24. Juni 2009 Die gegenwärtige Krise wird die Weltwirtschaft noch lange belasten, die Erholung sehr langsam und sehr fragil verlaufen, erklärt Stephen Roach. Er ist Chef-Volkswirt von Morgan Stanley. Die hohen Staatsschulden und die globalen Ungleichgewichte belasten.
Herr Roach, wo stehen wir in der Krise?
Wir haben das Schlimmste hinter uns, aber die Nachwirkungen werden uns noch viele Jahre beschäftigen.
Welche Nachwirkungen meinen Sie?
Ich spreche von Nachwirkungen für die reale Wirtschaft und für die Märkte für forderungsbesicherte Wertpapiere. Der Erholungsprozess wird sehr langsam, sehr schwach und sehr fragil sein.
Funktioniert Makropolitik, also Geld- und Finanzpolitik, nicht?
Makropolitik hat es vermocht, den Fall aufzuhalten, aber sie kann nicht den Aufschwung garantieren. Vor allem liefert sie bisher keine Exit-Strategie für die außerordentliche Stimulierung durch die Geld- und die Finanzpolitik.
Sollen wir uns eher über Deflation oder über Inflation Sorgen machen?
Ich sorge mich um beide. In den kommenden Jahren wird angesichts der Verwerfungen auf den Güter- und Arbeitsmärkten Deflation das Problem sein. Langfristig beschert uns eine langsame wirtschaftliche Erholung aber Inflationsgefahren, da es der Geldpolitik und der Finanzpolitik nicht leicht fallen wird, ihre expansive Politik zurück zu fahren. Inflation droht uns aber frühestens in drei Jahren.
Was sollte die Geldpolitik nach Ihrer Ansicht jetzt tun?
Sie sollte transparenter sein. Die Geldpolitik hat während des Booms der Vermögenspreise an Glaubwürdigkeit verloren. Es ist nicht erstaunlich, dass jetzt viele Marktteilnehmer die Bekenntnisse der Notenbanken zur Preisniveaustabilität anzweifeln. Die Notenbanken sollten das sehr ernst nehmen.
Ist das Schlimmste für die Banken vorbei?
Der Internationale Währungsfonds schätzt die Abschreibungen aus der Krise auf 4000 Milliarden Dollar. Bisher wurden 1700 Milliarden Dollar von den Banken abgeschrieben. Es wird noch vieles auf uns zukommen.
Wie vertrauenswürdig sind die Regierungen?
Die Regierungen tragen eine erhebliche Mitverantwortung für die Entstehung der Krise. Man kann von historischen Fehlern der Aufsichtsbehörden und der Notenbanken sprechen.
In den vergangenen Monaten haben sich die Aktienkurse und die Rohstoffpreise von ihren Tiefstständen im März deutlich erholt. Wie schätzen Sie diese Bewegungen ein?
Im Nachhinein wird man von einer klassischen Bärenmarktrally sprechen. Die Aktien- und Rohstoffmärkte waren überverkauft. Die Preise waren im März auf einem Niveau, das zu einem Depressionsszenario passte. Als man merkte, dass es keine Depression geben würde, hat eine Bärenmarktrally eingesetzt, in der es möglicherweise zu Übertreibungen gekommen ist, die sich nun korrigieren.
Wie sind die Aussichten?
Ich vermute, dass sich die Märkte in den kommenden Jahren innerhalb eines engen Bandes bewegen werden.
Sollen wir uns wegen der kräftig steigenden Staatsverschuldung Gedanken machen?
Natürlich. Die Frage stellt sich, wie der starke Anstieg der Staatsschulden finanziert werden soll, ohne dass es zu einer Belastung des Wirtschaftswachstums kommt. Weil das globale Kapitalangebot nicht unbegrenzt ist, wird es zu einer Verdrängung privater Investitionen kommen.
Welche Rolle haben die globalen Ungleichgewichte für die aktuelle Krise gespielt?
Sie haben eine Schlüsselrolle gespielt. Es besteht eine enge Verbindung zwischen den Preisblasen an den Vermögensmärkten und den globalen Ungleichgewichten. In jedem Spekulationsboom versucht ein Land, dem es an internen Ersparnissen mangelt, Ersparnisse aus dem Ausland anzuziehen.
Und was folgt nun? Werden die Ungleichgewichte an Bedeutung verlieren?
Ich fürchte, dass die Regierung Obama versuchen wird, die amerikanischen Konsumausgaben auf einem hohen Niveau zu halten, womit nichts gegen unser Defizit an Ersparnissen getan wird. Ich fürchte auch, dass die chinesische Regierung vor allem Investitionen fördern wird und nicht die privaten Konsumausgaben. Das wird das chinesische Ungleichgewicht fortschreiben.
Länder wie China denken über eine neue Weltwährungsordnung nach, in der der Dollar nicht mehr die führende Rolle spielen soll. Halten Sie das für realistisch?
Die Chinesen sollten sehr vorsichtig sein, dass ihre Träume nicht wahr werden. Wenn sie den Dollar schwächen und er an Wert verliert, wird die chinesische Währung aufwerten. Da China eine Exportnation ist, würde das ihr wirtschaftliches Wachstumspotential unterminieren.
Das Gespräch führte Gerald Braunberger.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP