in Erwartung einer Aufhellung der wirtschaftlichen Lage prophezeit. Die Manitex-Aktie fiel von ihrem Höchststand bei 8,20 Dollar am 13. Dezember 2007 auf ein Schlusstief von 0,97 Dollar am 12. Dezember 2008. Den Wert der Aktie taxiert Hoss auf 3,50 Dollar.

„Nach unserer Überzeugung ist die Aktie derzeit erheblich unterbewertet - sie wird lediglich mit etwa der Hälfte des Buchwerts des Unternehmens gehandelt“, so Hoss.

„Produkte wie unsere Ausleger-Lkw und Kräne sind für die beabsichtigten Projekte zum Bau von Straßen, Autobahnen und Schulen bestens geeignet“, sagt Andrew Rooke, Vorsitzender und Geschäftsführer von Manitex.

Für das laufende Jahr prognostiziert Hoss für Manitex ohne Berücksichtigung möglicher Vorteile aus dem Infrastrukturprogramm einen Umsatz von 107,1 Millionen Dollar und einen Gewinn je Aktie von 0,21 Dollar. Im kommenden Jahr werde der Umsatz 120,4 Millionen Dollar und der Gewinn je Aktie 0,30 Dollar betragen. Für 2010 rechnet er mit einem Umsatz von 121,5 Millionen Dollar und einem Gewinn von 0,40 Dollar je Aktie.

Vor dem Hintergrund der an den Kapitalmärkten durch Rezession und Finanzkrise hervorgerufenen Schäden könnten Infrastrukturaktien eine gute Möglichkeit sein, die stark in Mitleidenschaft gezogenen Portfolios der Anleger zu sanieren und wieder aufzubauen.

Gene Marcial arbeitet als Wall-Street-Kolumnist für Business Week



Text: BusinessWeek Online
Bildmaterial: AP Photo/St. Paul Pioneer Press, Scott Takushi, FAZ.NET

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