04. Juli 2009

Marke „Eigenbau“

Sich selber loben fällt vielen schwer

Von Julie Schrader




14. Januar 2005 
Wer die Chance bekommt, sein Zeugnis selbst zu schreiben, kann sich endlich einmal über den grünen Klee loben. Merkwürdigerweise nutzen die meisten Arbeitnehmer diese Möglichkeit nicht.



„Schreiben Sie Ihr Zeugnis selbst, ich habe da vollstes Vertrauen." Wenn sich die Aktenberge auf dem Schreibtisch des Chefs türmen, werden schon einmal ureigenste Aufgaben an die Mitarbeiter delegiert, und sei es an die unmittelbar Betroffenen. Die fühlen sich zunächst geschmeichelt und sehen ein glanzvolles Zeugnis am Horizont aufscheinen. Doch dann kommen die Bedenken. Wie soll man sich selbst beurteilen, wenn Eigenlob doch angeblich stinkt? Welche Punkte muß ein Zeugnis überhaupt im einzelnen umfassen? Und dann ist da ja auch noch die berüchtigte Zeugnissprache, ein ausgeklügeltes System von Codes, in dem auch dem Nichtgesagten eine entscheidende Bedeutung zukommen kann. Probleme über Probleme. Und doch sind sie klein im Verhältnis zu den Chancen, die ein solches Angebot des Chefs birgt. Ein eigener Entwurf bietet tatsächlich eine Steilvorlage für ein Zeugnis mit der Note „sehr gut". Experten raten sogar dazu, dem Chef dieses Vorgehen aus eigener Initiative vorzuschlagen. „Wenn man ihn mit dem Argument überzeugen kann, daß er dann viel weniger Arbeit habe, kann das häufig klappen", sagt Jürgen Hesse vom Büro für Berufsstrategie. Bis man das Zeugnis in den Händen hält, ist es jedoch ein weiter Weg, auf dem noch so manche Hürde wartet.

„Die meisten stellen ihr Licht unter den Scheffel.“

Besonders schwierig ist es, die richtige Balance zwischen maßloser Übertreibung und falscher Bescheidenheit zu finden. „Zeugnisse, bei denen sich eine berufliche Höchstleistung an die andere reiht, werden später in den Personalabteilungen schnell als Eigenentwurf entlarvt und sind der Karriere nicht förderlich", warnt Astrid Schultz von der Karriereberatung Personalmarkt. Doch die Regel ist solches Eigenlob nicht. Eine Gefahr liegt eher in falscher Bescheidenheit: „Die meisten stellen ihr Licht unter den Scheffel", weiß Verena Janßen von der Veja-Zeugnisberatung.

Die codierte Zeugnissprache verlangt Mut zum Gebrauch besonders lobender Attribute. Ein „gut" bedeutet noch keine Anerkennung und kann sogar für eine unterdurchschnittliche Leistung stehen. Welche Nuancen den Unterschied ausmachen, verdeutlicht folgendes Beispiel: „Sie zeigte Initiative, Fleiß und Eifer" - ein Satz, der nur für Uneingeweihte nach einer richtig guten Bewertung klingt. Aber erst nach dem Hinzufügen des unbegrenzten Zeitfaktors „stets" und der Steigerungsform „groß" genügt die Formulierung auch wirklich höchsten Ansprüchen. Diese Regeln müssen besonders bei den Kernsätzen eines jeden Zeugnisses eingehalten werden. Das sind die Aussagen zum Arbeitserfolg, die Zufriedenheits- und die Schlußformel. Auch die Gliederung eines Zeugnisses ist präzise festgelegt. „Am besten hält man sich an das formale Raster und füllt dieses dann mit den entsprechenden Inhalten. Dann verschwindet auch die Angst vor dem leeren Blatt", rät Astrid Schultz von Personalmarkt. Ein qualifiziertes Arbeitszeugnis sollte auf jeden Fall fünf Elemente enthalten: eine Einleitung, eine Aufgabenbeschreibung, eine Leistungsbeurteilung, eine Verhaltensbeurteilung und eine Schlußformulierung. Dabei können schon die Proportionen der einzelnen Abschnitte einiges an Lob und Tadel zum Ausdruck bringen. Ein beliebter Fehler beim Zeugnis Marke Eigenbau besteht darin, den Aufgabenteil zu ausführlich zu gestalten, nicht zuletzt um zu zeigen, wie fleißig man gewesen ist. Das könnte jedoch so gedeutet werden, daß damit Leerstellen in der Leistungs- oder Verhaltensbewertung kaschiert werden sollen, für die dann nur noch wenig Raum bleibt. Die Tätigkeitsbeschreibung sollte grob gerechnet nicht mehr als 45 Prozent des gesamten Zeugnisses ausmachen. Auch die Reihenfolge bei der Aufzählung der einzelnen Tätigkeiten stellt bereits eine Gewichtung dar. Stehen die wichtigsten Aufgaben eher am Schluß, könnten Außenstehende daraus folgern, daß Kernaufgaben vernachlässigt und Prioritäten falsch gesetzt wurden.

„Das Zeugnis ist quasi die Bewerbung für den nächsten Job.“

Die Abschnitte zur Leistungs- und Verhaltensbeurteilung sollten inhaltlich einen Bezug zur Tätigkeitsbeschreibung herstellen. Besonders hervorgehoben werden sollten dabei spezielle Fachkenntnisse sowie Motivation und Teamfähigkeit des Arbeitnehmers. Der persönliche Arbeitserfolg ist eines der wichtigsten Leistungskriterien und sollte möglichst konkret beschrieben werden. Auch den künftigen Traumjob sollte man dabei schon ins Visier nehmen und Fähigkeiten, die hierfür von besonderem Vorteil sein könnten, in den Entwurf integrieren. „Das Zeugnis ist quasi die Bewerbung für den nächsten Job", betont Jürgen Hesse vom Büro für Berufsstrategie. Aber auch dabei gilt: Alles muß stimmig bleiben. Ein Buchhalter, der in die Werbebranche einsteigen will und im Zeugnis als besonders kreativ bezeichnet wird, wirkt wenig glaubhaft. Um all diese versteckten Tücken zu umgehen, ist es ratsam, den mühsam verfaßten Entwurf von einem Zeugnisexperten begutachten zu lassen. Für das Gelingen eines wasserdichten Zeugnisses kommt es auch auf Kleinigkeiten an und die sind für den ungeübten Schreiber häufig ein Buch mit sieben Siegeln.

Achtung Falle - beliebte Fehler beim Selbstverfassen von Zeugnissen

1. Keine sprachlichen Extratouren
Die Zeugnissprache folgt genauen Regeln, an die man sich halten sollte. Sonderzeichen wie Ausrufezeichen, Fragezeichen oder Gedankenstriche haben in einem Zeugnis nichts zu suchen. Auch fachspezifische Abkürzungen oder Bezeichnungen aus dem betriebsinternen Sprachgebrauch sind fehl am Platz. Das Zeugnis muß auch für den branchenfremden Leser verständlich sein.

2. Falsche Bescheidenheit
Ein häufiger Fehler ist eine zu bescheidene Darstellung der eigenen Person und Leistung. Der objektive Blick auf die eigenen Vorzüge fällt vielen schwer. Zu vermeiden sind vor allem einschränkende Adjektive wie „überwiegend" oder „ohne Tadel", was umgangssprachlich zwar weniger vermessen klingt, in der Zeugnissprache aber ein Eigentor ist.

3. Nicht passiv, sondern aktiv formulieren
Bereits der Einleitungssatz kann eine Wertung enthalten. Eine aktive Formulierung steht für ein gutes Verhältnis des Arbeitgebers zum Arbeitnehmer. Besser klingt „arbeitete bei uns" als „wurde bei uns eingestellt".

4. Zu ausführliche Tätigkeitsbeschreibung
Wenn Aufgaben aufgeführt werden, die selbstverständlich für eine Tätigkeit sind, oder zu viele Aufgaben benannt werden, ist das Wesentliche nicht mehr erkennbar. Es kann indirekt als Kritik gelesen werden, da nur noch wenig Raum für die Leistungs- und Verhaltensbeurteilung bleibt.

5. Widersprüche vermeiden
Bei den vielfältigen Möglichkeiten, seine Vorzüge in den Vordergrund zu stellen, kann es schnell zu widersprüchlichen Aussagen kommen. Daher sollte ein Zeugnis immer Bewertungen enthalten, die miteinander im Einklang stehen. Erst alles zusammen betrachtet ergibt eine runde, glaubwürdige und damit objektive Beurteilung.

Text: Hochschulanzeiger Nr. 76, 2005
Bildmaterial: Claudia Weikert, Labor