Vietnam

Hanoi: Zurück in die Zukunft

Von Lutz Kaulfuß und Dominik Peter

Vertreter des traditionellen Vietnam: Marktverkäuferinnen in Hoi An

Vertreter des traditionellen Vietnam: Marktverkäuferinnen in Hoi An

13. Februar 2001 Charmantes Laissez-faire und sozialistische Regelwut, melancholische Sehnsucht nach längst vergangener Größe und genügsame Heiterkeit in bescheidenen Alltagsverhältnissen - mit ihren Widersprüchen ist Hanoi die wahrhaft würdige Hauptstadt eines der facettenreichsten Länder Südostasiens.

Das Herz der an Sehenswürdigkeiten so reichen Hauptstadt Vietnams schlägt immer noch, oder besser: schon wieder, im alten Geschäftsviertel. Vom Lampignon bis zum Grabstein, hier kann man alles erstehen, sofern man nur in die richtige Gasse einbiegt. Denn im 13.Jahrhundert ließen sich 36 Handwerksgilden hier nieder und zwar jede in einer eigenen Straße.

Beliebtestes Viertel: 36 Pho Phuong

So ist das beliebteste Viertel Hanois auch heute noch als 36 Pho Phuong (36 Straßen) bekannt. Ein Streifzug durch die quirligen Strassen, die sich in winzige Gassen verlieren und unversehens zu umtriebigen Plätzen weiten, gerät immer wieder zu einer farbenprächtigen und sinnenfrohen Zeitreise in die Vergangenheit der Stadt. Die Aufteilung der Straßen nach Handwerksgilden überdauerte Jahrhunderte.

Sie hat sich auch während Kolonialzeit und durch allerlei Kriegswirren bewährt und selbst die schlimmsten Attacken des Sozialismus auf die Privatwirtschaft überlebt. Spätestens mit Moi Doi, der vietnamesischen Perestroika, und der Erhebung der Altstadt Hanois zum Weltkulturerbe durch die UNESCO besann sich allerdings auch die Obrigkeit wieder auf zwischenzeitlich bekämpfte Traditionen und bemüht sich, das alte Gepräge des Viertels zu schützen.

Umsiedlung von Kleinbetrieben

So wurden bereits einige Kleinbetriebe, die sich in der anfänglichen Goldgräberstimmung des liberalisierten Privathandels in der "falschen" Gasse niedergelassen haben, erfolgreich umgesiedelt. Für die längst überfällige Sanierung der zu rund 70% baufälligen Altstadthäuser fehlt der öffentlichen Verwaltung allerdings das Geld. Und dennoch ist der Kampf um 36 Pho Phuong noch nicht aussichtslos.

Eine findige Mangelverwaltung hilft, wenigstens die gröbsten Schäden zu beseitigen. Inzwischen sind schon die ersten typischen Handwerkerhäuser mit ausländischem Geld restauriert worden. Das alte Handelsviertel ist längst wieder zu einer der Hauptattraktionen der Stadt avanciert. Von freilichtmusealem Charakter blieb es trotzdem bewahrt. Dafür ist das Viertel zu bodenständig und geschäftig. Dies garantiert die Stellung der Altstadt Hanois als ein weltweit einzigartiges Zeugnis gelebter Tradition.

Text: @mg
Bildmaterial: Dominik Peter/srt

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