Vier Wochen nach den tödlichen Attentaten von London hat das Terrornetz Al Qaida mit weiteren Anschlägen in der britischen Hauptstadt gedroht.
Der als Stellvertreter Bin Ladins titulierte Ajman Zawahiri wies die Verantwortung für den Terror dem britischen Premierminister Tony Blair zu. Blair hat euch Zerstörung in der Innenstadt von London gebracht, und er wird mehr davon bringen, so Gott will, sagte er in in einer vom arabischen Nachrichtensender Al Dschazira gesendeten Videobotschaft.
Indirekt drohte Zawahri allen westlichen Staaten mit Anschlägen, die Truppen in islamischen Staaten stationiert haben. Was die Staaten der Kreuzfahrer-Allianz angeht, wir haben Euch einen Waffenstillstand angeboten, falls ihr das Gebiet des Islams verlaßt. Unsere Botschaft ist klar: Ihr werdet nicht sicher sein, bis ihr euch von unserem Boden zurückzieht, aufhört, unser Öl und unsere Reichtümer zu stehlen und aufhört, die korrupten Herrscher zu unterstützen.
Den Vereinigten Staaten drohte er, wenn sie ihre Truppen nicht aus dem Irak zurückzögen, werde es dort Zehntausende von Toten geben. Blairs Büro lehnte es ab, die Botschaft zu kommentieren.
London befand sich einen Monat nach den tödlichen Anschlägen vom 7. Juli und zwei Wochen nach der zweiten fehlgeschlagenen Bombenserie im Alarmzustand. Die Polizei in demonstrativer Stärke auf den Straßen und an den Bahnhöfen zu sehen.Tausende bewaffnete Polizisten patrouillierten in den U-Bahn-Stationen sowie in zahlreichen Straßen der Innenstadt. In der U-Bahn und in Bussen fuhren bewaffnete Polizisten in Zivil mit.
Polizeisprecher versicherten, man habe nicht etwa konkrete Hinweise auf neue Anschläge, sondern wolle der Öffentlichkeit an diesem besonderen Tag nur beruhigend zeigen, daß man wachsam sei.
Die von den blutigen Anschlägen am schwersten getroffene U-Bahn-Strecke Piccadilly wurde am Donnerstag wieder in Betrieb genommen. In einem Zug zwischen den Stationen King's Cross und Russell Square wurden 21 der insgesamt 56 Menschen getötet, die am 7. Juli ums Leben kamen. Die Piccadilly Line ist mit durchschnittlich 536.000 Fahrgästen pro Werktag eine der am meisten genutzten U-Bahn-Strecken Londons.
Unterdessen ist der junge Londoner Ismael Abdurahman am Donnerstag als erster Verdächtiger im Zusammenhang mit den Terroranschlägen offiziell angeklagt worden. Bei der Vorführung im Gericht gegenüber der Königlichen Oper Covent Garden wurde er beschuldigt, er habe Informationen über einen anderen Verdächtigen zurückgehalten. Das Gericht entschied, daß der 23 Jahre alte Mann vorerst weiter in Haft bleiben muß, weil es Verdachtsmonete gibt, daß er den mutmaßlichen Bombenleger Hamdi Issac, der in London unter Namen Hussain Osman lebte, bei der Flucht deckte. Osman wurde später in Rom festgenommen, Abdurahmans Schweigen hätte es ihm erlaubt, unentdeckt zunächst mit der Bahn nach Paris zu fliehen.
14 weitere Verdächtige sind noch in London oder in der Provinz in Haft. Ein kürzlich Festgenommener ist freigelassen worden. Alle Untersuchungshäftlinge werden im Zusammenhang mit der zweiten Anschlagswelle am 21. Juli verhört. Wegen der Selbstmordattentate vom 7. Juli ist bis heute niemand festgesetzt worden.
Im Unterschied zur früheren Phase der Kampagne, als sie noch die Mithilfe der Öffentlichkeit suchte, wahrt die Polizei seit den Verhaftungen strenges Stillschweigen. Offenbar ist die Mithilfe der Öffentlichkeit ausgeschöpft, und die Fahndung kann sich auf weiterführende Hinweise konzentrieren, die in den Verhören gegeben werden.
Außerdem würde jede unvorsichtige Äußerung eines Beamten oder jeder öffentlich verbreitete Kommentar irgendeiner anderen Quelle das Gerichtsverfahren bedrohen. Wenn ein Verteidiger glaubhaft vorbringen kann, sein Angeklagter sei vor Beginn der Verhandlung vorverurteilt worden, muß das Verfahren vor Geschworenen eingestellt werden.
Um so mehr hat in London eine freimütige Darlegung des New Yorker Polizeichefs Kelly überrascht. In einem Vortrag vor New Yorker Geschäftsleuten, der am Donnerstag in London bekanntwurde, hatte Kelly ausgebreitet, die Selbstmordattentäter vom 7. Juli hätten Mobiltelefone als Zünder ihrer Sprengsätze benutzt.
Die Telefone seien auf einen Weckruf um 8.50 Uhr morgens eingestellt gewesen. Der Sprengstoff sei Hexamethylen Triperoxide Diamin (HMDT), hergestellt aus Chemikalien des alltäglichen Gebrauchs wie Haarbleichmittel, Zitronensäure oder Brenntabletten für Campingkocher. Die Täter hätten den Stoff in Leeds in großen Kühlschränken aufgehoben, in Getränkekühlboxen im Auto nach Luton gebracht und dann im Rucksack nach London getragen. Kelly erfuhr diese Einzelheiten von amerikanischen Beamten, die zur Beobachtung nach London entsandt worden waren. Er sagte, er veröffentliche sie im Einvernehmen mit Scotland Yard. Dort hieß es am Donnerstag überrascht, eine solche Absprache, sollte sie getroffen worden sein, wäre sehr ungewöhnlich.
Hussain Osman, der in Rom einsitzende mutmaßliche vierte Bomber des 21. Juli, behauptet Berichten italienischer Zeitungen zufolge, seine Bombe habe nur aus Mehl bestanden, und er haben die Leute nur erschrecken wollen. Ein britischer Polizeisprecher wies das als Unsinn zurück.
Der in Sambia festgehaltene Brite Haroon Rashid Aswat, der nach Großbritannien überstellt werden soll, wird hier nach wie vor nicht als der gesuchte Drahtzieher der Attentate betrachtet.
Die Deportation soll offenbar nur den amerikanischen Behörden erlauben, ihren Auslieferungsantrag fertigzustellen und diesen dann nach London zu schicken, nicht nach Sambia. Das FBI sucht Aswat wegen eines Vorfalls von 1999 und wegen der Aussage eines Häftlings, dessen Gefängnisstrafe dann von 25 auf zwei Jahre gemildert wurde. Die britische Polizei selbst hat nach Formulierung eines Sprechers nur ein gewisses Interesse, Aswat zu befragen, ob er etwas über die Anschläge wisse. In Großbritannien werde er nicht gesucht.
Text: FAZ.NET mit Material von Hr./AP
Bildmaterial: AP, REUTERS