Trinkgeld

Das „Danke“ gehört dazu

Von Sabine Hildebrandt

Fünf Prozent? Zehn Prozent? Was ist angemessen?

Fünf Prozent? Zehn Prozent? Was ist angemessen?

18. April 2005 Die Kellnerin ist rot vor Wut. Mitten im Lokal baut sie sich vor dem peinlich berührten Gast auf und hält ihm das Zehn-Cent-Stück, das er auf ihrem Tisch liegengelassen hat, direkt unter die Nase. "Das können Sie behalten."

Die Bielefelder Benimmlehrerin Inge Wolff weiß: "Trinkgeld geben ist häufig eine schwierige Gratwanderung zwischen Lob und Beleidigung." Die Deutschen geben zwar gerne, wie eine Untersuchung der Fachhochschule Gelsenkirchen zeigt. Doch viele wissen nicht, wann wieviel angemessen ist.

Trinkgeld ist eine freiwillige Leistung

Ganz einfach ist die Sache auch nicht: Stewardessen beispielsweise wollen nicht mit Trinkgeld belästigt werden - schon weil sie es gar nicht annehmen dürfen. Zugbegleiter freuen sich über kleine Summen. An Bord eines Schiffes dagegen muß man schon tiefer in die Tasche greifen. Bei Friseuren und Kellnern macht das Trinkgeld noch immer einen erheblichen Teil ihres Einkommens aus. Erwischt man aber den Inhaber, hat man sich schon wieder blamiert. Im Taxi fährt der Chef oftmals selbst - und hat dennoch nichts gegen großzügiges Aufrunden.

In vielen Bereichen gehört Trinkgeld heute zur Normalität: im Hotel- und Gaststättengewerbe, in der Reisebranche, im Friseur- oder Schönheitssalon und im Taxi. Anders als beispielsweise in den Vereinigten Staaten, wo Trinkgeld mitunter ein Muß ist, ist es in Deutschland eine freiwillige Leistung - und sollte auch so verstanden werden. "Wer nicht zufrieden ist", betont Benimmexpertin Wolff, darf dies auch zeigen, indem er sich auf Heller und Cent rausgeben läßt.

Wieviel ist angemessen?

Unangemessen kleine Spenden dagegen hält Wolff auch in diesem Fall für falsch, vor allem, wenn der Betroffene nicht klar erkennen kann, warum der Obolus so gering ausgefallen ist. Eine Einschätzung, die Harald Esser, Vorsitzender des Innungsverbandes Friseur und Kosmetik Nordrhein, unterstreicht. Wer nur wenig geben will oder kann, "der sollte es lieber lassen".

Wieviel aber ist angemessen? Fünf bis zehn Prozent im Restaurant, empfehlen Experten, und rund zehn Prozent beim Friseur. Der Taxifahrer bekommt zwischen 50 Cent und einem Euro, mehr, wenn er die Koffer vor die Haustür trägt; der Page im Hotel darf pro schweren Koffer mit einem Euro rechnen. Daß überdurchschnittliche Leistungen auch überdurchschnittlich belohnt werden, versteht sich von selbst. Gerade beim Friseur, weiß Esser, zahlen Stammkunden auch dafür, daß sie sich gut aufgehoben fühlen. "Das steht dann nicht immer im Verhältnis zur Rechnung."

Im Nobelrestaurant teilt das Team

Entscheidend ist, daß das Dankeschön auch wirklich mit einem Dank verbunden wird und nicht einfach wortlos in die Hand gedrückt oder auf dem Tisch zurückgelassen wird. Nur Zimmermädchen machen hier eine Ausnahme: Sie freuen sich über Geld, das sie auf Tisch oder Bett vorfinden.

Etwas schwieriger ist die Frage zu beantworten, wer das Trinkgeld bekommt, wenn mehrere Personen am Service beteiligt sind. Im Hotel werden Wagenmeister, Page, Rezeption und Housekeeping grundsätzlich einzeln bedacht. Auch beim Friseur empfehlen Benimmexperten, vom haarewaschenden Lehrling bis zum Gesellen jedem einzeln zu danken, der einem etwas Gutes getan hat. In einem Nobelrestaurant ist das dagegen unüblich. Dort kassiert das Trinkgeld, wer die Rechnung bringt - und teilt dann mit dem Team.

Kartenzahler sollten Trinkgeld in bar geben

Wie man dabei das Trinkgeld gebe, so Stefan Zabarella, Kellner im Bayerischen Hof in München, sei nicht so entscheidend. Bei krummen Summen den Betrag mit der Bemerkung aufzurunden: "Der Rest ist für Sie", geht genauso wie die klassische Art, sich zunächst rausgeben zu lassen und erst dann das Extra zu übergeben. Höflich ist es auch, den Betrag zu nennen, den man zurückhaben möchte.

Bei Kartenzahlung wünschen sich Zabarella und Kollegen die Belobigung in bar. Der Grund: Die meisten Kreditkartenfirmen kassieren ihre Provision auch vom Trinkgeld. Und dann, so Zabarella, "freuen sich andere".

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 17.04.2005, Nr. 15 / Seite 56
Bildmaterial: dpa

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