Unter schrecklich blauem Himmel

Die Dürre in Italien führt zu Ernteausfällen, Fischsterben, Waldbränden und Umweltbewußtsein / Von Dietmar Polaczek

21. Juli 2003 MAILAND, 20. Juli. Dem regenverwöhnten Deutschen will es nicht in den Kopf, daß das herrliche Urlaubswetter, das seine Landsleute jenseits der Alpen genießen, eine Katastrophe ist. Die Italiener starren mit Verzweiflung in den wunderschönen blauen Himmel. Der tut seit mehr als vierzig Tagen nicht mehr seine Pflicht, das Land mit Wasser zu versorgen. Er ist nur an den Küsten von Hitzedunst getrübt, und in Städten wie Mailand, das in der Luftverschmutzung neben Athen und Barcelona die europäische Rangliste anführt, auch ein bißchen vom Sommersmog. Ozon- und Staubwerte überschreiten, so an Meßwarten in Mailand und Rom, Bologna und Pavia, an vielen Tagen die Grenzwerte, bei denen Smogalarm ausgelöst wird.

Fahrverbote am Wochenende können im Sommer nicht verhängt werden. Die Blechlawinen auf den Autostrade schwemmen - trotz dem Nachahmereffekt, den die demonstrative Urlaubsabsage des Bundeskanzlers Gerhard Schröder hervorgerufen hat - deutsche Touristen und für den Staatshaushalt dringend nötige deutsche Euro ins Land. 9,6 Millionen "Crucchi" - das einstige Schimpfwort hat, den bösen Äußerungen des Staatssekretärs für Tourismus zum Trotz, einen liebevollen Beigeschmack bekommen - machten im vergangenen Jahr zwei Fünftel der ausländischen Touristen aus und brachten einen Umsatz von 6,8 Milliarden Euro.

Lediglich in den Alpen erscheinen ein paar idyllische Haufenwolken, nur vereinzelt gibt es lokale Gewitter. Seit fast anderthalb Monaten herrscht das stabile Hoch, von Berliner Meteorologen "Ilka" getauft, über der Halbinsel: eine Klimaausnahme seit Menschengedenken. Täglich meldet der Wetterbericht Tagestemperaturen von dreißig Grad aufwärts, bis zu vierzig Grad im Süden, 35 Grad und mehr in Oberitalien. Die schlimmste Dürre seit Menschengedenken sucht die Apenninenhalbinsel heim. Die Anomalie mit überdurchschnittlichen Temperaturen soll nach einer amerikanischen Studie bis Januar dauern.

In Italien, dem Land mit einer starken industriellen Entwicklung einerseits und enormen Rückständen in der Infrastruktur andererseits, setzt die Trockenheit einen Circulus vitiosus in Gang, der ihre Folgen für die Wirtschaft und die Umwelt noch verschlimmert. Zunächst einmal hat die Europäisierung - manche sagen die Amerikanisierung - und Industrialisierung eines mediterranen Landes, das noch vor zwei Generationen besonders im Süden den Mangel und das Sparen gewöhnt war, zu einer unglaublichen Verschwendungsmentalität geführt. Wer im Mezzogiorno aufwuchs, dem wurde der geizige Umgang mit Wasser zur zweiten Natur. Das Plumpsklo war die Regel, einen Wasserhahn tropfen zu lassen ein Verbrechen, das Abwaschwasser wurde noch zum Gießen verwendet. Die jungen Sizilianer oder Kalabresen heute handeln dagegen nach dem Motto: Das Wasser kommt aus dem Wasserhahn, und wenn es nicht fließt, dann sind "die Politiker" daran schuld. Nach dem Muster: "Atomkraft - nein danke. Bei uns kommt der Strom ja aus der Steckdose." Auch in Italien kommt der Strom aus der Steckdose. Das Land hat auf Atomkraftwerke verzichtet, aber deswegen den Stromverbrauch keineswegs verringert. Italien importiert etwa fünfzehn Prozent seines Strombedarfs aus Frankreich, das die elektrische Energie zu einem Gutteil in Atomkraftwerken erzeugt. Manche davon stehen so nahe an der Grenze, daß ein GAU Italien genauso träfe wie ein Nuklearmeiler im eigenen Land.

Der Umgang mit der Energie hat sich zum Schlechteren geändert. Der Arbeitnehmerschutz ist weit gediehen, ein nicht klimatisierter Arbeitsplatz im Büro gilt heute als unzumutbar (so daß selbst in wertvollsten historischen Bauten alte Substanz zerstört werden muß, um Klimaanlagen einzubauen). Neubauten, die mit dünnen Wänden und Sandwich-Isolation keine thermische Trägheit mehr besitzen wie alte Gebäude mit meterdicken Wänden, müssen ohnehin gekühlt werden. In Hitzeperioden steigt daher der Elektrizitätsverbrauch gewaltig an. Das führte schon im Juni zu Stromausfällen.

Die engagierte Journalistin Milena Gabanelli hat ihren Zuschauern vor kurzem vorgerechnet, wie viele Milliarden Euro das Land buchstäblich zum Fenster seiner Krankenhäuser und öffentlichen Gebäude hinauswirft - nur dank dem Umstand, daß Thermostatventile so gut wie unbekannt sind und die Menschen sich im Winter vor zu starker Heizung und im Sommer vor zu stark kühlender Air condition schützen, indem sie die Fenster aufreißen. Auch jetzt wächst wieder, nach einer Aktion hektischer Notimporte von Strom, die Gefahr von größeren Blackouts durch Überlastung des Netzes.

Am verheerendsten sind die Folgen der Trockenheit für Landwirtschaft und Landschaft. Der Po, im Frühjahr ein mächtiger, mit Überschwemmungen drohender, schiffbarer Fluß, ist nur noch ein schmächtiges Rinnsal. Die Schiffahrt wurde eingestellt. Boote, die im Schilfgürtel dümpelten, liegen gestrandet auf steinharter, rissiger Erde. Der Flußspiegel liegt bis zu sechs Meter unter dem mittleren Wasserstand, an manchen Pegeln ist er gar nicht mehr meßbar, weil diese nicht soweit hinabreichen. Die Pumpstationen für die Landwirtschaft am Po und seinen Zuflüssen der Emilia-Romagna, wo es mehr Schweine gibt als Menschen, pumpen nur noch warme Luft auf die Futterwiesen.

Die aber sind die Grundlage nicht nur des berühmten Parmaschinkens, sondern auch des nicht minder berühmten echten Parmesans, des "Parmigiano Reggiano" und des minder berühmten "Grana Padano", der auf ähnliche Weise produziert wird, sich aber anders zusammensetzt. Auf deutsch werden sie alle als "Parmesan" verkauft. Die Feuchtwiesen der Poebene mit einem blumenreichen Rasen müssen einige Male im Jahr tief gewässert werden. Sie garantieren die Nahrung jener roten Kühe, deren Milch für die Herstellung des Parmigiano Reggiano verwendet wird. Schon jetzt sagen die Landwirte, daß die Wiesen mindestens noch ein Jahr brauchen werden, um sich wieder zu erholen. Die Teuerung des Parmesans ist absehbar. In anderen Bereichen der landwirtschaftlichen Produktion steigen die Schätzungen der Ernteausfälle täglich, in einigen Gebieten spricht man von sechzig Prozent, in den Reisgegenden von Vercelli sogar von Totalausfall. Wer aus dem Flugzeug auf die Gegenden von Novara und Vercelli herabblickt, glaubt im Frühling, wenn die Reisfelder unter Wasser stehen, über Japan oder Thailand zu fliegen. Im Juli sieht man statt der Reisteiche ein sattes Grün - jetzt meint man, sich über einer staubigen Savanne zu befinden. Der Zwischenhandel hat die bevorstehende Verknappung vorweggenommen und nützt die Trockenheit als willkommenen Vorwand zu Preissteigerungen.

In den Flüssen selbst hat die Trockenheit ein enormes Fischsterben zur Folge. Das immer spärlichere Wasser wird immer wärmer und immer sauerstoffärmer, die Fauna wird vernichtet. Umweltschützer versuchen in verzweifelten Rettungsaktionen, die Karpfen des Po und seiner Nebenflüsse aus den vertrocknenden Tümpeln und Seitenarmen in - vorläufig noch - tiefere Gewässer zu bringen. Die geringe Wasserführung erhöht die Wasserverschmutzung. Die Millionenstadt Mailand, die bis vor zwei Monaten keine Kläranlage hatte, muß jetzt ebenfalls wieder seine Abwässer, wie schon jahrzehntelang, ungeklärt in den Po leiten.

Gravierender als sonst auch ein alljährlich eintretender Notstand als Folge der Dürre: Sechzig Waldbrände verzeichnete "La Stampa" am Samstag, das Löschen vom Hubschrauber aus wird durch den Wassermangel weiter erschwert. Am Wochenende begann man, als Notlösung die Schleusen an den Staumauern der alpinen Speicherseen zu öffnen und einige Millionen Kubikmeter in die trockenen Flußbetten zu leiten, um den Flüssen ein wenig Erholung zu verschaffen. Damit verringert man aber die Speicherreserven für die Stromerzeugung. Daß die niedrigen Pegelstände (der Gardasee ist ein Meter niedriger als gewöhnlich) Gefahr für ins Wasser springende Schwimmer bedeuten können, ist noch das kleinste Übel. Von Wasserrationierung wird gesprochen - aber die Nachbarn bewässern, von Verboten unbeirrt, jeden Abend um zehn ihren Rasen, und prompt bricht der Wasserdruck zusammen.

Die Klimakatastrophe war bisher nur ein Schreckgespenst. Jetzt werden die Vereinbarungen von Kyoto, die lange vernachlässigten Fragen der Luftverschmutzung, der Trinkwasserversorgung und der Energiepolitik in Italien wieder zum Tagesgespräch. Die Trockenheit wird nach bisherigen Hochrechnungen des Instituts CIA Italien neunzig Euro pro Kopf der Bevölkerung kosten. In Montecatini haben sich zum Beginn des Halbjahrs der italienischen Präsidentschaft im Europaparlament Umwelt- und Energieminister von 25 Ländern der Europäischen Union zu einer Konferenz getroffen. Sie stellt jedoch den Glauben an die Lernfähigkeit von Politikern auf eine harte Probe. Die Bekenntnisse zu einer umweltverträglichen Energiepolitik gehören zum Ritual, ebenso wie die Ankündigung, man werde die EU-Richtlinie verwirklichen, die den Anteil erneuerbarer Energien bis 2010 von sechs auf zwölf Prozent des Energiehaushalts anheben will, um den Treibhauseffekt und die zunehmende Erwärmung zu bremsen. Aber unerschütterlich wird von der Notwendigkeit des Wachstums gesprochen, auch in der Energieerzeugung, und nicht vom nötigen Gegenteil: von der Einschränkung des Verbrauchs der begrenzten Ressourcen.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.07.2003, Nr. 166 / Seite 9

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Dax
Tec
Dow
Nas
18.12.2009 | 17:45
Dax 5.831,21
−0,23 %
 
        Vortag
Tops in %
Infineon +4,07%
SAP +2,06%
Dt. Boerse +1,66%
   
Flops in %
Dt. Bank −2,16%
Commerzbank −2,80%
Volkswagen −4,69%

Soll Michael Schumacher sein Formel-1-Comeback geben?

Ergebnis
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche

Herausgegeben von Werner D'Inka, Berthold Kohler, Günther Nonnenmacher, Frank Schirrmacher, Holger Steltzner

nach oben

F.A.Z. Electronic Media GmbH 2001 - 2009 Medienpartner: NZZ Online