Tabak-Branche

Traditionell defensive Werte

Von Sam Stovall

05. Februar 2008 Während elf rezessionsbedingter Marktrückgänge seit dem Zweiten Weltkrieg verzeichneten lediglich drei S&P-500-Branchenindizes einen Anstieg der durchschnittlichen Kursentwicklung: Alkoholische Getränke, Haushaltswaren und Tabakwaren. Das alte Wall-Street-Sprichwort „Wenn es hart auf hart kommt, wenden sich die Harten dem Essen, Rauchen und Trinken zu“ kommt also nicht von ungefähr.

Da Wertentwicklungen in der Vergangenheit keine Garantie für zukünftige Ergebnisse darstellen, wollen wir herausfinden, wie sich diese Gruppen während des Marktrückgangs seit Oktober 2007 geschlagen haben.

Tradition siegt zumindest teilweise

Vom 9. Oktober 2007 bis zum 25. Januar 2008 stieg der S&P-500-Branchenindex Tabakwaren um 5,3 Prozent, während der marktbreite S&P-500 im gleichen Zeitraum um 15 Prozent einbrach. Nur zwei andere Branchen des S&P-500-Verbrauchsgütersektors konnten während dieser Abschwächung Zuwächse erzielen: Agrarerzeugnisse (plus 25,6 Prozent) und Supermärkte (plus 5,6 Prozent).

Auch die beiden Branchengruppen Haushaltswaren und Brauereien lagen auf relativer Basis mit einem Rückgang von 6,9 Prozent beziehungsweise 10,6 Prozent gut im Rennen. Die Gruppe Brennereien und Winzer jedoch schnitt mit einem Minus von 16,9 Prozent schlechter ab als der breitere Markt.

Tabakwaren schlagen den Markt

Die zum Verbrauchsgütersektor zählende Branchengruppe Tabakwaren weist mit 4,9 von 5 Sternen den höchsten Durchschnittswert innerhalb des S&P-Rankingsystems auf, was gewichtet nach Marktkapitalisierung das größte Kurssteigerungspotential impliziert.

Die Gruppe verfügt ferner über eine hohe relative Stärke im zurückliegenden Zwölfmonatszeitraum und ist mit einem positiven fundamentalen Ausblick eines S&P-Aktienanalysten versehen. Im Jahresverlauf bis zum 25. Januar fiel der S&P-1500-Branchenindex Tabakwaren um 2,4 Prozent gegenüber einem Rückgang des S&P-1500 von 9,4 Prozent. Im Jahr 2007 konnte diese Branchengruppe um 14,6 Prozent zulegen, während der S&P-1500 nur um 3,6 Prozent anstieg.

Günstige Preisentwicklung

Werfen Sie einen Blick auf die Infografik. Die blaue Linie stellt die rollierende 52-Wochen-Kursentwicklung des Tabakwaren-Branchenindex' im Verhältnis zum S&P-1500 dar. Punkte oberhalb von 100 zeigen eine über dem S&P-1500 liegende Wertentwicklung des Sektors gegenüber dem Vorjahr, während Punkte unterhalb der 100 eine unter dem S&P-1500 liegende Wertentwicklung wiedergeben. Die rote Linie ist ein rollierender gleitender Neunmonatsdurchschnitt, während die beiden grünen Linien die jeweils erste Standardabweichung über und unter der mittleren relativen Stärke des Index' anzeigen.

Finanzanalystin Esther Kwon nimmt die im Branchenindex Tabakwaren vertretenen Unternehmen für S&P Equity Research unter die Lupe. Vor dem Hintergrund von Erfolgen bei Rechtsstreitigkeiten und günstigen Preisentwicklungen formuliert sie für die kommenden zwölf Monate einen positiven fundamentalen Ausblick für diese Gruppe. Darüber hinaus rechnet Kwon mit einem nachlassenden Wettbewerbsdruck auf dem amerikanischen Zigarettenmarkt.

Erfolge bei Rechtsstreitigkeiten

Nachdem das amerikanische Justizministerium 1999 Klage gegen die Tabakindustrie auf Gewinnabschöpfung in Höhe von 280 Milliarden Dollar eingereicht hatte, wurde im September 2004 der Prozess eröffnet. Im Oktober 2005 wies der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten die Klage ab. Nach Einschätzung von S&P war diese höchstrichterliche Entscheidung und die anschließende Kappung der Entschädigungszahlungen äußerst positiv für die Tabakbranche.

Ein darauf folgendes Urteil richtete sich jedoch gegen die Tabakindustrie und verbot unter anderem irreführende Verpackungsaufschriften wie „light“. Da die Beklagten Berufung einlegten, ist dieses Verbot bis zur abschließenden Entscheidung des Berufungsgerichts noch nicht rechtskräftig.

Zu einem weiteren bedeutenden Sieg für die Tabakindustrie kam es im Dezember 2005, als das Oberste Gericht von Illinois ein Urteil kippte, das den Tabakkonzern Philip Morris zu Schadenersatzzahlungen verpflichtet hatte, weil das Unternehmen Raucher über die wahren Gesundheitsrisiken von Zigaretten mit der Aufschrift „light“ getäuscht habe.

Eine dritte wichtige rechtliche Hürde - der als „Engle gegen Ligget“ bekannt gewordene Fall über Entschädigungszahlungen für erkrankte Raucher in Höhe von 145 Milliarden Dollar - wurde im Juli 2006 genommen, als das Oberste Gericht Floridas das Urteil der unteren Instanz verwarf.

Außerdem entschied der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten Anfang vergangenen Jahres abschließend über den Fall Williams, in dem es um Schadenersatz für einen an Lungenkrebs verstorbenen Raucher in Höhe von rund 80 Millionen Dollar ging. Der Gerichtshof hob das Urteil mit der Begründung der Unverhältnismäßigkeit dieser Strafzahlung auf und setzte damit ein Zeichen gegen exzessive Schadenersatzklagen.

Diese höchstrichterliche Entscheidung könnte weit reichende Auswirkungen haben - nicht nur für die Tabakindustrie, sondern auch für andere Konsumgüterbranchen, die sich mit Produkthaftungsklagen konfrontiert sehen.

Der Preisabstand zwischen Premium- und Billigzigaretten wird geringer

Als die großen Tabakkonzerne als Folge eines gerichtlichen Vergleichs („Master Settlement Agreement“) ab Ende 1998 ihre Preise deutlich anhoben, stieg der Marktanteil der Hersteller von Billigzigaretten (mit einem Preisabschlag von 45 Prozent gegenüber Anbietern von Markeprodukten) von rund zwei Prozent 1998 auf über 13 Prozent 2003.

Seit 2004 ist laut Kwon jedoch aufgrund eines sich verringernden Preisabstands zu den Markenartikeln und infolge aggressiverer Marketingmaßnahmen der Großkonzerne eine langsamere Steigerung des Marktanteils von Billiganbietern zu beobachten. Trotz des von S&P für die kommenden zwei bis drei Jahre erwarteten Rückgangs des Inlandsverbrauchs zwischen zwei und drei Prozent geht Kwon von einem moderaten Anstieg der operativen Gewinne der Branche aus, da Kostensenkungsanstrengungen und Fusionssynergien die höheren Investitionen der beobachteten Marken kompensieren. Auf längere Sicht rechnet Kwon mit einem jährlichen Rückgang des inländischen Zigarettenkonsums zwischen ein und zwei Prozent.

Favorit Altria

Nach Auswertung von S&P ist das längerfristige Momentum der Branchengruppe solide und der fundamentale Ausblick positiv, was auf eine mögliche Fortsetzung der starken Kursentwicklung dieses Branchenindex' schließen lässt.

Der von S&P favorisierte Vertreter dieser Branchengruppe ist die Altria Group. Am 30. Januar hat der Vorstand des Unternehmens den Zeitplan zur Durchführung des Spin-Offs von Philip Morris International ankündigen. Danach wird sich der Konzern Ende März von der Tochter trennen.

Kwon sieht in dieser Ausgliederung einen Katalysator für die Wertsteigerung der Aktie und ist überzeugt, dass eine unabhängige sowie eine von amerikanischen aufsichts- und prozessrechtlichen Einschränkungen befreite internationale Unternehmenseinheit ein stärkeres Wachstum erzielen werde. Sie stuft die Aktie mit fünf Sternen als unbedingte Kaufempfehlung ein und behält ihr Kursziel von 85 Dollar bei.

Sam Stovall ist Chefstratege von S&P Equity Research Services.



Text: www.businessweek.com
Bildmaterial: AP, FAZ.NET, Standard&Poors

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