Automobilindustrie

Spekulationen um Chrysler treiben Daimler-Aktie auf neue Hochs

Nur Polieren reicht bei Chrysler offenbar nicht mehr

Nur Polieren reicht bei Chrysler offenbar nicht mehr

14. Februar 2007 Mit harten Einschnitten will Daimler-Chrysler sein amerikanisches Geschäft aus den roten Zahlen steuern und schließt sogar einen Verkauf der Tochter Chrysler nicht mehr aus. Bis zum Jahr 2009 sollen bei Chrysler 13.000 Stellen wegfallen, teilte der Autobauer am Mittwoch mit. Das wäre jeder sechste Job in Nordamerika. Danach hätte Chrysler nur noch halb so viele Beschäftigte wie bei der Übernahme durch Daimler vor neun Jahren.

Die Sanierung von Chrysler sorgte in den Vereinigten Staaten für Schlagzeilen: In Anspielung auf einen Massenmord in Chicagos Bandenmillieu der zwanziger Jahre sprachen Medien bereits von einem „Massaker am Valentinstag“.

Milliardenverlust bei Chrysler

An der Börse hingegen kommen die Pläne gut an. Fast sechs Prozent konnte die Aktie zwischenzeitlich zulegen und ging immer noch mit einem Plus von 4,6 Prozent bei 51,50 Euro aus dem Handel - so hoch wie seit mehr als vier Jahren nicht mehr.

Neben den Stellenstreichungen sollen bei Chrysler zwei Werke geschlossen werden, anderswo Schichten wegfallen. Insgesamt sollen etwa 400.000 Autos pro Jahr weniger vom Band rollen. Mit spritsparenden Modellen sollen Kunden zurückgewonnen werden.

Unumstritten war das Investment bei Chrysler nie, und nach einer zwischenzeitlichen Sanierung erwecken die Zahlen für das vergangene Jahr den Eindruck, als sei das Chrysler-Schiff noch immer nicht wirklich flott geworden.

Aufgrund von Überkapazitäten und der Absatzschwäche schrieb das Unternehmen zum dritten Mal seit 1998 rote Zahlen. Der Betriebsverlust belief sich auf 1,12 Milliarden Euro, nachdem im Vorjahr noch ein Betriebsgewinn von 1,53 Milliarden Euro verbucht worden war. Der Umsatz sank auf 47,1 Milliarden Euro von 50,1 Milliarden Euro im Vorjahr.

Sanierung wohl nicht das letzte Wort

Das belastete naturgemäß auch den Gesamtkonzern. Bei einem um ein Prozent höheren Konzernumsatz von 151,6 Milliarden Euro verdiente der weltweit fünftgrößte Autobauer unter dem Strich 3,2 Milliarden Euro nach 2,8 Milliarden Euro vor Jahresfrist. Die im Vorjahr wegen der Sanierung der Kleinwagenmarke Smart rote Zahlen schreibende Mercedes-Gruppe verbuchte einen Betriebsgewinn von 2,42 Milliarden Euro. Über alle Sparten hinweg kletterte der Betriebsgewinn des Konzerns damit unerwartet kräftig auf 5,52 Milliarden Euro (Vorjahr: 5,19 Milliarden Euro).

Mit Rücksicht auf die abermals notwendig werdende Sanierung von Chrysler blieb Daimler-Chrysler mit seinem Geschäftsausblick für dieses und die kommenden Jahre vorsichtig. Die Ertragskraft solle in den Jahren 2007 bis 2009 deutlich steigen, stellte der Konzern in Aussicht und verwies auf Risiken durch die ungewisse Entwicklung der Wechselkurse und der Rohstoffpreise. Chrysler soll 2008 wieder Gewinne erzielen, 2009 soll die Umsatzrendite 2,5 Prozent betragen.

Ob die Sanierung aber das letzte Wort sein wird, lässt der Konzern so offen wie nie zuvor. Nach Einschätzung von Branchenexperten ist ein Verkauf oder ein Börsengang von Chrysler möglich. Konzernchef Zetsche sagte jedenfalls, als er vor gut einem Jahr gesagt habe, eine Trennung von der amerikanischen Tochter komme nicht in Frage, habe man nur die Spekulationen im Keim ersticken wollen.

Das Ende von zwei Jahrzehnten misslungener Experimente?

Auch eine Allianz mit einem Konkurrenten wäre denkbar, nachdem man sich vom asiatischen Entwicklungspartner Mitsubishi 2004 getrennt hatte, um dessen Verluste nicht mehr mittragen zu müssen. Seitdem fehlt Daimler-Chrysler allerdings ein Partner bei kleinen, kompakten Autos.

Dem Aktienkurs kommt zugute, dass die Börse ein kurzes Gedächtnis ihr eigen nennt. Denn im Grunde befindet sich der Konzern seit fast 20 Jahren auf einer strategischen Achterbahnfahrt. Edzard Reuter strebte einen Technologiekonzern an, dessen Erfolg sehr begrenzt blieb, und Jürgen Schrempps umstrittene „Welt AG“ scheint sich nun endgültig in Wohlgefallen aufzulösen. Leisten konnte sich das Unternehmen dies nur aufgrund der von Joachim Zahn angelegten hohen Finanzreserven und der lange Zeit starken Marke Mercedes.

Die Anleger jedenfalls zeigten sich eher unzufrieden. Bis 1997 konnte die Aktie ihr altes Hoch des Jahres 1986 nicht übertreffen. Und nachdem die Aktie zu Beginn der Ägide Schrempp erst ungeahnte Gipfel erklomm, fiel sie nach der Chrysler-Fusion auf ein Allzeittief.

Jetzt wird gehofft, dass Dieter Zetsche endlich dem Konzern eine funktionierende strategische Ausrichtung verleiht. Dem spricht auch noch nichts entgegen, obgleich die derzeit gehandelten Partner vielleicht nicht unbedingt die allerbeste Wahl wären.

Nach einem Bericht des „Manager Magazins“ verhandelt der Autokonzern mit General Motors über den Verkauf. Das könnte für Daimler positiv sein - aber wohl kaum für Chrysler. Denn damit würden sich nur zwei gleichermaßen angeschlagene Konzerne zusammentun, die beide für sich schon keine Antwort auf die Herausforderungen des Marktes gefunden haben.

Aktie mit Auftrieb

Renault, dessen Chef Carlos Ghosn in der vergangenen Woche betonte, eine Allianz mit einem nordamerikanischen Partner sei nützlich, wollte nicht kommentieren. Indes will Ghosn nach dem Gewinneinbruch des vergangenen Jahres erst einmal das eigene Haus in Ordnung bringen und tut auch gut daran, sich dann nicht noch einen neuen Problemfall einzukaufen.

Geht man von den Analystenprognosen aus, so ist Daimler-Chrysler auf Basis der Gewinnschätzungen mit Kurs-Gewinn-Verhältnissen von 13,3 für das laufende und 11,4 für das kommende Jahr selbst auf dem aktuellen Kurshoch nicht zu hoch bewertet. Indes sind die Fragezeichen hinter der Zukunft des Konzerns noch immer recht groß.

Andererseits spricht der Trend für die Aktie, nachdem die Hochs des vergangenen Frühjahrs nunmehr endgültig überwunden wurden. Indes sieht sich die Notierung nunmehr einer durch das Kurshoch des Jahres 2002 gebildeten Widerstandszone gegenüber, das bis zur Marke von 55 Euro reicht. Kann Daimler-Chrysler aber mit positiven Meldungen zur Zukunft von Chrysler aufwarten, so dürfte sie auch diese Hürde nehmen können.

Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.



Text: @mho
Bildmaterial: ddp, FAZ.NET

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