Im Gespräch: Barry Ritholtz

„Die Hypothekenkrise ist noch lange nicht gelöst“

Barry Ritholtz, Chefstratege von FusionAnalytics

Barry Ritholtz, Chefstratege von FusionAnalytics

08. September 2008 Die internationalen Aktienmärkte profitieren kurzfristig von der Rettungsaktion der amerikanischen Regierung für die Hypothekenfinanzierer Fannie Mae und Freddie Mac. Was die Nachhaltigkeit dieser Entwicklung angehe, sei aber Vorsicht angebracht, heißt es.

Dieser Meinung schließt sich auch Barry Ritholtz an. Der Chefstratege der New Yorker Firma FusionAnalytics betrachtet die Verstaatlichung der Hypothekenriesen kritisch. Er geht zudem davon aus, dass sich die Probleme am amerikanischen Immobilienmarkt nicht allzu rasch lösen lassen werden.

Die Börsen nehmen die Verstaatlichung von Fannie Mae und Freddie Mac positiv auf. Würden Sie jetzt Aktien kaufen?

Für eine kurzfristige Wette - ja! Die Geschichte zeigt: Das war das sechste Wochenende seit Oktober des vergangenen Jahres, an dem aufgrund der systemischen Finanzkrise interveniert wurde. Jede Intervention führte zunächst zu einer starken Kursrally, die jedoch bald auslief und die schließlich mit einem tieferen Kursniveau als zuvor endete.

Das deutet grundsätzlich auf tief sitzende systemische Probleme hin, die ihre Zeit brauchen, bis sie gelöst werden können. Bevor sich die amerikanischen Hauspreise nicht normalisiert haben und bevor das Verhältnis zwischen Angebot und Nachfrage von und nach Häusern nicht ausgeglichener ist, werden sie andauern.

Manche Marktteilnehmer argumentieren, die Verstaatlichung lege die Basis für diese Wende, möglicherweise sogar kurzfristig. Glauben Sie das?

Die Situation ist vergleichbar mit einem Patienten, der auf den Operationstisch kommt und der einerseits stark blutet, der jedoch gleichzeitig auch eine Lungenentzündung sowie Krebs hat. Zunächst geht es darum, die Blutung zu stillen. Nun mag das Ausbluten zwar gestoppt sein, die Grundkrankheiten jedoch müssen noch geheilt werden.

Wir kommen von einer ernormen Kreditblase, die zu einem riesigen Boom im Hausbau und in manchen Landesteilen zu einer Preisblase geführt hat, zum Beispiel in Florida, Las Vegas und in Südkalifornien. Die Hauspreise waren während des Booms sehr stark gestiegen. Betrachtet man die Verhältnisse zwischen mittleren Hauspreisen und mittleren Einkommen sowie zwischen Eigentümerkosten und Mieten, so lagen sie in der Spitze zwei bis drei Standardabweichungen über der historischen Norm. Nach den jüngsten Preisrückgängen liegen sie noch eineinhalb bis zwei Standardabweichungen darüber. Das heißt, wir haben gerade einmal die Hälfte der Preiskorrektur hinter uns. Erst danach können sich normale Leute wieder normale Häuser leisten. Bis dahin werden die Probleme in diesem Bereich andauern. Alle Maßnahmen, die getroffen werden, können allenfalls der Überbrückung dienen und dazu beitragen, dass der genannte Patient in der Zwischenzeit nicht verblutet.

Ist die amerikanische Wirtschaft so stark, wie manche der jüngsten Wachstumszahlen andeuteten?

Die aktuellste Zahl war eine Arbeitslosenquote von 6,1 Prozent. Sie hat in den vergangenen 100 Jahren nie so stark zugenommen wie jetzt, ohne dass sich die Wirtschaft in einer Rezession befunden hätte. Vieles deutet im Moment auf eine verhaltene Rezession hin. Es besteht allerdings die Gefahr, dass sie sich vertiefen und verlängern kann.

In normalen Wirtschaftszyklen starten die Unternehmen mit geringen Lagerbeständen und reagieren auf eine zunehmende Nachfrage mit Investitionen und der Anstellung zusätzlicher Arbeitskräfte bei steigenden Einkommen. Auf diese Weise entwickelt sich eine positive Eigendynamik. Der vergangene Zyklus jedoch ging vor allem von ultra tiefen Zinsen aus. Das löste die Energie- und Rohstoffinflation sowie den Boom im Häusermarkt aus. Nun benötigen wir viel Zeit, um aus dieser Lage wieder herauszukommen.

In den vergangenen Jahren konnten in den Vereinigten Staaten vier bis fünf Millionen Personen Häuser erwerben, die dazu unter normalen Umständen - 25 Prozent down, 30 Jahre fixed, monatliche Belastung von weniger als 25 Prozent des Bruttoeinkommens - nicht in der Lage gewesen wären. Für sie müssen nun erst einmal Lösungen gefunden werden.

Was bedeutet das für die den Konsum und den produzierenden Bereich?

Viele der produzierenden Betriebe konnten in den vergangenen Jahren vom schwachen Dollar profitieren. Die Konsumnachfrage dagegen wird sicherlich zurückgehen. Immerhin können die Eigenheimbesitzer nun keine Kaufkraft mehr aus ihren Häusern ziehen.

Kann sich die Wirtschaft der restlichen Welt davon abkoppeln?

Das alte Sprichwort lautet: Wenn Amerika nießt, so erkältet sich der Rest der Welt und wenn sich Amerika erkältet, so hat die restliche Welt eine Lungenentzündung. Die amerikanische Wirtschaft stand früher für 33 Prozent der Weltproduktion und sie steht heute noch für 27 Prozent. Das ist viel. Geht in den Vereinigten Staaten der Konsum zurück, so wird das überall zu spüren sein, sei es in China, in Korea, in Vietnam, in Deutschland oder auch in Japan.

Auf der einen Seite sehen wir hohe Inflationsraten, auf der anderen fallende Preise. Wie passt das zusammen?

Ich denke, wir befinden uns in einer Übergangsphase. Erinnern wir uns: Die Inflationsrate ist ein nachlaufender Indikator. Sie tendiert dazu, selbst dann noch zuzulegen, wenn die Wirtschaft schon stagniert oder gar einbricht. Die nachlassende Dynamik der amerikanischen Wirtschaft führte zu einer Korrektur im Rohstoffbereich. Sollte sich die Weltwirtschaft weiter abkühlen, dürften wir von einem inflationären zu einem disinflationären Umfeld kommen.

Die Vereinigten Staaten galten immer als Hort der freien Märkte und des Kapitalismus. Wo stehen wir nun nach der Verstaatlichung von Fannie Mae und Freddie Mac?

Ich weiß überhaupt nicht mehr, wo wir stehen. Hier handelt es sich weder um den Kapitalismus der freien Märkte, um Sozialismus oder gar Marxismus … ich kenne keinen Begriff dafür. Aber ich kann erklären, um was es sich handelt: Um die Vernachlässigung der regulatorischen Aufsicht. Es gibt ein altes Sprichwort: An ounce of prevention is worth a pound of cure. Es besagt, die Vorbeugung vor einer Krise wäre besser als eine riesige Aufräumaktion danach. Alan Greenspan und Phil Gramm glaubten offensichtlich nicht an dieses Sprichwort und wir bezahlen nun den Preis für ihre politische Religion: Die Regierung solle die Märkte nicht regulieren und die Banken nicht beaufsichtigen. Das war offensichtlich völlig verrückt.

Man kann dem amerikanischen Steuerzahler nicht erklären, „wir können uns ein vernünftiges Gesundheitswesen, ein Sozialversicherungssystem und die Erneuerung der Infrastruktur in Amerika nicht leisten, weil das zu teuer ist“ und gleichzeitig der Zentralbank und einem Haufen betrügerischer Wertpapierhändler erlauben, so viele strukturierte und derivative Produkte pyramidenartig anzuhäufen, bis ein Zuschuss von Steuermitteln in Höhe von einer Billion Dollar nötig ist, um das Finanzsystem zu retten. Das hat mit Demokratie überhaupt nichts zu tun, darüber gab es nie eine Abstimmung.

Wer wurde durch die Verstaatlichung von Fannie Mae und Freddie Mae letztlich gerettet? Was es der kleine Mann auf der Straße oder waren es Fondsmanager wie Bill Gross von Pimco, die den großzügigen Einsatz von Steuergeldern eigennützig so vehement gefordert hatten?

Lassen sie uns schauen, wer nicht „gerettet“ wurde, das sind in erster Linie die Aktionäre. Seien es ist Inhaber-Aktionäre oder die Eigentümer von Vorzugsaktien, jener Papiere, die ohne Dividendenzahlungen wertlos sind und die sich zu einem großen Teil in den Händen regionaler Banken befinden. Dagegen müssen die Anleihebesitzer praktisch keine Verluste hinnehmen.

Die Unternehmen, allen voran die Banken, mussten im Rahmen der Kreditkrise ihre Verschuldung zurückfahren und sich zum Teil rekapitalisieren. Ist das der Grund für die Baisse oder nimmt die Börse fallende Gewinne vorweg?

Es handelt sich um eine Kombination aus beiden Faktoren.

Das Gespräch führte Christof Leisinger



Text: @cri
Bildmaterial: Privat

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