15. August 2005 Ernüchternd immer wieder die Ankunft am Tronchetto, am Bahnhof Santa Lucia oder am Piazzale Roma: Hunderte von mißgelaunten Tagesgästen in Turnhosen und Unterhemden wälzen sich einem entgegen. Muß man nicht total meschugge sein, um sich immer wieder freiwillig in solch ein ranziges Biotop zu begeben? Andererseits: Können fünfzehn Millionen Touristen irren, wenn sie in Venedig den schönsten Fleck der Erde suchen?
Hat man in einer demokratischen Welt allein das elitäre Vorrecht, sich auf dem nächtlichen Markusplatz, im tuckernden Vaporetto, in der atavistischen Gondel die merkwürdig unverbrauchte Schönheit dieser Stadt zu genehmigen?
Abends glitzert die Stadt wie ein Juwel
Hat man sehr wohl. Denn abends - das ist ja der Grund für die Völkerwanderung an den Eingangsportalen - sind die Vandalen längst wieder in ihren Herbergen, weit weg. Dann glitzert Venedig wie ein Juwel, eingefaßt vom Wasser, dann hallen die Schritte durch die Gassen, dann fließt der friulanische Wein in den Bars, und ein unwirklich blauer Sommerabendhimmel senkt sich herab.
Nein, die Massen haben immer recht, und es ist die Herausforderung, sich in der abgedroschensten aller Destinationen immer wieder das exklusive Plätzchen zu suchen. Nicht vergessen: Nach keiner anderen Stadt ist eine große Nation (Venezuela; siehe auch Seite V4) benannt. Und die Mönche in einem buddhistischen Kloster der Wüste Gobi malten vor achthundert Jahren das, was ihnen die Händler der Seidenstraße vom fernen Venedig erzählt hatten, an ihre Zellenwände: ein Wald von Brücken, Booten, gespiegelten Kirchtürmen, schwimmenden Palästen - und nannten es voll Sehnsucht das westliche Paradies.
Besser kann man's auch heute nicht sagen.
Bildmaterial: Taschen Verlag
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