Konklave

„Wider die Diktatur des Relativismus“

Von Heinz-Joachim Fischer, Rom

Kardinal Ratzinger leitete die Messe

Kardinal Ratzinger leitete die Messe

19. April 2005 Selten waren Kardinäle so aufmerksam wie bei der Predigt von Joseph Kardinal Ratzinger am Montag vormittag in der Petersbasilika. Drei Lesungen waren zuvor in dem feierlichen Pontifikalamt am Hochaltar von Sankt Peter vorgetragen worden, dort, wo sonst nur der Papst die Messe feiert.

Vor dem Hochaltar stand der 78 Jahre alte Deutsche als Dekan des Kollegiums. Es war den gespannten Gesichtern der Kardinäle anzusehen, daß sie Ratzinger prüften. Denn es war bekannt geworden, daß sich die relativ größte Gruppe für ihn als ersten Favoriten für die Nachfolge Johannes Pauls II. ausgesprochen hatte.

Niemanden kennen die Kardinäle, die aus der Kurie wie die aus den großen Erzbistümern, so gut wie Ratzinger. Seit 1981/82 leitete er als Präfekt die „Kongregation für die Glaubenslehre“, unzählige Male hat er bei den Konsistorien das Wort ergriffen. Nicht wenige Kardinäle hatten sich über seine deutlichen Worte immer wieder geärgert. Manche waren sogar empört über die Härte seiner Urteile. Aber auch die schärfsten Kritiker konnten ihm nie intellektuelle Unschärfe vorwerfen.

Befreiung statt Maulkorb

Selbst in der Ablehnung nagt an ihnen der Zweifel, ob Ratzingers Analysen für die Kirchenführung nicht doch das richtige Rezept seien - eine sehr bittere Medizin, verabreicht von einem strengen Zuchtmeister. Die Generalkongregationen seit dem Tod Johannes Pauls II. hatte der Dekan souverän geleitet. Selbst daß er sie auf Verschwiegenheit im Umgang mit den Medien hinwies, empfanden mehr Kardinäle als Befreiung von lästigen Fragern denn als Maulkorb für die Gesprächigen. Alle fragten sich, ob sie sich diesen Deutschen als Papst vorstellen könnten.

Kardinal Ratzinger im Petersdom

Kardinal Ratzinger im Petersdom

Die drei Lesungen aus der Bibel, dem Alten und dem Neuen Testament, aus dem Propheten Jesaja, Kapitel 61, aus dem Brief an die Epheser, 4. Kapitel, und aus dem 15. Kapitel des Johannesevangeliums, waren verklungen. Kardinal Ratzinger trat an das Predigerpult. Und wie ein guter Rabbiner in der Synagoge, wie ein protestantischer Geistlicher als guter Kenner der heiligen Schriften wollte er nichts anderes tun, als diese heiligen Texte auslegen, deuten für den heutigen Tag. Die erste Lesung aus dem Buch des Propheten Jesaja hatte Trost und Verheißung den Glaubenden zusprechen sollen. Aber es war darin nicht nur von göttlicher Gnade, sondern auch vom Zorn Gottes die Rede.

Ein belesener Exeget

Ratzinger, ein gründlicher Theologe und belesener Exeget, schwankte in der Deutung für diesen scheinbaren Widerspruch zwischen der Barmherzigkeit Gottes und dem Tag der Vergeltung Gottes, seiner Rache, und hielt sich an jene, die Jesus Christus selbst nach dem Bericht des Evangeliums seiner Botschaft gegeben hatte. Aber, so der deutsche Dekan des Kardinalskollegiums weiter - und da begann er programmatisch zu werden -, „die Barmherzigkeit Christi ist keine billige Begnadigung. Sie besagt nicht eine Banalisierung des Bösen“. Sie erfüllt sich in dem christlichen Geheimnis von Tod und Erlösung.

Schärfer noch war die Deutung der zweiten Lesung, aus dem Brief des Apostels Paulus an die Epheser. Darin heißt es im vierten Kapitel über die „Reife des Glaubens“: „... daß wir nicht mehr unmündig seien und uns bewegen und umhertreiben lassen von jeglichem Wind der Lehre durch Bosheit der Menschen und Täuschungen, womit sie uns beschleichen und uns verführen“. Kardinal Ratzinger bezeichnete diese Worte des Apostels vor 2000 Jahren als „sehr aktuell“.

Doch dann folgten Mahnungen. Seine Sicht der geistesgeschichtlichen und kirchenpolitischen Lage erschien vielen fast wie ein künftiges Pontifikats-Programm: „Wie viele Winde der Lehre haben wir in den letzten Jahrzehnten erlebt! Wie viele ideologische Strömungen! Wie viele Moden des Denkens... Das Schifflein des Denkens vieler Christen ist nicht selten von diesen Wellen bewegt worden, umhergeworfen von einem Extrem zum andern. Vom Marxismus zum Liberalismus, bis zur Libertinage; vom Kollektivismus zum radikalen Individualismus; vom Atheismus zu einer vagen religiösen Mystik; vom Agnostizismus zum Synkretismus und so weiter.

„Diktatur des Relativismus“

Jeden Tag entstehen neue Sekten, und es verwirklicht sich, was der heilige Paulus über den Betrug der Menschen sagt, über ihre Bosheit, in den Irrtum zu führen. Einen klaren christlichen Glauben zu haben, gemäß dem Credo der Kirche, wird häufig als Fundamentalismus etikettiert. Dabei erscheint der Relativismus, das heißt, das Sich-treiben-lassen hierhin und dorthin von jedwedem Wind der Lehre, als die einzige Haltung auf der Höhe der Zeit. Es bildet sich eine Diktatur des Relativismus heraus, die nichts als definitiv anerkennt und die als letztes Maß nur das eigene Ich und seine Wünsche gelten läßt.“

Dagegen setzte Kardinal Ratzinger die katholisch-christliche Lehre: „Wir hingegen haben ein anderes Maß: den Sohn Gottes, den wahren Menschen.“ Dazu müßten die Gläubigen stehen, forderte der Dekan. Denn: „Reif ist nicht ein Glaube, der den Wellen der Mode und der letzten Neuheit folgt. Erwachsen und reif ist ein Glaube, der zutiefst verwurzelt ist in der Freundschaft mit Christus. Dies gibt uns das Kriterium zu unterscheiden zwischen wahr und falsch, zwischen Betrug und Wahrheit. Diesen Glauben müssen wir reifen lassen, zu diesem Glauben müssen wir die Herde Christi führen.“

„Unfehlbarkeit des Papstes“

Die Kundigen unter den Kardinälen wußten sofort, daß Joseph Ratzinger die Liste der Ideologien, der modernen und modischen Geistesströmungen nicht erfunden hatte. Sie sind bei Päpsten des 19. und 20. Jahrhunderts nachzulesen. Bei Pius IX. etwa, der von 1846 bis 1878 im längsten Pontifikat der Geschichte die katholische Kirche regierte und dabei der Christenheit nicht nur die Dogmen von der „Unbefleckten Empfängnis Mariens“ (1854) und der „Unfehlbarkeit des Papstes“ (1870 auf dem 1. Vatikanischen Konzil verkündet) zumutete, sondern auch „Zusammenfassungen von Zeitirrtümern“. Und Pius X. kämpfte (1903 bis 1914) mit Dekreten und Eiden gegen die Irrtümer der „Modernisten“.

Im September 1907 sorgte eine Enzyklika gegen den „Modernismus“ für Aufregung. Ihre Anfangsworte „Pascendi dominici gregis. Die Herde des Herrn zu weiden“, nehmen Worte der Bibel für den Apostelfürsten Petrus, den ersten Bischof von Rom, auf und finden sich wieder in der Konstitution Johannes Pauls II. für Sedisvakanz und Papstwahl im Konklave. Sie waren auch die Schlußworte der Predigt von Joseph Ratzinger.

Text: F.A.Z., 20.04.2005, Nr. 91 / Seite 3
Bildmaterial: AP, dpa/dpaweb

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