14. Januar 2005
In keinem Land messen Unternehmen dem Arbeitszeugnis solche Bedeutung zu wie in Deutschland. Sogar eine eigene Geheimsprache wurde dafür entwickelt. Der wachsende Druck, möglichst viele und perfekte Zeugnisse vorweisen zu müssen, verführt immer mehr Bewerber dazu, sich einfach selbst welche zu basteln.
Dieses Bewerbungsgespräch wird einem 25jährigen Chemiestudenten aus Aachen noch lange im Magen liegen. Mit einer gefälschten Studienbescheinigung war er bei einem Unternehmen vorstellig geworden. Als seinem Gegenüber bei näherem Betrachten des amtlich aussehenden Dokuments Zweifel kamen und er um eine beglaubigte Zweitschrift bat, geschah das Unfaßbare: Der Student schnappte das Papier und stopfte es sich kurzerhand in den Mund. Da das nicht vollständig gelang, erstattete die herbeigerufene Polizei auf Grund des unzerkauten Restdokuments Anzeige.
Abizeugnis, Diplom, Weiterbildungszertifikate, Praktikumszeugnisse nicht unter einem halben Dutzend - Zeugnisse sind wichtig, lehren professionelle Karriereberater und die Lebenserfahrung, so wichtig, daß sich mancher gern mal eines selbst ausstellt. Bei rund einem Drittel aller Bewerbungen werde nachgebessert, schätzt Manfred Lotze von der Detektei Kocks aus Düsseldorf auf Grund von Stichproben. Das reicht von der kleinen Schönfärberei im Lebenslauf bis zum selbsterstellten Diplom." Bevorzugtes Fälschungsobjekt: Arbeitszeugnisse. Da muß man nur das Firmenlogo aus dem Internet auf einen Briefkopf kopieren, schon hat man eine perfekte Vorlage", weiß Lotze. Noch weniger technischen Sachverstand erfordert der Versuch, das Austrittsdatum aus dem Unternehmen ein wenig nach hinten zu verschieben, um auf diese Weise häßliche Lücken im Lebenslauf zu schließen. Die Deutschen sind zeugnissüchtig", weiß Heike Friedrichsen von der Karriereberatung Personalmarkt in Hamburg. Nirgends sonst in der Welt hat die schriftliche Leistungsbeurteilung einen so hohen Stellenwert wie hierzulande." Als weitere deutsche Leidenschaft gilt die Regelungswut, und so sind die rechtlichen Rahmenbedingungen für das Arbeitszeugnis längst abgesteckt und durch eine Vielzahl von Gerichtsurteilen befestigt. Jeder, der eine arbeitsvertraglich geregelte Tätigkeit von mindestens zwei Tagen Dauer ausgeübt hat, kann demnach von seinem Arbeitgeber ein Zeugnis einfordern. Nur auf ausdrücklichen Wunsch muß dieses auch qualifiziert sein, also zusätzlich Angaben über Leistung und Verhalten des Arbeitnehmers enthalten. In der Praxis hat sich das Regel-Ausnahme-Verhältnis aber längst umgedreht. Wer heute nur noch ein einfaches Zeugnis vorlegt, gerät in den Verdacht, daß die Leistungen wohl nicht der Rede wert waren. Auch bei der inhaltlichen Tendenz der Zeugnisse haben sich die Proportionen verschoben. Wahrheitsgemäß habe die Beurteilung in erster Linie zu sein, fordert die Rechtssprechung, daneben aber auch wohlwollend. Ein Chef dürfe der künftigen Karriere seines Mitarbeiters nicht ungerechtfertigt Steine in den Weg legen.
Man muß nur das Firmenlogo aus dem Internet auf einen Briefbogen kopieren, schon hat man die perfekte Vorlage.
In der Praxis hat dies dazu geführt, daß die Wahrheit vor lauter Wohlwollen zwischen den Zeilen gesucht werden muß. Im Bemühen, beiden Vorgaben der Rechtssprechung zu genügen, haben die Unternehmen eine Geheimsprache entwickelt, die an die Codes in der Spionageabwehr erinnern. Wenn da eine Mitarbeiterin im Arbeitszeugnis als humorvoll" gepriesen wird, schrillen bei jedem Personaler die Alarmglocken. Denn entschlüsselt bedeutet dies, daß die Beurteilte dazu neigt, ihre Kollegen mit schlechten Witzen von der Arbeit abzuhalten. Viele Bewerber wissen gar nicht, was in ihrem Zeugnis wirklich steht", sagt Sascha Tillmanns von der Unternehmensberatung Kienbaum in Stuttgart. Schließlich hört sich alles irgendwie gut an." Doch mindestens genauso wichtig wie das, was im Zeugnis steht, ist das, was nicht darin steht. Ein Mitarbeiter war fleißig und ehrlich? Ein vernichtendes Urteil. In der Aufzählung fehlen Aussagen zur Pünktlichkeit, um die es demzufolge wohl nicht zum besten bestellt war. Beredtes Schweigen" nennen Experten das, was auch mit Grundkenntnissen in der Textexegese nicht immer dingfest zu machen ist.
Doch inzwischen hat auch die Gegenseite aufgerüstet. Bewerbern stehen Dienstleiter zur Seite, die Codes knacken und Fehlstellen aufspüren. So kann man etwa bei den Karriereberatern von Personalmarkt zu Preisen ab 24,50 Euro Arbeitszeugnisse analysieren lassen und dann mit dem Ergebnis nötigenfalls vor Gericht ziehen. Fast 20.000 Klagen aus diesem Rechtsgebiet landen alljährlich vor den deutschen Arbeitsgerichten, die meisten mit dem Ziel einer Zeugnisberichtigung. Doch solche Gutachten sind auch deshalb hilfreich, weil manche Arbeitgeber mangels Übung in der Zeugnissprache Fehler begehen und damit Signale aussenden, die gar nicht bezweckt sind. Vor allem bei kleineren Mittelständlern muß man vorsichtig sein", warnt Kienbaum-Berater Tillmanns.
Viele Bewerber wissen gar nicht, was in ihrem Zeugnis wirklich steht.
Viele Unternehmen sind aus leidvoller Erfahrung dazu übergegangen, die Beurteilungen nicht nur scheinbar, sondern tatsächlich wohlwollend abzufassen, um einem gerichtlichen Nachspiel zu entgehen. Zeugnisse sind meistens gut, oft zu gut", kritisiert Tillmanns. Was die Aussagekraft weiter herabsetzt, ist die Neigung gerade großer Unternehmen, die Zeugnisse aus vorgefertigten Textbausteinen zusammenzusetzen. Die wenigsten nehmen sich die Zeit für individuelle Formulierungen", so Tillmanns. Wenn ein Zeugnis aus irgendeinem Grund Fragen offenläßt, horcht der Kienbaum-Berater deshalb gern bei früheren Arbeitgebern nach. Referenzen einzuholen, sei schließlich auch der beste Weg, Betrügern auf die Schliche zu kommen. Die Versuchung, Hand ans Arbeitszeugnis zu legen, könnte nach Einschätzung von Detektiv Manfred Lotze angesichts der schwierigen Arbeitsmarktlage eher noch wachsen. Daß künftig regelmäßig Detektive zu Bewerbungsgesprächen hinzugezogen werden, steht indessen nicht zu befürchten. Die Spürhunde treten meist erst dann in Aktion, wenn sich Unternehmen von Mitarbeitern trennen wollen und nach dunklen Flecken in deren Vergangenheit suchen - laut Lotze durchaus kein seltener Fall: Unsere Auftragsbücher sind prall gefüllt."
http://www.arbeitszeugnisse.de http://www.arbeitszeugnis-beratung.de http://www.arbeitszeugnis-code.de http://www.arbeitszeugnis-info.de http://www.arbeitgeberzeugnisse.de http://www.berufsstrategie.de http://www.zeugnisberatung.de http://www.personalmarkt.de
Buchtips:
Manfred Beden, Verena Janssen: Arbeitszeugnisse" Gräfe und Unzer, 128 Seiten, 12,90 Euro. ISBN 3-7742-5434-6
Jürgen Hesse, Hans Christian Schrader: Arbeitszeugnisse - professionell erstellen, interpretieren, verhandeln" Eichborn, 182 Seiten, 13,90 Euro. ISBN 3-8218-3826-4
Jürgen Hesse, Hans Christian Schrader: Praxismappe für das perfekte Arbeitszeugnis" Eichborn, 126 Seiten, 15,90 Euro. ISBN 3-8218-1575-2
Thorsten Knobbe, Mario Leis: Arbeitszeugnisse - Geheimcodes entschlüsseln, perfekt formulieren" Gräfe und Unzer, 6,90 Euro. ISBN 3-7742-3603-8