Textilindustrie

Gruschwitz Textilwerke: Eine Merckle-Story

Milliardär Adolf Merckle hat auch bei der Gruschwitzer das Sagen

Milliardär Adolf Merckle hat auch bei der Gruschwitzer das Sagen

01. November 2006 Die meisten Aktien, die jenseits irgendwelcher Indizes an den Börsen gehandelt werden und bisweilen durch hohe Kurssteigerungen auffallen, lassen sich in drei Kategorien einordnen. Sie präsentieren sich entweder als Start-Ups mit kurzer Unternehmenshistorie, kleinem operativen Geschäft und wenig Geld oder als Börsenmäntel mit kleinem oder gar keinem operativen Geschäft, wenig oder gar keinem Geld, dafür aber einer langen Unternehmenshistorie.

Daneben gibt es noch die Möglichkeit eines mittelständischen Unternehmens mit unterschiedlich langer Unternehmenshistorie, stabilem operativen Geschäft und wenig Streubesitz, die sich aus irgendeinem internen Grund listen lassen.

Wenig Eigenkapital, viel Tradition

Nicht so richtig in dieses Schema paßt die Aktie der Gruschwitz Textilwerke, die im vergangenen Monat rund 65 Prozent zulegte und die all die zuvor genannten Merkmale irgendwie anders kombiniert. Das Unternehmen hat eine lange Historie, sehr wohl ein operatives Geschäft, und einen Streubesitz, der nach jüngsten Angaben immerhin über 40 Prozent beträgt.

Auf der anderen Seite ist das Unternehmen mit einer Eigenkapitalquote von zuletzt (31.12.2005) 18,8 Prozent und liquiden Mitteln von knapp 300.000 Euro nicht sonderlich komfortabel finanziert. Zudem ist das Grundkapital in lediglich 33.600 Aktien eingeteilt, so daß der Streubesitz lediglich 17.086 Stück beträgt - nicht eben Grundlage einer hohen Liquidität.

Die Gruschwitz Textilwerke AG wurde ursprünglich 1816 im schlesischen Neusalz an der Oder von Johann David Gruschwitz gegründet. 1945 erfolgte die Neu-Gründung durch Alexander Doherr Gruschwitz im bayerischen Neu-Ulm. 1998 und 2003 übernahm man die Leutkircher Filamentzwirnerei Fritz Zorn an deren Standort in Leutkirch im Allgäu man 2004 zog sowie die Lozetex Gmbh.

Volatile Gewinnentwicklung

Seit Juni 2005 fungiert die AG nur noch als Holding. Das gesamte operative Geschäft wurde auf die 100prozentige Tochter Gruschwitz GmbH Tech Twists übertragen. Diese stellt Nähgarn und technische Zwirne aus Leinen, Baumwolle und synthetischen Materialien her. Als Kernkompetenz sieht man die Herstellung von technischen Zwirnen mit der Betreuung aller vor- und nachgelagerten Prozesse für die Automobil-, Luft- und Raumfahrtindustrie, die Filter- , Bau-, Sicherheits- und Medizintechnik.

Das Geschäft verlief in den vergangenen Jahren recht volatil. Während die Umsätze in der Tendenz wuchsen, war dies beim Konzernergebnis nicht immer der Fall. Im Gegenteil sank das Ergebnis je Aktie bis zum Jahr 2003 deutlich ab und stieg erst 2004 dank der Erträge aus verbundenen Unternehmen sprunghaft an. 2005 gaben sie wieder deutlich um rund 50 Prozent auf 11,67 Euro je Aktie nach, nicht zuletzt weil das operative Ergebnis im Bereich technische Standardzwirne um mehr als drei Viertel auf 264.000 Euro zurückging.

Damit ergibt sich für die Aktie ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von 31 auf Basis des vergangenen Jahres. Dieses habe für den Konzern im Zeichen der Konsolidierung gestanden, so der Vorstand im Lagebericht. Dennoch scheint die Bewertung irgendwo recht optimistisch zu sein.

Ein Satellit im Merckle-Imperium

Aber das ist bei der kaum gehandelten Aktie auch kaum aussagekräftig. Die Story ist an ganz anderer Stelle zu vermuten. Denn was sich an Aktien nicht im Streubesitz befindet, ist mittelbar und unmittelbar fest in den Händen der schwäbischen Unternehmerfamilie Merckle, die gleichzeitig größter Darlehensgeber ist. Weitere knapp zehn Prozent entfallen auf die Taurus Beteiligungen, hinter der der Investor Heiner Diechtierow steht.

Und die Gruschwitz Textilwerke wären nicht die erste Gesellschaft, die die Merckles übernähmen und an der sie herumbasteln. Erst in diesem und im vergangenen Jahr sorgten das Aufräumen bei Ratiopharm und die Übernahmen der Kontrolle über Heidelcement und Kässbohrer für Aufsehen.

Wer am Erfolg der Merckles partizipieren will, braucht einen langen Atem. Denn die Schwaben haben sich noch nie dadurch hervorgetan, daß sie kurzfristige Strategien verfolgen. Bei der Heidelcement war Merckle schon seit 1938 beteiligt und erst als Deutsche und Dresdner Bank im vergangenen Jahr ihre Anteile verkaufen wollten, wurde zugegriffen. Die Wurzeln von Ratiopharm und dem Arzneimittelhändler Phoenix reichen bis 1881 zurück.

Bedächtig und schwer vorhersagbar

Bei Kässbohrer griff Merckle Ende der neunziger Jahre zu und erst 2004 gelang es der Familie, den Vorstandschef der Kreissparkasse Biberach, die knapp 40 Prozent an Kässbohrer hielt aus dem Aufsichtsrat zu drängen, um das Management fortan nach eigenem Gusto zu besetzen. Erst 2006 wurde dann der Anteil des Instituts erworben.

Wenn Merckles investieren, folgen sie seit Generationen demselben Muster: Was einmal erstanden wurde, wird beharrlich ausgebaut. „Wir wollen uns nicht von Analysten bequatschen lassen und das tun, was in Mode ist, sondern das, wovon wir langfristig überzeugt sind“, erklärte Ludwig Merckle im Juli der FAZ. Dabei stellt er oft fest, „daß Unmodernes für uns gerade das richtige ist“.

Und die Richtung des Imperiums ist schwer vorhersagbar. „Eine Strategieabteilung haben wir nicht“, räumte Ludwig Merckle ein. Man nehme die Gelegenheiten, wie sie kommen, heute Zement, morgen Wald - und übermorgen Textilfasern.

Kursgewinne vor allem auf dem Papier

Man wird also abwarten müssen, wie sich die Gruschwitz Textilwerke noch entwickeln. Einige Beobachter spekulieren auf ein Mantelgeschäft, das durch die Ausgliederung des operativen Geschäfts vorbereitet werde. Die Gruschwitz könnte daher so etwas werden wie die Kötitzer Ledertuch- und Wachstuch-Werke AG, die ebenfalls zum Imperium gehört und die einen Großteil des Aktienbesitzes der Familie hält.

Oder es kommt doch alles ganz anders. Jedenfalls ist das Unternehmen für Merckle-Verhältnisse noch nicht lange im Besitz - nämlich erst seit etwas mehr als zwei Jahren. Da kann es noch etwas dauern, bis sich größere Erfolge zeigen. Und die Investition hat noch einen gewaltigen Haken. Gehandelt wurden in den vergangen zwölf Monaten lediglich 628 Stück, davon 600 an einem Tag im Mai. Der exorbitante Kurssprung kam aufgrund eines hohen Geldkurses zustande, erst später folgte ein Umsatz von sechs zögerlichen Aktien.

Da kann es dann schon durchaus sein, daß die Kursgewinne auf das Papier beschränkt bleiben. Und die Dividende betrug für das Jahr 2004 lediglich 20 Cent. Wird die Gruschwitz eine zweite Kötitzer, so könnte die Dividende bescheiden bleiben. Lediglich 0,3 Prozent des Gewinns des Geschäftsjahres 2005 wurden ausgeschüttet, was einer Rendite von 0,03 Prozent entsprach. Andererseits kletterte der Aktienkurs von 2003 bis 2006 von 2.286 auf zuletzt 8.900 Euro. Indes wurden auch hier nur sieben Stücke gehandelt, was bei einem Streubesitz von rund fünf Prozent auch kaum überrascht.

Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.



Text: @mho
Bildmaterial: FAZ.NET, picture-alliance/ ZB

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