17. August 2007 Die weltweiten Finanzmärkte kommen nicht zur Ruhe. Obwohl sich die Kurse an der New Yorker Börse am Vorabend beruhigt hatten und der marktbreite S&P-500-Index sogar im Plus geschlossen hatte, geben die wichtigsten asiatischen Aktienmärkte weiter deutlich nach.
Der Nikkei-Index in Tokio verbuchte am Freitag den höchsten Tagesverlust seit den Anschlägen vom 11. September 2001. Der Nikkei verlor 5,42 Prozent auf 15.273 Punkte und gab vor allem gegen Handelsende noch deutlich auf ein neues Zwölf-Monats-Tief ab. Auch der breiter gefasste Topix-Index gab deutlich nach. Er schloss 5,55 Prozent schwächer bei 1480 Punkten - der niedrigste Stand seit Juli 2006.
Dies beeindruckte den deutschen Aktienmarkt nur kurz. Der eröffnete rund ein Prozent leichter, arbeite sich aber nach rund einer Stunde in die Gewinnzone vor. Besonders gefragt sind Finanz- und Immobilienwerte. Bankenwerte hatten an Wall Street im Schnitt um 4,7 Prozent zugelegt. Hiervon profitieren auch Commerzbank und Deutsche Bank mit einem Plus von 2,3 Prozent an der Dax-Spitze.
Yen-Aufwertung setzt Exportwerte unter Druck
Die Bereitstellung zusätzlicher Milliarden der Zentralbank zur Überbrückung von Liquiditätsengpässen der Geschäftsbanken konnte den zum Handelsschluss beschleunigten Ausverkauf in Tokio nicht bremsen. Anleger zögen ihr Geld vom unsicheren Aktienmarkt ab und legten es in festverzinslichen Anleihen an, heißt es von Händlern. Sie äußerten die Befürchtung, dass ausländische Investoren gezwungen sein könnten, ihre Aktienbestände in Tokio aufzulösen, um Verluste im Zusammenhang mit der Kreditkrise in den Vereinigten Staaten zu decken.
Vor allem aber belastet ein Anstieg des Yen die japanischen Exportwerte. Der Yen hatte in den vergangenen anderthalb Jahren im Zuge der sogenannten Carry Trades deutlich abgewertet, als Investoren aufgrund der niedrigen Zinsen in Japan Kredite aufnahmen, um das Geld in hochverzinslichen Währungen wieder anzulegen. Seit dem Einbruch der Weltbörsen werden diese Geschäfte aufgrund der hohen Risiken vorzugsweise glattgestellt.
Die Verluste der Exporttitel überwiegen deutlich eine spürbare Erholung der durch die weltweite Kreditkrise zuletzt so arg gebeutelten Finanztitel. So fallen Toyota 7,2 Prozent und Sony 6,8 Prozent. Honds ziehen den Nikkei mit Verlusten von 8,2 Prozent ins Minus. Die Aktien des Kamera- und Bürogeräteherstellers Canon fallen um 8,6 Prozent.
Großbanken wie Mizuho Financial und Mitsubishi UFJ notierten dagegen dank der positiven Vorgaben des Bankensektors an der Wall Street lange Zeit im Plus, gaben im Handelsverlauf jedoch immer mehr nach und drehten zum Teil deutlich ins Minus.
Wall Street behauptet sich
Die amerikanischen Börsen hatten nach einem turbulenten Handel am Donnerstag uneinheitlich geschlossen. Der Dow-Jones-Index der Standardwerte schloss 0,12 Prozent im Minus bei 12.845 Punkten, hatte jedoch in der letzten Handelsstunde kräftig an Boden gewonnen.
Der breiter gefasste S&P-500-Index stieg 0,32 Prozent auf 1411 Zähler. Der Technologie-Index Nasdaq notierte um 0,32 Prozent tiefer bei 2451 Stellen. Die Kurse waren am Abend zunächst eingebrochen, hatten sich aber im Laufe der Zeit stabilisiert.
Auch die Börsen in Singapur und Hongkong verzeichnen weiter deutliche Verluste. Dagegen beruhigten sich die Talfahrt im südkoreanischen Seoul etwas, wo die Kurse nach einem Minus von fast sieben Prozent am Freitag nur noch um 3,5 Prozent nachgeben. In Taiwan hielten sich die Verluste mit einem Minus von 1,35 Prozent ebenfalls vergleichsweise im Rahmen.
In Amerika verschärft sich die Kreditkrise weiter
Andererseits steht die Erholung offenbar auf tönernen Füßen. Beobachter warnten am Vorabend, es habe sich bei der Schlussrally an Wall Street um ein bisschen technische Erholung gehandelt, in die man nicht allzu viel hineininterpretieren solle. Dies gilt vor allem, weil insbesondere die Finanzwerte kräftige Aufschläge verbuchten. Citigroup legten um 5,1 Prozent auf 47,94 Dollar zu, J.P. Morgan um 6,5 Prozent auf 45,79 Dollar, und BankAmerica um 4 Prozent auf 50,15 Dollar.
Tatsächlich verschärfte sich die Kreditkrise weiter. Die Rating-Agentur Moody's warnte, dass die Krise und die Turbulenzen auf den Finanzmärkten möglicherweise zu einem Zusammenbruch eines großen Hedge-Fonds führen könnte. Dies hätte dann weitere Marktturbulenzen zur Folge.
Wenn die Investoren versuchten, ihre illiquiden Investitionen wie Collateralized Debt Obligations (CDO) abzustoßen, dann könnten Hedgefonds, die aus ihren Positionen nicht aussteigen können, Probleme haben, sagte Chris Mahoney, Vice- Chairman von Moody's, während einer Telefonkonferenz mit Investoren.
Fannie Mae erwartet höhere Belastungen
Die Aktie von Countrywide Financial gaben um 12,5 Prozent auf 18,64 Dollar nach. Um die eigene Refinanzierung angesichts der Subprime-Krise zu sichern, hat der Immobilienfinanzierer auf eine Kreditlinie im Volumen von 11,5 Milliarden Dollar zurückgegriffen.
Der teilstaatliche Immobilienfinanzierer Fannie Mae erwartet eine weitere Verschärfung der amerikanischen Hypothekenkrise. Der Verfall der Immobilienpreise habe bereits zu einem Anstieg der Kreditausfälle im vergangenen Jahr geführt, teilte Fannie Mae am Donnerstag mit. Chief Risk Officer Enrico Dallavecchia geht davon aus, dass sich die Kreditausfälle im kommenden Jahr weiter erhöhen werden. Bei vielen Subprime-Schuldnern sei für 2007 und 2008 eine Anhebung der Kreditzinsen vorgesehen, so dass im kommenden Jahr mit deutlichen Kreditverlusten zu rechnen sei, sagte Dallavecchia.
Der größte Garant und Käufer von Hypothekendarlehen gab zudem Geschäftszahlen für das Jahr 2006 bekannt. Danach sank der Überschuss gegenüber dem Vorjahr um 36 Prozent auf 4,1 Milliarden Dollar. Begründet wurde der Rückgang zum einem mit einem niedrigeren Zinsüberschuss und zum anderen mit den Belastungen durch die Neuberechnung der Bilanzen, die in der Folge eines Bilanzskandals notwendig geworden war.
First Magnus vor Konkursantrag
In diesem Jahr seien darüber hinaus verstärkte Abschreibungen von Krediten zu erwarten. Fannie Mae finanziert oder bürgt für jeden fünften Immobilienkredit in den Vereinigten Staaten. Das Institut wurde vom amerikanischen Kongress gegründet, um Familien mit geringem Einkommen den Hausbesitz möglich zu machen.
Zudem stellte First Magnus. eine der größten privaten Hypothekenbanken, ihre Geschäfte ein. Ab sofort würden keine neuen Kredite mehr vergeben, möglicherweise müsse das Institut ein Konkursverfahren einleiten, sagte Marketing-Chef Gary Baraff.
First Magnus wurde in den Strudel der Liquiditätskrise im Immobiliengeschäft gerissen, obwohl sich die Bank aus dem Subprime-Geschäft herausgehalten hatte. First Magnus hat im vergangenen Jahr mehr als 30 Milliarden Dollar an Krediten vergeben. Die Bank beschäftigt mehr als 5.500 Mitarbeiter in mehr als 300 Niederlassungen in allen 50 amerikanischen Staaten. Für die meisten Angestellten sei der Donnerstag vermutlich der letzte Arbeitstag gewesen, sagte Baraff.
Wirtschaftswachstum dürfte leiden
Die eine Stunde vor Handelsstart veröffentlichten schwachen Baugenehmigungen und Baubeginne unterstrichen das Bild der schwachen Immobilienwirtschaft. Dass die Bauanträge zurückgehen war absehbar, da Kredite nur noch sehr zögerlich vergeben werden. Der am Mittag mitgeteilte Philadelphia-Fed-Index ergänzte das negative Bild. Der Index war überraschend stark auf 0 gefallen.
Der amerikanische Finanzminister Henry Paulson räumte ein, dass die Turbulenzen das Wirtschaftswachstum in den Vereinigten Staaten beeinträchtigen könnte. Auch der Wirtschaftsweise Peter Bofinger sieht Auswirkungen der Finanzkrise auf das Wachstum der Weltwirtschaft. Wir erleben derzeit das Ende eines langen und ungewöhnlich starken globalen Aufschwungs, sagte Bofinger der Tageszeitung Die Welt (Freitagausgabe).
Iin der amerikanischen Geldpolitik seien entscheidende Fehler gemacht worden: Sie war in den Jahren 2004 und 2005 als sich die Wirtschaft längst von der Krise in Folge der Terroranschläge auf die Vereinigten Staaten im September 2001 erholt hatte, viel zu expansiv. Die niedrigen Zinsen hätten auf die Wirtschaft wie eine Art Doping gewirkt und damit hat nicht nur die amerikanische Konjunktur beschleunigt, sondern die ganze Weltwirtschaft.
Auch deutsche Wirtschaft könnte betroffen sein
Den Abschwung dürften auch die Unternehmen in Deutschland zu spüren bekommen, sagte Bofinger. Es kann aber gut sein, dass wir im kommenden Jahr ein deutlich schwächeres Wachstum haben werden, zumal unsere Binnennachfrage nach wie vor nicht in Schwung gekommen ist, sagte der Wirtschaftsweise.
Trotzdem sieht er für Verbraucher und auch mittelständische Unternehmen keinen Grund in Panik zu verfallen. Für die Industrie sehe es etwas schlechter aus. Aber sie ist international so gut aufgestellt und verfügt über so große Auftragsbestände, dass sie mit einer etwas verhalteneren Exportnachfrage auch noch ganz gut über die Runden kommen wird, sagte Bofinger.
Die konjunkturellen Folgen sind auch die größte Sorge für die asiatischen Märkte, sagt Lim Chang-gue, Fonds-Manager bei Samsung Investment Trust Management in Südkorea. Wenn wir handfeste Zeichen dafür sehen, dass das passiert, dann bin ich in Sorge, dass weltweit an den Märkten Pessimismus eintreten wird.
Text: FAZ.NET mit Material von dpa, Reuters, Bloomberg, Dow Jones Newswires
Bildmaterial: AFP, AP, Bloomberg, dpa, reuters