Tumor-Tagebuch

Kämpfen, hoffen, planen

18. April 2004 „Das Leben ist um so vieles leichter, wenn ich so tue, als ob mit mir alles in Ordnung wäre.“ Ivan Nobles Tagebuch hält das Auf und Ab seiner Therapie fest.

September 2002: Ein Arzt sagte mir nach der Computertomographie, sie hätten etwas "Interessantes" gefunden. Dumm wie ich war, fühlte ich mich geschmeichelt.

Oktober 2002: Jetzt, wo all meine haarlosen Stellen zusammengefunden haben, sehe ich aus wie ein Ronaldo für Arme.

Ich habe meine Freundin geheiratet

November 2002: Das Leben ist um so vieles leichter, wenn ich so tue, als ob mit mir alles in Ordnung wäre. Am Samstag habe ich meine Freundin geheiratet. Sie sah absolut phantastisch aus.

Dezember 2002: Ich hoffe, daß die Chemotherapie die Tumorreste fertigmacht, die der Bestrahlung nicht erlegen sind. Am Donnerstag gehe ich wieder arbeiten. Für mich ist das eine Absichtserklärung.

Ein Krieg scheint bevorzustehen. Ich habe meine eigene kleine Schlacht zu kämpfen. Es wäre wunderbar, wenn wir es unversehrt bis nächsten Dezember schaffen könnten.

Nicht jetzt! Nicht jetzt!

Januar 2003: Ich weiß, daß ich eines Tages sterben werde. Aber wenn ich an meinen Tod denke, denke ich: Nicht jetzt! Nicht jetzt!

Februar 2003: Unser kleines Mädchen hat am Wochenende ihre ersten Schritte gemacht... Ist es okay, eine Dienstreise für Juni zu planen?

März 2003: Am Montag hatte ich einen Hirnscan. Ich habe die Ergebnisse noch nicht. Wenn ich daran denke, wie wichtig sie sind, erstarre ich in Furcht.

März 2003: Der Tumor hat auf die Behandlung angesprochen und ist geschrumpft.

Juli 2003: Ich hoffe auf Forscher, die versuchen, Tumoren wie meinen aufzuhalten. Bis dahin muß ich zusehen, fit zu bleiben.

August 2003: Ich werde jetzt aufhören, dieses Tagebuch zu schreiben.

Ich habe ein ernstes Problem

November 2003: Ich hatte so gehofft, daß ich das hier nie wieder schreiben müßte. So ist es nicht gekommen. Ich habe ein ernstes Problem und brauche eine Operation.

Dezember 2003: Zwölf Tage raus aus der Klinik, und meine gute Stimmung bleibt.

Februar 2004: Mein Tumor ist trotz der Operation wieder gewachsen. Es ist ein harter Schlag. Wir werden die OP wiederholen.
März 2004: Mein Pfleger im Krankenhaus fragte mich, ob mich irgend etwas beunruhigte. Der Gedanke, an Krebs zu sterben, antwortete ich. Mir ist jetzt klar: Ich kämpfe um Zeit. Mein unmittelbarer Kampf ist es, die Geburt meines Sohnes im Juli mitzuerleben.

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 18.04.2004, Nr. 16 / Seite 67

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