Finanzmarktausblick

Frühlingserwachen trotz Nachtfrostgefahr

Von Gerald Braunberger

28. April 2008 Das sieht doch schon ganz anders aus als vor ein paar Wochen. Die Sonne scheint, die Vögel zwitschern, und an die Stelle launischer Unlust tritt neuer Tatendrang. So ist es nicht nur im richtigen Leben, sondern offenbar auch in der oft verschlossen wirkenden Welt der Finanzmärkte.

Die Zeichen für eine sich auflockernde Stimmung sind nicht zu übersehen: An den lange paralysiert erscheinenden Kreditmärkten sind Lebenszeichen in Gestalt von Kreditverkäufen zu konstatieren, an den Anleihemärkten nimmt die Zahl der Neuemissionen wieder zu, die Aktienmärkte schlagen sich dank mehrheitlich sehr ordentlicher Quartalsergebnisse wacker, und zu guter Letzt - man wagt es kaum zu glauben - demonstrierte sogar der seit längerem am Krückstock gehende Dollar einen Anfall von Vitalität. Wie konnte das passieren?

Der Dollar kommt wieder

Der Wechselkurs zwischen Euro und Dollar erlebte in der vergangenen Woche Höhen und Tiefen. Am Dienstag kostete ein Euro erstmals knapp über 1,60 Dollar, und es schien, als würde die Schwäche der amerikanischen Währung kein Ende finden. Doch im Wochenverlauf erholte sich der „Greenback“ bis auf 1,5625 Dollar je Euro am Freitag. Für beide Bewegungen zeichneten Konjunkturüberlegungen diesseits und jenseits des Atlantiks verantwortlich.

Das Euro-Hoch vom vergangenen Dienstag war die Reaktion des Devisenmarkts auf Äußerungen einzelner Mitglieder des Zentralbankrats der Europäischen Zentralbank (EZB), die über mögliche Zinserhöhungen als Folge der hohen Inflationsrate räsonierten. Doch dann kehrte ein unerwartet schlecht ausgefallener Ifo-Konjunkturindex für Deutschland die Stimmung schlagartig um. Plötzlich wurde den Märkten bewusst, dass die Konjunktur in Deutschland vielleicht doch weniger unverletzlich ist, als man gedacht hatte. Prompt hakte der Devisenmarkt das Thema Zinserhöhung in Europa ab.

Umgekehrt hat sich auch die Wahrnehmung der Lage in Amerika geändert, wo die Fed am Mittwoch über ihre Zinspolitik entscheidet. Da sich die Finanzmarktkrise etwas entspannt zu haben scheint und die Inflation hoch ist, erwarten viele Beobachter nurmehr eine Senkung des Leitzinses um 25 Basispunkte auf 2 Prozent, während noch vor einigen Wochen die Erwartung einer Ermäßigung auf 1,75 Prozent weit verbreitet war. Sollte die Fed ihre zuletzt sehr aggressive Zinssenkungspolitik beenden, könnte dies die Erholung des Dollar befördern.

Einfach ignorieren

Die Aktienmärkte haben ihren eigenen Umgang mit der Finanzmarktkrise gefunden: Sie ignorieren sie einfach. Die Crédit Suisse legt ein unerwartet schlechtes Quartalsergebnis vor? Was soll's. Finanzaktien gehörten in der vergangenen Woche jedenfalls zu den Gewinnern. Auch das Quartalsergebnis der Deutschen Bank, das am kommenden Dienstag veröffentlicht wird, dürfte den Aktienmarkt kaum verstören. Denn längst ist durchgesickert, dass auch die Deutsche Bank von der Finanzmarktkrise betroffen ist. Einzelne Analysten halten einen Verlustausweis für das erste Quartal für möglich, und der Vorstandsvorsitzende Josef Ackermann dürfte sich von dem inoffiziell längst beerdigten Gewinnziel von 8,4 Milliarden Euro vor Steuern für das Gesamtjahr verabschieden.

Dafür scheint die Bank über externes Wachstum nachzudenken, um an Größe zuzulegen. Der Deutschland-Chef der Bank, Jürgen Fitschen, sagte auf einer Konferenz, man sei durchaus an Teilen des hiesigen Geschäfts der Citigroup interessiert, falls sich die Gerüchte eines Rückzugs des amerikanischen Geldhauses aus Deutschland bestätigten.

Wer mit wem?

Fitschen ging allerdings noch weiter und regte an, aus den vier großen deutschen Banken - der Deutschen, der Dresdner Bank, der Commerzbank und der Postbank - zwei Riesen zu schmieden: „Vier geteilt durch zwei macht zwei.“ Nun lässt sich trefflich spekulieren, wer hier mit wem zusammengehen könnte. Für die Deutsche Bank besäße ein Zukauf den Reiz, das Privatkundengeschäft zu stärken und damit die Ertragslage des Konzerns zu stabilisieren, da nicht sicher erscheint, ob das Investmentbanking in Zukunft jene Goldgrube bleibt, die es vor der Finanzmarktkrise war.

Über genügend Munition zur Erlegung eines nationalen Konkurrenten dürfte die Deutsche Bank verfügen. Zwar laufen Genehmigungen zur Beschaffung neuen Kapitals bald aus, doch will sich die Bank von der nächsten Hauptversammlung neue Genehmigungen zur Aufnahme haftender Mittel über zusammen 17 Milliarden Euro besorgen. Aus der Bank ist zu hören, dass es sich hierbei eher um eine Routineangelegenheit handele als um eine Kapitalaufnahme für eine konkret ins Auge gefasste Übernahme.

Regen im Mai bringt Wohlstand und Heu

Ob die Frühlingsstimmung an den Märkten von Dauer sein wird oder ob sich der Frost noch einmal zurückmeldet, könnte von der Unmenge von Wirtschaftsdaten abhängen, die in den kommenden Tagen zur Veröffentlichung anstehen. In den Vereinigten Staaten stehen unter anderem der Case-Shiller-Hauspreisindex, der Index für das Verbrauchervertrauen, eine vorläufige Schätzung des Wirtschaftswachstums im ersten Quartal 2008, der Arbeitsmarktbericht, der ISM-Einkaufsmanagerindex sowie mehr als 100 Quartalsberichte von den 500 im S&P-Aktienindex enthaltenen Unternehmen bevor.

Darunter befinden sich große Konzerne wie Exxon Mobil, Procter & Gamble, General Motors und Time Warner. Ihren Fortgang nimmt die Quartalssaison auch in Europa, wo unter anderen Deutsche Bank, Banco Santander, BBVA, Siemens, Metro, Daimler, Sanofi-Aventis und Alcatel-Lucent berichten werden.

Unter den Analysten gehen die Ansichten auseinander, ob das Frühlingserwachen von Dauer sein wird. Einige erwarten einen Ansturm des Deutschen Aktienindex Dax auf die Marke von 7000 Punkten, andere, wie die West LB, äußern sich vorsichtiger: „Von einer Beruhigung für die Märkte kann man ungeachtet der kleinen Zwischenerholung unseres Erachtens nicht wirklich sprechen.“ Dass eine Eintrübung in den kommenden Wochen vielleicht sogar von Vorteil sein könnte, belegt eine alte Bauernregel: „Regen im Mai bringt Wohlstand und Heu.“



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z.

 
Tops & Flops+/-Prozent
HYPO REAL ESTATE HOL +1,23 +29,78
COMMERZBANK AG INHAB +1,96 +20,21
INFINEON TECHNOLOGIE +0,42 +15,30
MERCK KGAA INHABER - +0,67 +1,09
BAYER AG INHABER - A +0,66 +1,60
DEUTSCHE POST AG NAM +0,28 +2,43
NamePunkteProzent
Dax 4.789,84 +5,40
TecDax 568,99 +10,11
DowJones 8.451,19 -1,49
Nasdaq 1.649,51 +0,27
STOXX 50 2.550,36 +5,31
Nikkei 225 8.276,43 -9,62
S&P 500 Zert. 8,83 -10,45
Euro/Dollar 1,36 +0,21
Bund Future 114,35 -0,28
Gold 859,98 +1,48
Öl 76,65 -7,49
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