Amerikanischer Aktienmarkt

Quo vadis 2008

Von Peter Coy

27. Dezember 2007 Die Auswahl der Investmentmöglichkeiten für 2008 gleicht dem Versuch, an Heiligabend kurz vor Torschluss noch einen ansehnlichen Weihnachtsbaum zu finden. Aktien? Angesichts sinkender Unternehmensgewinne wenig prickelnd. Anleihen? Diejenigen mit bester Bonität sind überteuert. Immobilien? Um Gottes willen!

Vor dem Hintergrund einer Kreditkrise in voller Blüte, der anhaltenden Schwäche des amerikanischen Häusermarkts und einer möglichen Rezession in den Vereinigten Staaten ist dies eine denkbar ungünstige Zeit für die Jagd nach Vermögenswerten, mit deren Erwerb es sich in einem Jahr trefflich prahlen lässt. „Wir werden es mit Schwäche in unterschiedlichen Abstufungen zu tun haben“, sagt David A. Rosenberg, Volkswirt bei Merrill Lynch.

Defensive versus Offensive

Doch noch ist nicht alle Hoffnung verloren. Einige der erfolgreichsten Investoren raten zu defensiven Anlagestrategien mit Augenmerk auf eine Werterhaltung in schwierigen Zeiten. Überraschenderweise sind einige jedoch der Ansicht, dass 2008 letztlich ein ziemlich gutes Jahr für die Märkte werden könnte. Unumstritten ist indes, dass sich die gegenwärtige Lage von allem unterscheidet, was wir seit Anfang der neunziger Jahre zu Gesicht bekommen haben.

Die Wahl der Anlagemöglichkeiten für 2008 wird am stärksten von den anhaltenden Turbulenzen nach dem Platzen der Kreditblase beeinflusst. Die Probleme begannen auf dem Häusermarkt, wo die Preise durch laxe Finanzierungsbedingungen nach oben getrieben wurden, etwa durch Darlehen, die nicht an Angaben zu Einkommen, Kreditvergangenheit und Beleihungsobjekt gekoppelt waren oder durch zweitklassige Hypothekenkredite, die Kreditnehmer mit Anfangszinssätzen unter Marktniveau köderten.

Die Malaise breitete sich anschließend auf den Finanzsektor aus, der das Risiko dieser unverantwortlichen Kreditvergabe unterschätzte. Selbst außerhalb der Vereinigten Staaten sind diejenigen, die ihr Geld in Banken anlegen, derart misstrauisch gegenüber den Banken, dass sie als Zins für ihr Geld 1,8 Prozentpunkte mehr verlangen, als sie mit dreimonatigen Schatzwechseln erzielen würden; im vergangenen Frühjahr lag diese Prämie bei gerade einmal 0,4 Prozentpunkten.

Häuser als Ladenhüter

Das größte Risiko für Anleger besteht darin, dass die Kreditklemme 2008 weitere Opfer fordern dürfte. Fast drei Prozent der in erster Linie für den Verkauf und nicht für die Vermietung vorgesehenen Wohneinheiten stehen leer, was dem höchsten Wert seit Beginn der statistischen Erfassung im Jahr 1956 entspricht. Viele Volkswirte rechnen damit, dass der hohe Bestand unverkaufter Häuser im kommenden Jahr zu einem weiteren Preisverfall zwischen fünf und zehn Prozent nach sich ziehen wird.

Sinkende Häuserpreise führen zu einer wachsenden Zahl von Eigenheimbesitzern, deren Hypothekenkreditzahlungen den Wert ihres Hauses übersteigt. „Damit befindet sich eine ganze Anlageklasse im Volumen von 23 Billionen Dollar in der Deflation.“, warnt Quincy Krosby, leitender Anlagestratege der Hartford Financial Services Group.

Auch wenn das Beschäftigungswachstum nach wie vor respektabel ist, hat der bisherige Preisrückgang bei Wohnimmobilien zu einem deutlichen Anstieg von Insolvenzen und Zwangsversteigerungen sowie zu Abschreibungen in Milliardenhöhe geführt. Es liegt daher nahe, dass ein weiterer Preisverfall noch tiefer ins Fleisch schneidet, insbesondere dann, wenn er mit einem Stellenabbau einhergeht.

Höhere Schulden denn je

Das Risiko, dass wir im Jahr 2008 die erste Verbraucherrezession seit 1990-91 erleben werden, steigt. Die Zinssätze sind seit Anfang der achtziger Jahre stetig gesunken, die amerikanischen Verbraucher haben diesen Rückgang jedoch nicht als Chance zum Abbau ihrer Schulden genutzt, sondern ihre Kreditaufnahme ausgeweitet. Nach Angaben der Fed beliefen sich die finanziellen Verpflichtungen der Haushalte im dritten Quartal auf 19,3 Prozent ihres verfügbaren Einkommens - nur minimal unterhalb des Rekordniveaus von 2006, aber deutlich über den 15 Prozent der achtziger Jahre. Dieser Zustand scheint längerfristig unhaltbar zu sein. Bei Autokrediten ist ein Anstieg der Ausfallraten zu beobachten, Probleme bei Kreditkartenkrediten könnten folgen.

Wie soll man sich angesichts dieser tückischen Situation verhalten? Sofern man nicht über eine hohe Risikotoleranz verfügt, scheint es ratsam, eine konservative Anlagestrategie zu verfolgen und in Unternehmen mit starken Bilanzen zu investieren, die von den Launen und Sorgen der amerikanischen Verbraucher relativ unabhängig sind, etwa Unternehmen der Gesundheitsbranche, die gemeinhin als relativ konjunkturresistent gelten oder Technologieanbieter, deren Umsätze zu weiten Teilen in robusteren Auslandsmärkten erwirtschaftet werden.

Bei festverzinslichen Wertpapieren sollte man einen großen Bogen um strukturierte Produkte machen (Stichwort Subprime). Stattdessen empfiehlt sich eine Investition in todsichere Staatsanleihen oder in Kommunalobligationen mit geringfügig höherem Risiko, deren Renditen steuerlich attraktiver sind.

Cashflow wird wichtiger

In schwierigen Zeiten sind jene Anleger im Vorteil, die sich auf Unternehmen mit reichlich freiem Cashflow konzentrieren. Diese Unternehmen sind selbst dann überlebensfähig, wenn der Fremdkapitalmarkt in die Knie geht oder die Aktien des Unternehmens keine Käufer mehr finden. Suchen Sie nach Aktien, deren Kurse durch solide und nachhaltige Geschäftsaktivitäten gerechtfertigt sind, anstatt der Marktspekulation auf potentielle künftige Reichtümer zu folgen.

Für William W. Priest, Geschäftsführer des New Yorker Investmentfonds Epoch Investment Partners, kommt es bei einer gezielten Aktienauswahl nicht nur auf die Kenntnis der Finanzkennzahlen an, sondern auch auf das Wissen um die Wettbewerbsposition des Unternehmens. Mehr denn je „ist heute ein Business Analyst von größerem Nutzen als ein Finanzanalyst“, so Priest.

Der abgebrochene Hebel

Der Fremdkapitalhebel wurde von einem zentralen Wachstumsinstrument zu einem Riesenproblem. Als die Kredite noch großzügig vergeben wurden, akzeptierten Anleger niedrige Prämien für den Kauf von Wertpapieren risikoreicherer Unternehmen. Hierbei ließen sie sich von der Überlegung leiten, dass sie diese im Bedarfsfall jederzeit wieder verkaufen könnten. Nun hat sich jedoch gezeigt, dass „Liquidität, die noch am Montag erstklassig schien, sich am Mittwoch bereits in Luft aufgelöst haben kann“, sagt Marc D. Stern, leitender Aktienstratege des New Yorker Bessemer Trust.

Stern wertet die aktuelle Lage als „gesunde Korrektur einer von Exzessen geprägten Zeit“. Seine Aktienauswahl umfasst Aktien von Unternehmen des Gesundheitssektors, Titel von Technologieanbietern mit hohem Anteil ausländischer Umsätze sowie Wertpapiere von Unternehmen asiatischer Märkte wie Singapur, Südkorea, Malaysia und Japan, die mit den beiden Boomländern China und Indien Geschäfte tätigen und niedrigere Kurs-Gewinn-Verhältnisse aufweisen als die Aktien an den Börsenplätzen jener zwei Riesenstaaten.

Hausse-Szenario?

Ein Hausse-Szenario für amerikanische Aktien ist im kommenden Jahr dennoch wahrscheinlich, wenn es der Wirtschaft der Vereinigten Staaten gelingt, eine Rezession zu umschiffen. Vor allem das starke Wachstum im Ausland könnte positiv auf die Gewinnsituation einwirken. So berichtete etwa das Technologieunternehmen 3M am 12. Dezember, dass es für 2008 mit einem zehnprozentigen Anstieg seines Gewinns je Aktie rechne, was zum Teil auf die in Schwellenländern erwirtschafteten Erlöse zurückgehen werde.

In der Zwischenzeit wird die Fed wahrscheinlich weitere Zinssenkungen vornehmen, um einer möglicherweise anhaltenden Schwäche der amerikanischen Wirtschaft entgegenzuwirken. Dies dürfte den Aktienkursen Auftrieb verleihen.

Darüber hinaus könnten im Zuge der Präsidentschaftswahlen 2008 auch fiskalpolitische Impulse des Weißen Hauses hinzukommen, die sich positiv auf die Aktienkurse auswirken. Dem „Wall Street Börsen Almanach 2008“ zufolge entwickelte sich der Aktienindex S&P-500 seit 1950 in den letzten sieben Monaten eines Wahljahres mit nur einer Ausnahme stets nach oben.

Der unerschütterliche Verbraucher

Optimisten gehen außerdem nicht davon aus, dass die amerikanischen Verbraucher im kommenden Jahr die Segel streichen werden. „Sind Amerikaner zufrieden, dann konsumieren sie. Ist ihre Stimmung gedrückt, konsumieren sie noch mehr, solange sie ihren Arbeitsplatz nicht verlieren“, schreibt Volkswirt Edward Yardeni, Vorsitzender von Yardeni Research.

Für einige Aktienoptimisten ist der Pessimismus der Anleger die beste Nachricht für den Markt. Das durchschnittliche KGV auf Grundlage der in den zurückliegenden zwölf Monaten erzielten Gewinne der im S&P-500 vertretenen Unternehmen liegt knapp über 18 gegenüber 25 in den Jahren 1999 und 2000. Dies bedeutet, dass die Anleger im Durchschnitt moderate Preise für Aktien von Unternehmen mit respektablen Gewinnen zahlen.

Der UBS Index of Investor Optimism sank im November um 26 Punkte auf 44 und damit auf den niedrigsten Stand seit den Verwüstungen durch Wirbelsturm Katrina. Diejenigen, die Anlegerpessimismus als Kontraindikator nutzen, gehen davon aus, dass nach einer allgemeinen Kapitulation niemand mehr übrig sein werde, der Aktien abstoßen könne, weshalb die Kurse schlussendlich nur noch nach oben laufen dürften.

Die Blätter der Banken

Wenn man diese optimistische Sichtweise teilt, könnte man mit dem Gedanken spielen, stark gebeutelte Aktien von Banken zu kaufen, die attraktive Dividendenrenditen zu aktuell günstigen Kursen versprechen. Der Trick hierbei besteht indes darin, herauszufinden, welche Banken bereits alle Karten auf den Tisch gelegt haben und welche noch weitere unliebsame Überraschungen bereithalten werden.

Noch immer weiß niemand, wie tief der Häusermarkt noch sinken wird. Es ist dieser Faktor, der über das Ausmaß der Schäden für den Finanzsektor und die Wirtschaft entscheiden wird. Angesichts dieser Bedingungen ist eine Wette auf den Aktienmarkt eine riskante Angelegenheit. Der Ausblick auf das kommende Jahr lädt nicht gerade zum Jubeln ein, wenn das Beste, das man über das Jahr sagen kann, die Tatsache ist, dass jeder das Jahr bereits abgeschrieben hat.

Der Autor ist Reporter bei Business Week.



Text: Business Week Online
Bildmaterial: FAZ.NET, Standard&Poor’s, Standard&Poor's

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