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Sat.1

Matthias Alberti löst Roger Schawinksi als Geschäftsführer ab

Von Michael Hanfeld



Matthias Alberti
29. November 2006 
Der Sat.1-Geschäftsführer Roger Schawinski (61) verläßt den Sender zum Jahresende. Nachfolger wird Matthias Alberti (43), bisher stellvertretender Geschäftsführer und für den Bereich Unterhaltung bei Sat.1 verantwortlich, wie die ProSiebenSat.1 Media AG am Mittwoch in München mitteilte. Schawinski werde der ProSiebenSat.1-Gruppe als Berater verbunden bleiben.

Roger Schawinski hält sich offenbar an den Spruch, daß man gehen soll, wenn es am schönsten ist. Sein Einstieg als Geschäftsführer von Sat.1 vor beinahe auf den Tag genau drei Jahren war hart, das erste Jahr derart von Aufs und Abs geprägt, daß viele dachten, er werde nicht lange bleiben. Doch der Totgesagte hatte mehr als ein Leben und zeigte es allen - den Kritikern und den Konkurrenten im Markt und auch im eigenen Konzern.

Drei Jahre sind genug: Roger Schawinski

Jetzt aber, nachdem Sat.1 2005 ein Rekordjahr mit einem Gewinn von 161 Millionen Euro hingelegt hat und sich auch im Moment gut schlägt, verzichtet er darauf, seinen Vertrag verlängern zu lassen. Er geht aus freiem Entschluß. Und er bekommt einen Nachfolger, der ein Mann nach seinem Geschmack ist: Im November 2002 wechselte Matthias Alberti von RTL zu Sat.1 und wurde dort Unterhaltungschef, seit April 2004 ist er stellvertretender Geschäftsführer, vom 1. Januar an wird er den Sender führen. Schawinski bleibt Pro Sieben Sat.1 als Berater verbunden. Es ist ein glatter Übergang unter zweien, die einander schätzen.

Schmidts theatralischer Abgang

Wie anders war das doch beim letzten Geschäftsführerwechsel bei Sat.1. Erinnern wir uns an die ersten Dezembertage 2003, als es ungleich kälter war als heute: Der Senderchef Martin Hoffmann bekam vom neuen Eigentümer von Pro Sieben Sat.1, Haim Saban, den Laufpaß. Hoffmann war beliebt und beileibe nicht ohne Erfolg und - ein persönlicher Freund von Harald Schmidt, damals noch Zugpferd von Sat.1. Saban setzte den Schweizer Schawinski ein, den in Deutschland kaum einer kannte und von dem man dachte, daß er den Job nur bekam, weil er die Nähe zu Saban und dem damaligen Vorstandschef von Pro Sieben Sat.1, Urs Rohner, gesucht hatte. Schlechte Vorzeichen, die Harald Schmidt nutzte, um sich einen theatralischen Abgang zu verschaffen. Vor aller Augen starb er den vermeintlichen Heldentod auf dem Bildschirm und beerdigte seine Sendung. Mit großer Ohne-mich-Geste. Heute wissen wir längst, daß Schmidt den täglichen Late-Night-Talk einfach über hatte und den Notausgang suchte. An dem stand Roger Schawinski, als Prügelknabe.

Es war der zweite Abend des Schweizers in Berlin, als er den Fernseher einschaltete und sah, wie Schmidt ihn in seinem eigenen Programm vorführte. Vorhang. Abgang Schmidt. Erster Akt in einem neuen Stück, das man „Wilhelm Tell“ oder besser noch den „Freischütz“ nennen könnte, die Hand am Abzug hatte nun Roger Schawinski. Und der zog durch, kündigte mit einer hierzulande eher unbekannten Euphorie an, was er aus Sat.1 machen wolle. Anke Engelke sollte es zunächst richten, doch die ging als Late-Night-Talkerin unter, später kam und ging ganz schnell die als Christiansen-Konkurrenz apostrophierte Talkshow mit Bettina Rust und zwischendurch gab es noch ein paar andere, kleinere Hänger. Doch - der Trend verkehrte und Schawinski wandelte sich. Er kündigte nicht mehr an, er machte. Angelte sich beim ZDF Thomas Kausch als Anchorman für seine Nachrichten, setzte als einer der ersten auf die Telenovelas, produzierte mit „Verliebt in Berlin“ die erfolgreichste Ausspielung in diesem Genre und setzte Unterhaltungsshows ins Programm, die so waren oder sind, wie sie heißen: „Clever“ (mit Barbara Eligmann und Wigald Boning) oder, noch besser, „Genial daneben“ (von und mit Hugo Egon Balder).

Gespür und Bauchgefühl

Bei Shows wie diesen trafen sich die Instinkte des Geschäftsführers Schawinski und des Unterhaltungschefs Alberti. Der eine hat ein gutes journalistisches Gespür, der andere ein „Bauchgefühl“, das ihn auch schon mal trügt, wie bei einer längst vergessenen Vorabendreality mit heulenden Hausfrauen und verlassenen Männern im Feinripp, aber ihn doch meist richtig liegen läßt, wie etwa bei der Comedy „Schillerstraße“.

Schaut man auf diese beiden, könnte der Unterschied auf den ersten Blick nicht größer sein. Roger Schawinski, 61, ist klein, drahtig, Marathonläufer, eine Schweizer Unruh mit mehr Elan als Leute, die zwanzig Jahre jünger sind. Er hat die Schweiz von Italien aus in den siebziger Jahren mit seinem eigenen Piratensender „Radio 24“ beschallt, der verboten war, aber 1980 in Zürich Tausende auf die Straße brachte, die dafür demonstrierten, daß er weitermachen konnte. 1994 gründete Schawinski den ersten privaten Fernsehsender, Tele Züri, 2001 verkaufte er seine Sender für 92 Millionen Schweizer Franken an den Tamedia-Konzern. Danach schrieb er Kolumnen für die „Weltwoche“ und pflegte jenen provokanten Stil, der ihn schon in seiner eigenen Talkshow auf seinem eigenen Sender ausgezeichnet hatte. Und lief sich warm für den Job bei Sat.1. Er kam von ganz unten, aus einem armen Elternhaus, und schaffte es im Alleingang in der Schweiz. Und dann, gestützt von Mitarbeitern, die einen ganz anderen Schawinski als den erwartete Derwisch aus den Alpen erlebten, schaffte er es in Berlin.

Bedächtig-bescheidener Leisetreter

Von Matthias Alberti, 42, darf man derweil sagen, daß er bei Sat.1 der Größte ist und schon immer war. Doch war er das auch bei RTL und davor wahrscheinlich schon immer, wenn er nicht gerade ein Basketballspiel besuchte. Der Mann ist ein Koloß, ein Riese von 2,12 Metern, der Gesprächspartner in die Genickstarre treibt. Und dabei ein bedächtig-bescheidener Leisetreter, studierter Biologe, dem das Showbusiness allerdings in die Wiege gelegt wurde, da seine Eltern eine Konzertagentur betrieben. Während seines Studiums in München, Darmstadt und Mainz arbeitete Alberti als Regieassistent bei Showproduktionen, 1994 ging er zu RTL, war zunächst Redakteur und von Juli 2000 an schließlich Unterhaltungschef. Seine Abwerbung hat beim Marktführer eine kreative Agonie eingeleitet, RTL ist zwar noch immer ganz vorn, mit einem Quotenkönig wie Günther Jauch und der erstaunlicherweise immer noch erfolgreichen Suche nach den letzten Superstars der Republik, doch lebt der Sender sichtbar von einer Substanz, die man nur in Ansätzen erneuert hat.

Bei Sat.1 lief und läuft das anders - mit Schawinski und Alberti. Da gibt es Flops, aber es wird ausprobiert. Da gibt es nicht den ganz großen Durchbruch, aber ein zähes Ringen um den zweiten Platz unter den Privatsendern unter schwierigen Bedingungen. Das Geld etwa, das ARD und ZDF in den Sport, vor allem den Fußball, stecken können, wird es bei Sat.1, wo es einmal „ran“ gab, bevor die „Sportschau“ wiederkam, nie wieder geben. Da sind die Gewinnerwartungen der Finanzinvestoren vor, die eine Umsatzrendite von zwanzig Prozent erwarten. Und sie im Fall von Sat.1 im vergangenen Jahr mit einem Satz von 19,4 Prozent auch fast bekommen haben.

Verkauf schon in den nächsten Tagen?

Haim Saban und seine Mitinvestoren wollen Pro Sieben Sat.1 trotzdem verkaufen, vielleicht schon in den nächsten Tagen. Dann werden neue Investoren kommen, entweder jene, die die deutsche Sendergruppe mit dem um einiges kleineren skandinavischen Fernsehkonzern SBS verschmelzen wollen, oder andere, von denen man nicht weiß, ob sie die Gruppen am Ende zerschlagen. Das muß Roger Schawinski nicht mehr kümmern, auch nicht mehr die neuen Mühen im Programm, in dem die deutschen Produktionen, auf die gerade Sat.1 immer gesetzt hat, im Augenblick gar nicht mehr laufen.

Bei Sat.1 gelingt, was selten ist, nicht nur im Fernsehbusiness - ein Übergang an der Spitze in Würde. Einer, bei dem man sich fragt: Warum? Und vor allem: Warum jetzt? Was kein schlechtes Zeichen ist. Doch daß Roger Schawinski sich nun ganz zur Ruhe setzt und mit Frau und Tochter das Leben genießt - kann man sich das vorstellen? Schwerlich.

Text: FAZ.NET
Bildmaterial: ddp, Sat.1/Holger Rauner
 
 
   
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