Von Thomas Holl, Christoph Ehrhardt und Katharina Iskandar
07. September 2007 Es war Fritz G., der die Ermittler des Bundeskriminalamtes auf die Spur von Daniel Martin S. brachte. Eigentlich beobachteten sie den ebenfalls im Sauerland festgenommenen Konvertiten mit dem polnisch klingenden Nachnamen.
Dabei fiel der im Saarbrücker Ortsteil Herrensohr lebende Daniel Martin S. als Terrorverdächtiger auf. Über den 21 Jahre alten Mann, der an diesem Sonntag Geburtstag hat, ist bislang nur wenig bekannt. Der 1985 im saarländischen Neunkirchen geborene und offenbar von Hartz-IV-Geld lebende Gelegenheitsarbeiter ging bis zum Herbst 2003 auf das Steinwald-Gymnasium in Neunkirchen, der mit gut 49.000 Einwohnern zweitgrößten Stadt im Saarland. Nach nur vier Wochen in der 12. Klasse brach der als unauffällig beschriebene Gymnasiast die Schule ab.
Nach den Ermittlungen der Sicherheitsbehörden galt S. in der islamistischen Szene später als jemand, der anderen Personen als Sprachaufenthalte getarnte Terroristenausbildungen in Camps der in Usbekistan gegründeten Islamischen Dschihad-Union in Pakistan vermittelte. S. selbst hielt sich im August 2006 nach Erkenntnisse der Fahnder in einem dieser Ausbildungslager auf, wo er den Umgang mit Sprengstoff und den Bau von Bomben lernte. Als Ablenkungsmanöver für seinen Aufenthalt in Pakistan soll S. eine längere Reise nach Brasilien vorgetäuscht haben, heißt es.
Alle drei Stunden in arabisch gebetet und gesungen
Zuletzt wohnte S. seit Februar in der Petrusstraße in Herrensohr, einem kleinbürgerlich geprägten Ortsteil Saarbrückens und früheren Bergmannskolonie, von Einheimischen scherzhaft wegen seiner kargen Begrünung Kaltnaggisch genannt. S. wohnte hier neben der Omar-Moschee, die im Hinterhof eines baufällig wirkenden dreigeschossigen Hauses untergebracht ist.
Die vor 16 Jahren eröffnete Bet- und Begegnungsstätte habe aber nicht als Treffpunkt zur Vorbereitung von Anschlägen gedient oder sei als Ort von Hasspredigten bekannt, versichern die zuständigen Fachleute im Landeskriminalamt. Nachbarn berichteten nach der Festnahme des mutmaßlichen Terroristen, es erscheine ihnen im Nachhinein doch so einiges auffällig gewesen zu sein.
So habe der junge Mann CDs und andere Gegenstände auf dem Hof verbrannt. Auf Fragen, was er denn da verbrenne, habe S. geschwiegen. Alle drei Stunden habe S. zum Ärger seiner Nachbarn auch laut in arabischer Sprache gebetet und gesungen, berichtet die Saarbrücker Zeitung.
Reisen über Jordanien nach Kairo
Neben S. ermittelt die Bundesanwaltschaft auch noch gegen zwei andere im Saarland gemeldete Terrorverdächtige, die ebenfalls der seiner Gruppe zugerechnet werden. Der ebenfalls in Neunkirchen geborene 22 Jahre alte Deutsch-Türke Zafer S. soll Daniel Martin S. gut gekannt haben und wie sein Freund im Juli 2006 eine von der Islamischen Dschihad-Union geförderte Terroristenausbildung in einem Lager in Pakistan durchlaufen haben.
Dort habe er auch direkten Kontakt zu der Führung dem Terrornetz Al Qaida nahestehenden Terrororganisation gehabt. Von Januar 2005 bis Juni 2006 hat sich Zafer S. nach Erkenntnissen der Ermittler in Syrien aufgehalten, um dort die arabische Sprache zu erlernen. Im Juni 2007 reiste der mit deutschem und türkischen Pass ausgestattete S. über Jordanien nach Kairo, wo sich seine Spur verliert.
Inzwischen wieder auf freiem Fuß
Als weiterer Beschuldigter aus dem Saarland wird Houssain Al M. geführt, ein 22 Jahre alter Staatenloser, der in Beirut geboren ist. Der auch in Neunkirchen wohnhafte M. wurde am 10. Juni 2006 zusammen mit zwei weiteren Personen beim illegalen Übertritt der Grenze von Afghanistan nach Pakistan festgenommen.
Bei den anderen Personen handelt es sich um den Deutschen Tolga D., der in Baden-Württemberg vom Verfassungsschutz als Gefährder eingestuft ist und einem unbekannten Kirgisen. Houssain Al M. war auch auf dem Weg zu einer terroristischen Ausbildung, vermuten die Ermittler.
Außerdem soll er als Organisations- und Informationsmittler für Daniel Martin S. und Zafer S. gedient haben. Während Tolga D. Mitte August nach Deutschland überstellt wurde, nahm die Polizei M. am Dienstag auf dem Frankfurter Flughafen in Empfang. Wie es heißt, wurde er in der Justizvollzugsanstalt Saarbrücken befragt. Inzwischen ist er wieder auf freiem Fuß.
Er war ein unbeschriebenes Blatt
Über den 28 Jahre alten Deutsch-Türken Adem Y. aus Langen ist bislang nur wenig bekannt. Er wurde am 4. November 1978 in der Türkei geboren, soll aber einen wesentlichen Teil seiner Jugend in Deutschland verbracht haben. In Langen selbst, einer beschaulichen 36 000-Einwohner-Stadt nahe Frankfurt, war Adem Y. jedoch ein Phantom, wie die Einwohner sagen. Weder soll er in Vereinen engagiert gewesen sein, noch ist er früher in Jugendzentren auffällig geworden.
Vielleicht war er ein paar mal hier, sagt der Leiter des Langener Jugendzentrums Komma. Erinnern könne er sich aber nicht an ihn. Ebenso unbekannt war Adem Y. offenbar auch beim Langener Moscheeverein und den anderen in der Stadt lebenden Türken. Wir kennen ihn nicht, sagen sie. Er war ein unbeschriebenes Blatt.
Für Wasserstoffperoxid zuständig
Aufgefallen ist Adem Y., der nicht verheiratet ist und bei seinen Eltern wohnte, allerdings der Kreisverwaltung. Der Türke bezog Arbeitslosengeld und hatte ständig mit der Behörde zu tun, wie zu hören war. Im Juni, Juli und August dieses Jahres konnten ihn die zuständigen Mitarbeiter der Verwaltung nicht erreichen. Sie setzten ihn daraufhin auf eine Sperrliste, da sie davon ausgingen, er arbeite schwarz.
Wie nun deutlich wurde, war er zu dieser Zeit offenbar schon mit der Vorbereitung der Terroranschläge befasst und hielt sich aus diesem Grund gar nicht mehr in Langen auf. Denn Adem Y. war innerhalb der Gruppe für die Beschaffung des Wasserstoffperoxids zuständig. Er fuhr regelmäßig nach Hannover, um die Chemikalienfässer zu kaufen. Anschließend brachte er sie nach Baden-Württemberg. Er begann damit, nachdem er Ende März dieses Jahres aus dem Ausbildungslager in Pakistan zurückgekehrt war. Seit wann Adem Y. Kontakt zur Islamischen Dschihad-Union hatte, ist nicht bekannt.
Es wird jedoch vermutet, dass er erst in diesem Jahr Verbindung zu der Gruppe aufgenommen hatte beziehungsweise von ihr rekrutiert wurde, denn im Dezember 2006, als einer der im Sauerland Verhafteten schon einen amerikanischen Militärstützpunkt im von Langen nur etwa 35 Kilometer entfernten Hanau ausspähten, war Adem Y. noch nicht dabei. Dem Vernehmen nach soll er aber schon seit geraumer Zeit Kontakte zu anderen islamistischen Vereinigungen gehabt haben, die im Rhein-Main-Gebiet aktiv sind.
Der Gefährder
Dem baden-württembergischen Verfassungsschutz ist der Deutsch-Türke ebenfalls aufgefallen. Nach den Angaben eines Islamfachmanns der Behörde bestehen Verbindungen zwischen Mitgliedern der vom Verfassungsschutz beobachten türkisch-islamischen Organisation Milli Görüs und dem Islamischen Informationszentrum (IIZ) in Ulm, das als Anlaufstelle für Radikale Islamisten gilt. Adem Y. soll sich in dem dortigen Dschihadistenmilieu bewegt haben.
Möglicherweise hat er dort auch den mutmaßlichen Rädelsführer der Gruppe, Fritz G., kennengelernt. G. sei schon im Alter von 15 Jahren zum Islam übergetreten, heißt es aus den Sicherheitsbehörden Auch sein Bruder soll ein Konvertit sein. Wie es heißt leben seine Eltern in Scheidung. Der Vater von Fritz G. ist Geschäftsführer eines Unternehmens in Ulm, das unter anderem mit Solarenergieanlagen handelt.
Dort hat auch der als Gefährder geltende Islamist Tolga D. gearbeitet. Er hatte offenbar über einen längeren Zeitraum großen Einfluss auf Fritz G., den es nach Angaben des Verfassungssschutzes außerdem zu Auftritten islamistischer Prediger aus Saudi-Arabien zog.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, ddp, dpa