03. Dezember 2007 Richtiger Riecher, falsche Quelle. Trieben in der vergangene Woche Übernahmegerüchte den Aktienkurs des hannoverschen Finanzstrukturvertriebs AWD auf neue, alte Höhen von bis zu 23,60 Euro, so war es größtenteils die Deutsche Bank, die als Kaufinteressent gehandelt wurde.
Nachdem ein Firmensprecher den Kursanstieg auf verstärktes Interesse von amerikanischen Anlegern nach einer Investorenveranstaltung in den Vereinigten Staaten zurückführte, schmolz beispielsweise am Mittwoch das Plus von sieben auf vier Prozent dahin, am Freitag veränderte sich der Kurs kaum.
Richtiges Gerücht, falscher Hauptakteur
Wohl dem aber, der auf die Gerüchte gebaut hat, denn er kann sich jetzt glücklich schätzen. Es ist zwar nicht die Deutsche Bank, sondern der Schweizer Lebensversicherer Swiss Life, der den deutschen Finanzdienstleister übernehmen will. Allerdings bietet er dafür 30 Euro je Aktie und damit einen Aufschlag von nicht weniger als 30 Prozent auf den Schlusskurs vom vergangenen Freitag.
Damit dürfte am Montag in den ersten Handelsminuten das Rennen um die restlichen Aktien losgehen, wer noch immer ein Schnäppchen machen kann, wird es versuchen, wahrscheinlich aber dürfte es bereits zu spät sein.
Der AWD soll eine eigenständige Aktiengesellschaft mit Sitz in Hannover bleiben, teilte das Unternehmen am Montag in Hannover mit. Das Konzept der offenen Vertriebsplattform der AWD-Gruppe und der Marktauftritt als unabhängiger Finanzberater bleiben erhalten.
Strategische Partnerschaft
AWD bezeichnet das Ansinnen auch keineswegs als Übernahme, sondern vielmehr als strategische Partnerschaft, die im besten Interesse der Gesellschaft sei. Der Vorstand beabsichtige, den Aktionären die Annahme des Angebots zu empfehlen. Die Familie Maschmeyer wird das Angebot für rund 20 Prozent der AWD-Aktien annehmen und bleibt mit zirka 10 Prozent weiterhin am Unternehmen beteiligt. Carsten Maschmeyer werde Vorstandsvorsitzender bleiben.
Da das Übernahmeangebot keine Mindestannahmequote als Angebotsbedingung enthält, ist daran vorläufig nicht zu zweifeln. Für Aktionäre stellt sich nun die Frage, ob sich die Annahme lohnt oder ob der AWD unter dem dach von Swiss Life nicht bessere Chancen hat und sich der Wert der Aktie noch stärker erhöhen könnte.
Mit der Offerte über 30 Euro je Anteil wird die AWD AG gemäß der zuletzt veröffentlichten Zahl der ausstehenden Aktien mit rund 1,16 Milliarden Euro bewertet. Zuletzt lief es bei den Hannoveranern nicht mehr ganz so rund. Wegen der ungewissen Auswirkungen der internationalen Finanzkrise auf das Verhalten der Anleger rückte das Unternehmen vor wenigen Wochen von seiner Prognose ab, den Umsatz im laufenden Jahr um 10 Prozent auf 800 Millionen Euro zu steigern.
Prognose gekippt
AWD plant jetzt nur noch, den Vorjahresumsatz von 728 Millionen Euro zu übertreffen und das Ergebnis vor Steuern und Zinsen überproportional zu erhöhen. Analysten rechnen mit 785 Millionen Euro, im kommenden Jahr sollen es 861 Millionen werden. Auf dieser Basis erscheint die Bewertung mit 1,16 Milliarden Euro nicht gerade überzogen, wenigstens angesichts der teilweise völlig überzogenen Preise, die in den vergangenen Jahren bei Übernahmen bezahlt wurden.
Auf der Ertragsseite rechnen Analysten mit einem operativen Ergebnisplus von zehn Prozent auf 100 Millionen Euro und mit einem um ein Achtel höheren Betriebsergebnis von 87,6 Millionen Euro. Der Gewinn je Aktie soll um 59 Prozent auf 1,61 Euro steigen und im kommenden Jahr moderater um 24 Prozent auf zwei Euro.
Im dritten Quartal war der Umsatz gegenüber dem Vorjahresquartal indes lediglich um 1,7 Prozent auf 175,1 Millionen Euro gestiegen, das Betriebsergebnis um 3,2 Prozent auf 19,2 Millionen Euro und der Quartalsüberschuss um 3,7 Prozent auf 13,9 Millionen Euro.
Starkes Osteuropa
Nach neuen Monaten stand immerhin noch ein Umsatzplus von 7,5 Prozent auf 563,3 Millionen Euro, ein um 11,9 Prozent höheres Betriebsergebnis von 62,2 Millionen Euro und ein um knapp 15 Prozent höheres Ergebnis je Aktie von 1,17 Euro zu Buche.
Dies zeigt eine deutliche Abschwächung im dritten Quartal, die wohl nicht zuletzt auf die Finanzkrise und ihre Auswirkungen zurückzuführen sein dürfte, wie nicht zuletzt der Umsatzrückgang von zehn Prozent im dritten Quartal und der Betriebsverlust nach neun Monaten in Großbritannien zeigten.
Auch in Deutschland lief das Geschäft schon erfolgreicher. Trotz eines moderaten Umsatzplus von 3,5 Prozent stagnierte der Betriebsgewinn in den ersten neun Monaten nahezu. In der Schweiz wuchs der Umsatz um gerade in Prozent, während der Betriebsgewinn um neun Prozent auf 6,9 Millionen Euro zurückging.
Lediglich in Österreich und Mittel-Ost-Europa zeigte man sich mit einem Umsatzzuwachs von 28,1 Prozent auf 125,5 Millionen Euro und einem um 62,6 Prozent höheren Betriebsgewinn stark. Mittlerweile bringt die Region bei 22 Prozent der Umsätze 44 Prozent des Gewinns ein. Vor Jahresfrist waren es noch 18,7 bzw. 30 Prozent gewesen.
Dividendenaussichten
Was in den vergangenen Monaten vor allem für die Aktie sprach, war die Dividendenaussicht. Und die sollten sogar noch besser werden. AWD stellte jüngst eine Rekorddividende in Aussicht, nachdem 2006 1,30 Euro gezahlt worden war, die notfalls auch aus liquiden Mitteln bestritten werden sollte, falls der Nettogewinn dazu nicht ausreicht. Ob es dabei auch nach der Übernahme noch bleibt, ist ein andere Frage. Analysten prognostizierten 1,70 Euro, was beim Schlusskurs vom Freitag immerhin einer Rendite von 9,2 Prozent entsprach und auf Basis des Übernahmekurses immer noch 5,7 Prozent wären.
Ob angesichts der Finanzkrise und der Ermüdungserscheinungen auf manchen Märkten schon im Vorfeld derselben indes die Wachstumsaussichten ein ausreichender Grund für das Halten der Aktie sind, ist eine andere Frage. Denn auf Basis des Übernahmekurses und der aktuellen Analystenprognosen, beläuft sich das Kurs-Gewinn-Verhältnis für AWD auf 18,6 für das laufende und 15 für das kommende Jahr. Damit erscheint die Aktie durchaus angemessen erwartet.
Es ist nicht auszuschließen, dass der Kurs 2009 oder 2010 aus fundamentaler Sicht die Marke von 30 Euro wieder überschreitet. Aber es schadet sicherlich nicht, zwischenzeitlich einmal die Gewinne schon jetzt zu realisieren. Bleibt die Aktiennotiz erhalten, so findet sich sicherlich noch die ein oder andere Einstiegsmöglichkeit, angesichts der Tatsache, dass die Finanzkrise keineswegs ausgestanden ist, gleich ob das Gegenteil gerade einmal wieder an den Märkten gespielt wird.
Sollte die Notiz gestrichen werden, so gibt es immer noch die Aktie der Swiss Life, die derzeit mit Kurs-Gewinn-Verhältnissen von knapp zehn für das laufende und 8,4 für das kommende Jahr auch so teuer nicht ist.
Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.
Text: @mho
Bildmaterial: dpa, FAZ.NET
| Tops & Flops | +/- | Prozent |
|---|---|---|
| DEUTSCHE POSTBANK AG | +1,75 | +3,03 |
| DEUTSCHE POST AG NAM | +0,56 | +2,69 |
| HENKEL AG & CO. KGAA | +0,69 | +2,39 |
| BAYER AG INHABER - A | -0,97 | -1,73 |
| MAN AG STAMMAKTIEN O | -1,67 | -1,69 |
| MUENCHENER RUECKVERS | -1,83 | -1,49 |
| Name | Punkte | Prozent |
|---|---|---|
| Dax | 7.081,05 | -0,03 |
| TecDax | 861,39 | -0,41 |
| DowJones | 12.992,66 | +0,73 |
| Nasdaq | 2.533,73 | +1,48 |
| STOXX 50 | 3.854,86 | -0,07 |
| Nikkei 225 | 14.219,48 | -0,23 |
| S&P 500 Zert. | 14,07 | -0,50 |
| Euro/Dollar | 1,55 | +0,12 |
| Bund Future | 113,35 | -0,18 |
| Gold | 882,10 | -0,06 |
| Öl | 122,91 | +0,72 |
