Vielseitigkeitsreiter verlieren ihre Goldmedaillen

Richter machen Franzosen zu Olympiasiegern. "Juristische Interpretation vor sportlichem Erfolg."

21. August 2004 Die deutschen Vielseitigkeitsreiter müssen ihre am Mittwoch gewonnenen Goldmedaillen in der Mannschafts- und Einzelwertung zurückgeben. Die Ad-hoc-Kammer des Internationalen Sportgerichtshofs (CAS) hat am Samstag dem Protest der Nationalen Olympischen Komitees von Frankreich, Großbritannien und den Vereinigten Staaten gegen die Wertung des olympischen Wettbewerbs stattgegeben. Damit rückt die Mannschaft aus Frankreich auf die erste Position, Großbritannien bekommt Silber, die Vereinigten Staaten Bronze. Die deutschen Reiter Bettina Hoy, Hinrich Romeike, Andreas Dibowski, Frank Ostholt und Ingrid Klimke fallen auf den vierten Platz zurück. Neuer Besitzer der Goldmedaille in der Einzelwertung ist der Engländer Leslie Law vor der Amerikanerin Kimberly Severson und der Engländerin Pippa Funnel. Bettina Hoy ist nun Neunte.
Die betroffenen Nationalen Olympischen Komitees (NOK) werden aufgefordert, ihre Medaillen zurückzugeben, die bei zwei neuen Siegerehrungen umverteilt werden. "Ich bin sehr enttäuscht über dieses Urteil", sagte Jürgen Thumann, der Präsident der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN). "Es tut mir vor allem sehr leid für unsere Reiter. Tatsache ist, daß sie eine hevorragende Leistung abgeliefert und den Erfolg sportlich verdient haben."
Auslöser der Kontroverse war das Mißgeschick der Deutschen Bettina Hoy, die vor ihrer Parcours-Runde für die Mannschaftswertung zweimal die Startlinie überritten hatte. Nachdem dies zunächst aufgrund einer fehlerhaften Bedienung der Uhr folgenlos geblieben war, revidierte die Jury unter Vorsitz des Warendorfers Christoph Hess ihre Entscheidung und zählte zum Ergebnis der Reiterin 14 Strafpunkte wegen Überschreitens der erlaubten Zeit dazu. Nach einem Protest der deutschen Mannschaftsführung trat das Schiedsgericht der Internationalen Reiterlichen Vereinigung (FEI) zusammen und hob die Entscheidung der Jury auf. Ihre Begründung: Ein Reiter dürfe nicht für einen Fehler des Turniermanagements bestraft werden. Deutschland war wieder Olympiasieger, Bettina Hoy startete zum olympischen Einzelspringen und gewann zunächst auch Einzel-Gold.
Der CAS urteilte nicht über die umstrittene Startprozedur. Die Kammer unter Vorsitz des Südafrikaners Deon van Zyl folgte der Auffassung der drei klagenden NOK, die Internationale Reiterliche Vereinigung habe ihr eigenes Regelwerk falsch angewandt. Das Schiedsgericht sei nicht autorisiert gewesen, die Entscheidung der Jury zurückzunehmen, da es sich dabei um eine Tatsachenentscheidung handele, entschied der CAS. Er folgte dieser Argumentation aufgrund einer FEI-Regel, die besagt, daß Zeit-Entscheidungen nicht vor das Schiedsgericht gebracht werden könnten. Die Vertreter des deutschen NOK hatten bei der Anhörung am Freitag vergeblich argumentiert, diese Regel beziehe sich nicht auf den vorliegenden Fall.
"Das ist für unsere Reiter mehr als eine Katastrophe", sagt Reinhard Wendt, der Geschäftsführer des Deutschen Olympiadekomitees für Reiterei. Ingrid Klimke, die wie die anderen Reiter bereits nach Hause geflogen war, reagierte zutiefst enttäuscht: "Ich bin sprachlos." Leslie Law hingegen, der neue Olympiasieger, der die Nachricht bei einem ländlichen Turnier erhielt, schien sich darüber von Herzen zu freuen: "Ich bin total begeistert." Thumann kritisierte das Urteil des CAS, weil es seiner Ansicht nach den Reitsport verändern wird. "Leider wurde hier eine juristische Interpretation vor den sportlichen Erfolg gestellt." Da er aber sportlich fair bleiben wolle, sagte der designierte Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) aus Düsseldorf, wolle er zugeben, daß er nicht ausschließen könne, daß in einer vergleichbaren Situation auch die deutsche FN vor Gericht gegangen wäre. "Die Funktionäre müssen alles tun, um die Interessen ihrer Athleten zu vertreten." Gegen die Entscheidung des CAS gibt es kein Rechtsmittel. (Siehe Kommentar auf Seite 17) oni.

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 22.08.2004, Nr. 34 / Seite 13

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