Vereinigte Staaten

Wall Street feiert Bushs Sieg

03. November 2004  Die amerikanischen Aktienmärkte haben am Mittwoch mit kräftigen Kursgewinnen auf den Sieg des Amtsinhabers George W. Bush bei den amerikanischen Präsidentschaftswahlen reagiert. Der Dow Jones-Index und der technologielastige Index der Computerbörse Nasdaq notierten im frühen Handel um 1,7 Prozent fester.

Der breiter gefaßte Index S&P 500 stieg um 1,5 Prozent. Die Kurse von Pharmawerten legten besonders kräftig zu. Diese Branche galt schon im Vorfeld der Wahlen neben Rüstungs- und Energietiteln als ein Bereich, der von einer zweiten Bush-Administration profitieren dürfte. Die Kurse amerikanischer Staatsanleihen gaben dagegen nach. Dahinter steht die Befürchtung, daß das unter Bush gestiegene Haushaltsdefizit zu einer erhöhten Emission von Staatspapieren führen wird, um die Verschuldung zu finanzieren.

Optimistische Analysten

Das endgültige Ergebnis der Präsidentschaftswahl steht allerdings noch nicht fest, weil im Bundesstaat Ohio noch über 150000 vorläufige Stimmen sowie bis zu 100000 Briefwahlstimmen ausgezählt werden müssen. Der Wahlleiter von Ohio hat angekündigt, daß die Auszählung dieser Stimmen erst in elf Tagen beendet sein wird. Bei den provisorischen Stimmen muß zudem geprüft werden, ob die Wähler wahlberechtigt waren. Weder Bush noch sein Herausforderer, der demokratische Senator John Kerry, können ohne die 20 Wahlmännerstimmen von Ohio die Wahl für sich entscheiden.

Am Mittwochmorgen führte Bush in Ohio allerdings mit einem Vorsprung von 136000 Stimmen. Bei der Investmentbank Goldman Sachs erwarten Analysten daher einen Sieg von Bush. „Obwohl das endgültige Ergebnis immer noch unklar ist, sieht es so aus, als ob Präsident Bush die Kontrolle des Weißen Hauses behalten hat und die Republikaner ihre Kontrolle des Kongresses gestärkt haben“, kommentierte Analyst Jim O'Neill. Neben dem Präsidenten wurde auch das Repräsentantenhaus und ein Drittel des Senats neu bestimmt.

Europäische Finanzmärkte reagieren verunsichert auf die Wahl

Analysten zeigten sich erleichtert, daß keine Wiederholung der juristischen Auseinandersetzungen zu drohen scheint, die die Wahl im Jahr 2000 geprägt haben. „Obwohl es noch keinen Sieger gibt, scheint es bisher, als ob die Auflösung der sehr engen Wahl entlang der verfassungsmäßigen Vorgaben fortschreitet, ohne Unregelmäßigkeiten bei der Stimmabgabe“, kommentierte Carl Weinberg, Chefökonom der Analysegesellschaft High Frequency Economics. Weinberg rechnet mit einem beständigen Kursverlauf des amerikanischen Dollar, solange der Entscheidungsprozeß weiter in geordneten Bahnen verläuft. Sollte es zu einer baldigen Entscheidung kommen, könnte der Dollarkurs steigen. Nach anfänglichen Gewinnen geriet der Dollar im New Yorker Handel unter Druck. Der Euro pendelte um 1,28 Dollar und damit fast einen Cent höher als zu Handelsschluß am Dienstag. Der Dollar kostete 106,15 Yen.

In Europa reagierten die Finanzmärkte eher verunsichert auf die Wahl. Die Aktienmärkte verbuchten leichte Gewinne, die sich ebenfalls aus der Hoffnung speisten, daß der Wahlsieg von Bush bis auf einen letzten Rest von Unsicherheit feststeht. Der Euro-Stoxx-50-Index verbesserte sich im Handelsverlauf um 0,6 Prozent. In Frankfurt gewann der Dax 0,5 Prozent auf 4059 Punkte. Am Rentenmarkt kam es spiegelbildlich zu Kursverlusten.

Märkte werden Aufmerksamkeit bald wieder auf amerikanische Konjunkturdaten richten

Schenkt man historischen Daten Glauben, könnte ein Wahlsieg von Bush an der Börse zumindest kurzfristig für weiteren Aufwind sorgen. Professor Dirk Schiereck von der European Business School hat analysiert, wie sich der Dow Jones-Index bisher im Zeitraum zwischen dem Wahltag und dem Ende des Wahljahres entwickelt hat. Folgte ein Republikaner einem Republikaner ins Weiße Haus, verbuchte der Dow Jones bis zum Jahresende im Durchschnitt ein Plus von 7,6 Prozent. Folgte dagegen ein Demokrat einem Republikaner, gewann der Index durchschnittlich 0,3 Prozent. Beschränkt man sich allerdings auf die Ergebnisse nach dem zweiten Weltkrieg, hat die Börse einem Republikaner, der einem Parteigenossen ins Amt folgte, nur einen Wertzuwachs von 1,5 Prozent spendiert. Folgte dagegen ein Demokrat einem Republikaner, gewann der Dow Jones 2,2 Prozent.

Insgesamt gelten Wahlen aber nur als eine kurzfristige Ablenkung für Finanzmärkte. Analysten rechnen damit, daß sich die Finanzmarktakteure daher in Kürze wieder auf die eigentlichen Triebfedern wie Unternehmensgewinne und die Konjunktur konzentrieren werden. „Die Märkte werden ihre Aufmerksamkeit bald wieder auf die amerikanischen Konjunkturdaten richten und deswegen werden am Freitag die Arbeitsmarktdaten ihre übliche wichtige Bedeutung wiedererlangen“, meint Goldman Sachs-Analyst O'Neill.

Text: nks./hbe. / Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.11.2004, Nr. 258 / Seite 25
Bildmaterial: F.A.Z.

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