Strategie

Die Anleger sind sehr nervös

30. September 2008 Starke Kursverluste an den Börsen machen die Anleger extrem nervös. Während der Dow Jones Industrial Index am Montag mit einem Minus von 777,7 Punkten absolut den größten Kursverlust seiner Geschichte verzeichnete, erreichte der VIX-Index im Handelsverlauf mit 48,4 Prozent das höchste Niveau seit Beginn der Berechnungen.

Der VIX wird auch „Angst- oder Panikindex“ genannt. Aus einem einfachen Grund: Je höher er ist, desto mehr fürchten sich die Investoren vor fallenden Notierungen und desto eher sind sie kurzfristig bereit, hohe Prämien für die Versicherung dagegen zu zahlen.

Bei fallenden Börsen werden Verkaufsoptionen rasch sehr teuer

Wie können sie sich gegen fallende Kurse schützen? Zum Beispiel indem sie Verkaufsoptionen kaufen. Diese bieten dem Käufer gegen die Zahlung einer Prämie das Recht, ein bestimmtes Wertpapier während eines vorher festgelegten Zeitraumes oder an einem spezifizierten Zeitpunkt zu einem im Vorhinein festgelegten Preis zu verkaufen.

Je stärker die Märkte schwanken, desto höher ist die Versicherungsprämie, die Optionshändler an den Terminbörsen für die von ihnen gehandelten Kontrakte von ihren Kunden verlangen. Aufgrund der zunehmenden Unsicherheit schrauben sie in dieser Phase die entscheidenden Faktoren zur Optionspreisbestimmung, die Volatilitäten, immer weiter nach oben.

Zum Börsenkurs

Genau dieser Effekt zeigt sich am Verlauf des VIX: Rechnerisch lassen sich aus den Preisen für Indexoptionen auf den S&P 500, die am Chicago Board Options Exchange gehandelt werden, diese „impliziten Volatilitäten“ ableiten und zu einem Durchschnitt umwandeln, der für die erwarteten Kursschwankungen in den kommenden 30 Tagen steht. Je höher der Index ist, desto nervöser sind die Optionshändler - und umgekehrt.

In diesem Sinne ist der VIX einer jener Stimmungsindikatoren, die auf Trendwenden an den Märkten hindeuten können, sofern sie Extremwerte erreicht haben. Tatsächlich lag er am Montag über dem hohen Niveau des Jahres 2002. Damals waren die Anleger wenige Monate vor dem Erreichen des damaligen Tiefs an den Börsen sehr unsicher geworden.

Stimmungsindikatoren müssen eingeordnet werden

Allerdings verlassen sich erfahrene Markttechniker und Analysten nicht auf einzelne Indizes solcher Art, sondern sie versuchen sich ein Gesamtbild zu machen. In diesem Rahmen berücksichtigen sie in den Regel die verschiedensten Indikatoren. Nicht selten blicken sie auch auf die fundamentalen, makroökonomischen Rahmenbedingungen.

Genau diese sehen im Augenblick nicht sonderlich positiv aus. In Deutschland ist am Dienstag zwar die Arbeitslosigkeit weiter zurückgegangen und in den Vereinigten Staaten fielen das Verbrauchervertrauen sowie der Chicago Purchasing Managers Index etwas besser aus als befürchtet. Auf der anderen Seite kommen immer mehr Unternehmen mit Gewinnwarnungen auf den Markt, die vorlaufenden Konjunkturindikatoren deuten beinahe weltweit auf eine abnehmende Dynamik hin und die Hauspreise in den Vereinigten Staaten fallen weiter.

Alleine im Juli verzeichnete der Case-Shiller-Hauspreisindex ein Minus von 16,35 Prozent auf Jahresbasis. Das heißt, am amerikanischen Häusermarkt, dem Ursprung der gegenwärtigen wirtschaftlichen Malaise, zeichnet sich noch keine Entspannung ab. Das heißt, aus dieser Warte gibt es kaum Gründe zum Optimismus, da auch die Konsumenten künftig den Gürtel enger schnallen müssen.

Dazu kommt die verfahrene Lage der Finanzunternehmen. Selbst wenn sich die Lage am Interbankenmarkt wieder beruhigen und die Refinanzierung wieder möglich machen sollte, werden sie künftig stärker reguliert werden als in der Vergangenheit. Aus diesen Gründen werden sie nicht mehr so rasch wachsen können, wenn überhaupt. So fehlen auch die Wachstumsimpulse von dieser Seite. Immerhin hatten die Finanzunternehmen in den vergangenen Jahren des ungezügelten Kreditwachstums überproportional zum Wirtschafts- und Gewinnwachstum beigetragen. Damit dürfte es vorerst vorbei sein.

Aus diesen Gründen haben die Anleger vorerst genügend Gründe, um nervös zu bleiben.

Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.



Text: @cri
Bildmaterial: Bloomberg, FAZ.NET

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