Reifenhersteller

Michelin-Aktie wirkte schon druckvoller

Reifen des Anstoßes in der Formel 1: Michelin

Reifen des Anstoßes in der Formel 1: Michelin

20. Juni 2005 Doppelsieg für Ferrari - Riesenblamage für Michelin: Weil die Franzosen nicht für die Sicherheit ihrer Rennreifen garantieren konnten, blieben am Wochenende die Formel 1-Boliden von McLaren-Mercedes, BMW-Williams, Toyota, Renault, BAR-Honda, Sauber und Red Bull in den Garagen, statt mit den roten Flitzern um den Sieg beim Rennen in Indianapolis zu rasen. Mit der Blamage dürfte ein schwer kalkulierbarer Imageschaden einhergehen, obschon die Vorgänge in der Formel 1 nicht einfach auf das Geschäft mit Personen- und Lastwagen übertragen werden können.

Inwieweit die Aktie von Michelin zu Wochenbeginn leiden wird, wird sich weisen. Dessenungeachtet sah der Titel schon attraktiver aus. Zwar ist er auf den ersten Blick nicht teuer, doch liegt das Kurs-Gewinn-Verhältnis über dem historischen Durchschnitt - und das bei leicht sinkenden Umsätzen und fehlenden Neuigkeiten zur Proditabilität. Zudem ist die Notiz - im Gegensatz zu jener des Konkurrenten Continental - im ausgehenden Frühjahr aus dem kurzfristigen Aufwärtstrend gerutscht, während der langfristige positive Trend noch intakt ist. Nicht zuletzt gibt es Unwägbarkeiten, die sich aus dem anstehenden Ausscheiden eines namhaften Teils der Belegschaften in Europa und Nordamerika ergeben.

Im frühen Handel am Montag verliert die Aktie in Paris 1,3 Prozent auf 50,85 Euro und auf dem Frankfurter Parkett 2,6 Prozent auf 49,90 Euro.

Schwächere Nachfrage im Kerngeschäft

Im ersten Geschäftsquartal 2005 hat Michelin gegenüber dem starken gleichen Vorjahresquartal einen leichten Rückgang beim Umsatz hinnehmen müssen. Während Continental die Erlöse und den Periodengewinn steigern konnte, sank der Michelin-Umsatz um 0,2 Prozent auf 3,61 Milliarden Euro und verfehlte die durchschnittliche Analystenprognose um etwa 50 Millionen Euro. Zum Quartalgewinn machten die Franzosen keine Angaben. Sie wiederholen aber die Aussage, nach der die operative Gewinnmarge des vergangenen Jahres gehalten werden soll.

Michelin litt unter einer grundsätzlich schwächeren Nachfrage nach Ersatzreifen, was deshalb bedeutsam ist, da der zweitgrößte Reifenhersteller der Welt rund 70 Prozent seines Geschäftes mit Ersatzreifen macht. Und: „Kapazitätsengpässe führten dazu, daß die Franzosen mit der derzeit florierenden Erstausrüstungsnachfrage (von Autoherstellern) nicht mithalten konnten“, so Analyst Fabian Kania von Helaba Trust. Andererseits konnte Michelin die gesunkenen Volumina durch höhere Preise fast ausgleichen. Angesichts dessen sprachen die Analysten von Credit Suisse First Boston von einem „seltsamen“ ersten Quartal.

Die Prognosen sind nicht berauschend ausgefallen. Michelin erwartet beim Autoreifengeschäft weiterhin eine Stagnation und hat die Erwartungen für die Erstausstattungen in der Lastwagensparte etwas hochgenommen. Darunter könnte aber der Produktmix leiden, wie Kania meint. Andererseits sieht er einen wieder anziehenden Absatz für normale Autoreifen. Gleichwohl hält der Analyst eine „Anpassung der Prognosen“ (nach unten) für möglich. Da die Analysten im Durchschnitt mit einer Gewinnsteigerung rechneten, könnte dies die Aktie belasten.

Analysten uneins in der Bewertung von Michelin

Gaetan Toulemonde von der Deutschen Bank verweist zudem auf die stattliche Anzahl an Pensionierungen, die bei Michelin in Europa und Nordamerika anstehenden. Innerhalb der nächsten fünf bis sieben Jahre gingen 32 Prozent der Belegschaften in Rente. Die Frage, wie das Management damit umgehe und ob es angemessenen Ersatz finden werde, sei das Hauptrisiko im Hintergrund der Kaufempfehlung, die Toulemonde zu Michelin ausgesprochen hat. Er erwartet einen Anstieg der freien Barmittel, da Michelin die Marge steigern will, und sieht den fairen Wert der Aktie bei 65 Euro. Dagegen hält CSFB den Titel mit 42 Euro für gut bezahlt und schätzt ihn als „underperformer“ ein. Und für Helaba Trust ist Michelin im Gegensatz zu Continental ein Verkauf.

Die pessimistische Sicht hat sich indes in den vergangenen Wochen nicht durchgesetzt. Vielmehr hat sich die Aktie von ihrer zu Anfang März begonnenen Talfahrt etwas erholt, die Rückkehr in den zuvor geltenden, seit Oktober 2004 ausgebildeten Aufwärtstrend aber nicht geschafft. Seit Anfang Juni tendiert die Notiz seitwärts. Mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 10,1 wird der Titel etwas günstiger als Continental - allerdings liegt der historische Durchschnitt des KGV bei etwa 9,2.

Um die in dieser Prämie liegenden Erwartungen nicht zu enttäuschen, wird Michelin entsprechende Zahlen liefern müssen. Ob dies angesichts sinkender Umsätze und hoher Rohstoffpreise gelingen kann, wird sich weisen. Darauf zu wetten, kann ins Auge gehen. Und aus charttechnischer Sicht müßte die Notiz das Mehrjahreshoch bei 55,70 Euro überspringen, um ein Kaufsignal zu senden. Unter dem Strich ist das Papier aktuell nicht mehr als eine Halteposition. Bei einem Fall unter die Marke von 48 Euro wäre der langfristige Aufwärtstrend passé. In diesem Fall sollten Aktionäre über Gewinnmitnahmen nachdenken.

Der Chart zeigt den Kurs der Aktie von Michelin in Paris.
Der Chart zeigt den Kurs der Aktie von Michelin in Paris.

Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.



Text: @thwi
Bildmaterial: AP

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