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Microsoft-Chef in Deutschland wirft hin



Jürgen Gallmann
06. Oktober 2006 
Wie selbstbewußt darf die deutsche Tochtergesellschaft eines amerikanischen Konzerns gegenüber ihrer Muttergesellschaft auftreten? Welche Entscheidungsfreiheiten darf der Chef einer Landesorganisation haben? Wieviel Autorität ist nötig, um zum Beispiel den größten Softwarekonzern der Welt in Deutschland politisch und gesellschaftlich angemessen zu vertreten? Solche Fragen haben Jürgen Gallmann umgetrieben. Seine Antworten darauf waren andere als die seiner Vorgesetzten in Europa und Amerika. Deshalb hat er um die Aufhebung seines Vertrages gebeten.

Entscheidungen nach Amerika verlagert

„Die starke Verlagerung von Entscheidungsspielräumen in die Corporation, mehr aber das darin zum Ausdruck kommende gewandelte Verständnis der Rollen von Muttergesellschaft und der Microsoft Deutschland GmbH haben mich veranlaßt, diesen Schritt zu gehen“, schreibt Gallmann in einem internen Brief an seine Mitarbeiter, der dieser Zeitung vorliegt.

Für die Mitarbeiter und die Branche kommt die Entscheidung Gallmanns völlig überraschend. Denn die Zahlen von Microsoft-Deutschland, eines Unternehmens, das einen Jahresumsatz von mehr als 2 Milliarden Euro machen dürfte, hatten zuletzt vielversprechend ausgesehen: Für das laufende Geschäftsjahr hatte Gallmann ein zweistelliges Umsatzwachstum in Aussicht gestellt (F.A.Z. vom 4. August). Die absolute Umsatzhöhe nennt Microsoft Deutschland selbst nicht – auch das ist ein Indiz dafür, wo die Kompetenzen einer deutschen Tochtergesellschaften in amerikanischen Großkonzernen häufig enden. Gallmann räumt in dem Brief an seine Mitarbeiter ein, daß er schon „etwas länger“ mit dem Gedanken an seinen Abschied gespielt und sich gemeinsam mit Europachef Jean-Philippe Courtois darauf geeinigt habe, nur im ersten Quartal des neuen Geschäftsjahres 2006/07 (30. Juni) noch dabei zu sein.

Andersen übernimmt nur vorübergehend

Offiziell scheidet Gallmann zwar erst zum Jahresende aus. Doch hat er seine Aufgaben im Tagesgeschäft mit sofortiger Wirkung an den 45 Jahre alten Dänen Klaus Holse Andersen übergeben, der gegenwärtig für das europäische Geschäft mit den Mittelstandskunden von Microsoft verantwortlich ist. Andersen, der kein Deutsch spricht, ist ausdrücklich eine Übergangslösung. Ein Nachfolger für Gallmann wird gesucht. Es ist aber noch völlig offen, wann eine entsprechende Entscheidung getroffen wird.

Auch in der offiziellen Mitteilung von Microsoft wird kein Hehl daraus gemacht, daß der 44 Jahre alte Gallmann „wegen unterschiedlicher Auffassungen über die künftige Ausrichtung der Microsoft Deutschland GmbH“ um die Auflösung seines Vertrages geben habe. Allerdings suchen freundliche Stellungnahmen von Courtois und Microsoft-Vorstandschef Steve Ballmer zu dem Vorgang Vermutungen zu zerstreuen, man gehe im Unfrieden auseinander. „Wir werden auch in Zukunft freundschaftlich verbunden bleiben“, wird Ballmer zitiert.

Mehr Zeit für die Familie - oder doch nicht?

Gallmann, der zuvor für die deutsche IBM tätig gewesen war, hat Microsoft Deutschland seit November 2002 geleitet und war Mitglied des sogenannten Senior Leadership Team von Microsoft International. Er hat das Unternehmen mit rund 1500 Mitarbeitern übernommen und seither rund 500 Stellen neu geschaffen. Gallmann war sehr stark politisch interessiert und unter anderem Mitbegründer des Bildungsprogrammes „WissensWert“ und Initiator der Gründerinitiative „unternimm was.“ Neben seiner Tätigkeit bei Microsoft hat sich Gallmann auch für die Belange der Branche als Präsidiums-Mitglied des Bitkom sowie als stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Initiative D21 engagiert.

Bei welchem Unternehmen Gallmann künftig beschäftigt sein wird, läßt er offen. „Ich möchte mehr Zeit meiner Familie schenken und mit etwas Abstand meine Entscheidung treffen“, schreibt er. Aber vielleicht komme alles ja auch ganz anders. Er lasse sich überraschen – so wie er mit seinem Abgang seine Kollegen überrascht hat.

Text: Kno./F.A.Z.
Bildmaterial: Microsoft
 
 
   
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