WHO ruft höchste Alarmstufe 6 aus

Schweinegrippe-Pandemie als Formsache

Mitarbeiter mit Mundschutz: Vor der japanischen Internationalen Schule in Düsseldorf

Mitarbeiter mit Mundschutz: Vor der japanischen Internationalen Schule in Düsseldorf

12. Juni 2009 Nach der Einstufung der Schweinegrippe als Pandemie und Ausrufung der höchsten Alarmstufe 6 durch die Weltgesundheitsorganisation WHO haben Experten vor Panik und Überreaktionen gewarnt. Dennoch dürfe die Krankheit wegen ihres hierzulande meist moderaten Verlaufs nicht unterschätzt werden, sagte der Präsident des Berliner Robert-Koch-Instituts (RKI), Jörg Hacker, im ZDF. Bei erhöhten Fallzahlen werde es auch in Deutschland schwere Verläufe der Grippe geben. In den Vereinigten Staaten, wo mehrere mit dem neuen H1N1-Grippevirus infizierte Menschen gestorben sind, habe man gesehen, „dass es so sein kann“.

„Die Welt ist nun in der Frühphase der ersten Grippe-Pandemie des 21. Jahrhunderts“, sagte WHO-Generaldirektorin Margaret Chan am Donnerstag in Genf. „Das Virus ist nun unaufhaltsam.“ Dennoch erwarte die WHO nicht einen plötzlichen und dramatischen Anstieg der Anzahl schwerer und tödlicher Infektionen. Die von dem Schweinegrippevirus ausgehende Gefahr bezeichnete Chan als „moderat“. Die WHO rief ihre Mitglieder auf, keine Grenzen zu schließen und den Welthandel nicht zu unterbrechen.

Kommt es nun zur weiteren Produktion eines Impfstoffs? Apotheker brauchen dafür auch den Wirkstoff Oseltamivir

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UN-Generalsekretär Ban Ki-moon mahnte, „auf der Hut“ zu sein. „Wir wissen nicht, welches Bild sich in den kommenden Monaten entwickelt“, sagte Ban am Donnerstag in New York. Bislang sei das Virus vor allem in entwickelten Ländern aufgetreten. „Das dürfte sich bald ändern - und wird Konsequenzen haben“, so Ban weiter. In den armen Ländern seien die Gesundheitssysteme schlechter entwickelt und die Menschen würden sich später in medizinische Behandlung begeben. Zudem seien dort auch andere Infektionskrankheiten stärker verbreitet. „Außerdem müssen wir auch daran denken, dass die Grippesaison in der südlichen Hemisphäre jetzt erst beginnt“, sagte der UN-Generalsekretär. Zugleich warnte auch er vor Überreaktionen.

„Fortgesetzte Mensch-zu-Mensch-Übertragung“

Wie erwartet hatte die WHO am Donnerstag die Schweinegrippe zur Pandemie erklärt. Die Influenzafachleute stimmten dem Schritt auf einer Dringlichkeitssitzung in Genf zu, nachdem es in den vergangenen Tagen gleich in zwei weiteren WHO-Großregionen (Europa und Australien) zu einem sprunghaften Anstieg der Infektionszahlen gekommen war.

Voraussetzung für die Ausrufung der höchsten Pandemiestufe sechs ist eine fortgesetzte Mensch-zu-Mensch-Übertragung eines Influenzavirus - in diesem Fall des Erregers H1N1. Phase sechs weist nun darauf hin, „dass sich eine globale pandemische Situation aufbaut“, wie es beim Robert-Koch-Institut (RKI) in Berlin dazu heißt. Eine Pandemie führt gewöhnlich zu einer Erkrankungs- und Sterberate, die übliche Influenzawellen übertrifft.

Das H1N1-Virus sei völlig neu und unberechenbar, sagte WHO-Generaldirektorin Margaret Chan. Insgesamt handele es sich aber um eine „gemäßigte Pandemie“. Die WHO empfehle keine Grenzschließungen oder sonstige Beschränkungen für Reisen. Bislang gibt es nach WHO-Angaben auf der ganzen Welt mehr als 27.500 Erkrankungen, 141 Menschen starben an der Schweinegrippe. Bei einer normalen saisonalen Influenza sterben etwa 6000 Menschen allein in Deutschland.

Schmidt: „Deutschland gut vorbereitet“

Es ist das erste Mal seit 41 Jahren, dass ein neuartiges Influenzavirus zu einer Epidemie geführt hat, die sich auf der ganzen Welt ausbreitet. Im Jahr 1968 grassierte die sogenannte Hongkong-Grippe, an der bis zu zwei Millionen Menschen - in Deutschland rund 30.000 - starben. Die bisherigen Krankheitsverläufe nach Schweinegrippe-Infektioen sind aber zumeist harmloser. Dennoch wurde die Warnstufe wurde von 5 auf 6 erhöht, was laut WHO einen globalen Ausbruch bedeutet.

WHO-Generalsekretärin Margaret Chan: Pandemie kein Grund zur Panik

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Für Deutschland werde sich jedoch vorerst „nichts ändern“, betonte Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) in Berlin. Deutschland sei „gut vorbereitet“. „Ich bin nicht in Panik, aber schon in Sorge und rechne auch damit, das wir in den nächsten Wochen auch mehr Fälle haben werden“, sagte Frau Schmidt.

In Deutschland ist die Zahl der Zahl der Schweinegrippe-Fälle auf mehr als hundert gestiegen, nachdem sich mindestens 27 Kinder einer japanischen Schule in Düsseldorf mit dem H1N1-Virus angesteckt haben. Auch in München und Köln wurden weitere Fälle unter Schülern bestätigt. Allerdings verlaufen die Symptome der Viruserkrankung bislang durchgehend milde, wie RKI-Präsident Hacker noch einmal bestätigte. Es könne jedoch nicht ausgeschlossen werden, dass sich das Virus bis zum Herbst noch verändere und die Krankheit dann einen tödlicheren Verlauf nehme.

Pandemiestufe sechs zunächst ohne Folgen

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Die Pandemiestufe sechs hat nach Angaben des RKI für Deutschland zunächst keine unmittelbaren Folgen. Lagezentren und Krisenstäbe (unter anderem im Bundesgesundheits- und Bundesinnenministerium) sind bereits aktiv und tauschen sich auch regelmäßig aus, wie eine Sprecherin des RKI sagte. Die WHO-Mitglieder entscheiden selbständig und abhängig vom Infektionsgeschehen im eigenen Land, ob die für die Warnstufe sechs vorgesehenen Maßnahmen, die in Deutschland der Nationale Pandemieplan regelt, umgesetzt werden.

Die Entscheidung der Influenzafachleute folgte einem von der WHO erst in Zeiten der Vogelgrippe entwickelten Alarmsystem folgen. Darin ist festgelegt, dass die höchste Stufe sechs dann ausgerufen werden muss, wenn sich das Virus in zwei der sechs WHO-Großregionen fortgesetzt von Mensch zu Mensch überträgt. Wann genau aber dieser Zeitpunkt zu definieren ist, darüber diskutierten selbst die Fachleute der Organisation. Denn das Virus wird nicht nur seit Wochen schon in Amerika, sondern seit Tagen auch in der Großregion Europa wie auch in Australien von Mensch zu Mensch verbreitet. Geradezu sprunghaft sind die Infektionszahlen auf den beiden Kontinenten angestiegen: In Europa sind an die 1600 Erkrankungen bestätigt (allein in Großbritannien gibt es rund 750 Fälle), in Australien weit mehr als 1200.

Nach dieser Definition ist die Schweinegrippe also schon länger eine Pandemie, die WHO-Alarmstufe sechs wäre nach Meinung vieler Influenzafachleute bereits vor Tagen gerechtfertigt gewesen. Zugleich aber verlaufen die meisten Krankheitsfälle mild. Die WHO hatte also durchaus Gründe zu zögern.

Probleme bei Produktion von Impfstoffen

Vor allem die überstürzte Produktion eines Pandemieimpfstoffs kann schwerwiegende Folgen haben: Zum einen weil die Kapazitäten bei den Pharmafirmen begrenzt sind, da sie das ganze Jahr über damit beschäftigt sind, Impfstoff gegen die saisonale Grippe für die Nord- und die Südhalbkugel herzustellen. Begännen sie nun verfrüht mit der Produktion einer Vakzine gegen die Schweinegrippe, ginge das zu Lasten der normalen Influenzaimpfstoff-Produktion. Die Zahl der saisonalen Grippetoten würde mit Sicherheit massiv steigen. Zum anderen muss die WHO damit rechnen, dass sich das Schweinegrippevirus H1N1 bis zum Herbst verändert und womöglich dadurch viel gefährlicher wird. Der erst dann vorliegende Pandemieimpfstoff wäre vermutlich wirkungslos, die Pharmaunternehmen blieben auf ihrer Ware sitzen.

So ist fraglich, ob die Impfstoffproduktion nun umgehend nach Ausrufung der Pandemie beginnt. Laut Chan wird kein Land vor September über einen Impfstoff verfügen. Zudem betonte sie, man dürfe die Vogelgrippe nicht vergessen. „Da sind wir auf Stufe 3.“ Es sei das erste Mal, dass es zwei Pandemie-Alarmstufen gibt.

Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AP, dpa, reuters

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