26. Januar 2009 An diesem Montag suchen die EU-Außenminister eine Einigung über die Aufnahme von Guantánamo-Häftlingen.
Im F.A.Z.-Interview sprechen der ehemalige Militäraufseher Christopher Arendt und der frühere Häftling Moazzam Begg über ihre Zeit im amerikanischen Gefangenenlager.

Moazzam Begg, Sie waren in Guantánamo inhaftiert. Wann war das, und wie lange wurden Sie dort festgehalten?
Begg: Ich war von Januar 2002 bis Januar 2005 Gefangener der amerikanischen Streitkräfte. Ein Jahr davon verbrachte ich in der US Air Base im afghanischen Bagram, den Rest in Guantánamo.
Christopher Arendt, Sie dienten als Gefängniswärter in Guantánamo. Wann und wie lange?
Arendt: Januar bis Oktober 2004.
Gehörte Herr Begg zu den Gefangenen, die Sie zu bewachen hatten?
Arendt: Nein, er war in einem anderen Camp untergebracht.
Herr Begg, wie wurden Sie als britischer Staatsbürger zum Gefangenen des amerikanischen Militärs? Was warf man Ihnen vor?
Begg: Jeder Gefangene in Guantánamo gilt als mutmaßliches Mitglied von Al Qaida oder der Taliban, und so war das auch bei mir. Ich war zum Zeitpunkt meiner Festnahme zu Besuch bei pakistanischen Familienangehörigen in Islamabad - es handelte sich um ein regelrechtes Kidnapping vor den Augen meiner Verwandten.
Wer waren die Kidnapper?
Begg: Mir völlig unbekannte Personen, darunter offenbar auch Amerikaner. Ich nehme an, es handelte sich um Mitarbeiter des pakistanischen Geheimdienstes ISI und der amerikanischen CIA.
Wie kamen diese Leute auf Sie?
Begg: In der Zeit unmittelbar nach dem 11. September galt ja fast jeder irgendwie als verdächtig. Wahrscheinlich wurden auch falsche Informationen vom britischen an den amerikanischen Geheimdienst übermittelt. Vielleicht hat mich auch irgendjemand denunziert; damals wurde ja viel Geld für jeden Hinweis gezahlt, und zwar völlig unabhängig vom Wahrheitsgehalt.
Herr Arendt, wie kamen Sie als Aufseher nach Guantánamo?
Arendt: Ich war Mitglied der Army National Guard, genauer gesagt: Charlie 1st of the 119th Field Artillery. Und dieses Bataillon war vom Pentagon zum Einsatz nach Guantánamo abkommandiert worden. Ich selbst hatte mich für sechs Jahre bei der Armee verpflichtet.
Wie alt waren Sie, als Sie in Guantánamo Dienst taten?
Arendt: Da war ich 19.
Herr Begg, wurden Sie als Häftling gefoltert?
Begg: Ja, und zwar mit fast jeder denkbaren Methode: Schläge, Tritte, Schlafentzug, Lärm, Attacken mit Hunden, Drohungen in Bezug auf meine Frau und meine Kinder . . .
Welches war die schlimmste Erfahrung?
Begg: Die schlimmste Erfahrung war es, miterleben zu müssen, wie andere Gefangene zu Tode geprügelt wurden. Zeuge von Folterungen zu sein und nichts dagegen unternehmen zu können, das ist schlimmer, als selbst gefoltert zu werden.
Herr Arendt, wurden Sie während Ihrer Zeit in Guantánamo Zeuge von Folterungen?
Arendt: Ja, definitiv. Allerdings handelte es sich überwiegend um psychologische Folter. Ich erlebte jedoch auch Gefangene, die stundenlang in unangenehmen Positionen verharren mussten, die am Schlaf gehindert wurden . . .
Haben Sie je selbst Folter angewendet oder wurden dazu aufgefordert, es zu tun?
Arendt: Ich halte es eigentlich schon für eine Folter, Menschen unter diesen Bedingungen in einem solchen Lager festzuhalten - ohne klare Anklage, ohne Zugang zu juristischem Beistand, ohne Aussicht darauf, sich verteidigen zu können. So gesehen, war ich an Folterungen beteiligt, allein indem ich für dieses System gearbeitet habe. Es gab aber auch konkrete Fälle körperlicher Misshandlung, an denen ich beteiligt war.
Herr Begg, haben Sie körperliche oder seelische Schäden von Ihrer Gefangenschaft zurückbehalten?
Begg: Ich glaube, es gibt niemanden, den eine solche Erfahrung nicht traumatisieren würde. Man kann danach nicht einfach weiterleben wie vorher. Das gilt auch für mich. Ich möchte da aber nicht ins Detail gehen.
Herr Arendt, was war Ihre schlimmste Erfahrung in Guantánamo?
Arendt: Es gibt da keine einzelne schlimmste Erfahrung. Guantánamo ist vielmehr eine einzige Ansammlung erschreckender Erlebnisse. Ich habe dort die schlimmste Zeit meines Lebens verbracht.
Haben Sie denn in Guantánamo wenigstens mit Kameraden über das Erlebte sprechen können?
Arendt: Nein, zumindest nicht, was Einzelheiten betrifft. Darüber redet man beim Militär nicht. Und wenn ich offen und ehrlich über meine Empfindungen gesprochen hätte, wäre ich mit Sicherheit scharf kritisiert worden. Jedes Mal, wenn ich mich dem Thema auch nur näherte, stand ich allein gegen alle anderen.
Herr Begg, hatten Sie als Häftling manchmal den Eindruck, dass der eine oder andere Wärter Gewissensprobleme bei seinem Job hatte?
Begg: Auf jeden Fall. Ich habe Wärter erlebt, die sich weigerten, einen hochbetagten Gefangenen in die Mangel zu nehmen. Andere unterhielten sich in meiner Anwesenheit darüber, wie wenig sie für diesen sogenannten Krieg gegen den Terror übrighatten und wie sehr sie George Bush hassten. Dass sie nicht zur Armee gegangen seien, um wehrlose Menschen zu misshandeln. Besonders, nachdem die Schreckensbilder aus dem Gefängnis von Abu Ghraib an die Öffentlichkeit gelangt waren, wurde vielen klar, dass der Ruf der Streitkräfte weithin ruiniert war. Ich selbst habe ja über die Zustände in Abu Ghraib vom Wachpersonal erfahren.
Herr Arendt, wie wurden Sie auf Ihren Einsatz in Guantánamo vorbereitet?
Arendt: Mir wurde vorher nur gesagt, dass dort ein Gefängnis ist, in dem sich Terroristen befinden. Als wir schließlich in Guantánamo eintrafen, bekamen wir unsere jeweiligen Aufgaben zugewiesen. Und es hieß immer wieder, die Insassen seien die Schlimmsten der Schlimmen, unmittelbar verantwortlich für den 11. September.
Wann haben Sie erste Zweifel bekommen?
Arendt: Sehr bald. Denn selbst, wenn jeder von denen ein Terrorist gewesen wäre, hätte er ja dennoch das Recht auf ein ordentliches Verfahren haben müssen. Ab einem gewissen Punkt glaubt man dann einfach gar nichts mehr, was einem bei der Armee erzählt wird.
Haben Sie in Guantánamo das Vertrauen in Ihr Land oder in dessen Regierung verloren?
Arendt: Ich habe jegliches Vertrauen in die Regierung verloren. Und den Glauben daran, dass sie die amerikanische Bevölkerung tatsächlich beschützen will. Ich war einfach empört und angewidert, wie der Präsident und seine Leute auf Werten herumtrampelten, die für die Generation meiner Großeltern noch heilig gewesen waren.
Herr Begg, hätten Sie es für möglich gehalten, dass das, was Ihnen widerfahren ist, ausgerechnet in einer der ältesten Demokratien der Welt geschieht?
Begg: Ich war ja vorher noch nie in den Vereinigten Staaten gewesen, Amerika kam gewissermaßen zu mir. Und ich hatte auch schon vorher wegen der Israel-Politik meine Schwierigkeiten mit den USA. In Guantánamo habe ich aber Abgründe erlebt, von denen ich wahrhaft nichts ahnte.
Hat Ihre Gefangenschaft Sie politisiert?
Begg: Auf jeden Fall. Ich habe zum Beispiel eine ganz andere Sensibilität dafür entwickelt, wie wichtig es ist, die Regierenden eines Landes effizient zu kontrollieren. Ich habe gelernt, wie schnell es geht und wie gefährlich es ist, ganze Gruppen von Menschen zu dämonisieren. Die Islamophobie ist ja nur ein Beispiel dafür.
Herr Begg, was hat eigentlich zu Ihrer Entlassung aus der Haft in Guantánamo geführt?
Begg: Das weiß ich bis heute nicht.
Was passierte, als Sie wieder in Ihrer britischen Heimat waren?
Begg: Ich war frei und konnte zu meiner Familie, die ich immerhin drei Jahre lang nicht sehen durfte. Meinen jüngsten Sohn hatte ich ja noch überhaupt nie zu Gesicht bekommen.
Ansonsten gab es keine Erklärungsversuche - von amerikanischer oder britischer Seite?
Begg: Null.
Herr Arendt, was hat Sie bewogen, öffentlich über Ihre Erlebnisse in Guantánamo zu berichten?
Arendt: Ganz einfach die Tatsache, dass niemand darüber sprach und in den Medien kaum etwas Wahres darüber berichtet wurde.
Herr Arendt, Herr Begg, wie war das, als Sie einander zum ersten Mal trafen - der ehemalige Wärter und der ehemalige Gefangene?
Arendt: Ich war bei unserem ersten Treffen völlig überwältigt. Ich glaube, es wird noch eine ganze Zeit dauern, bis ich die richtigen Worte dafür finde.
Begg: Ich hatte vorher schon einen Auftritt von Chris im Internet gesehen und daraufhin ein paar E-Mails mit ihm gewechselt, weil ich ihn näher kennenlernen wollte. Ich bin einfach davon überzeugt, dass wir gemeinsam mehr ausrichten können als jeder für sich allein.
Wie würden Sie Ihr Verhältnis zueinander charakterisieren?
Begg: Wir sind uns zwar erst vor gut einer Woche zum ersten Mal persönlich begegnet, aber ich würde Chris trotzdem schon als einen Freund bezeichnen.
Arendt: Mir geht es genauso. Ich kann auch viel von meiner eigenen Persönlichkeit in Moazzam erkennen. Und ich bewundere seine Kraft und seinen Mut.
In dem Moment, wo wir miteinander reden, wird der neue amerikanische Präsident in sein Amt eingeführt. Glauben Sie, dass sich die Dinge unter Barack Obama verändern werden?
Arendt: Natürlich wird sich etwas verändern - so ist eben der Lauf der Zeit. Ich bin auch davon überzeugt, dass Obama kein schlechter Mann ist. Aber mein grundsätzliches Misstrauen in die Politik bleibt bestehen. Es würde ohnehin nicht reichen, einfach nur seine Hoffnung in den neuen Präsidenten zu setzen. Viel wichtiger wäre es, dass wir Amerikaner einfach mal grundsätzlich unseren Lebensstil überdenken.
Begg: Das sehe ich genauso. Wir leben bekanntlich in Zeiten der unmittelbaren Bedürfnisbefriedigung, und da ist die Versuchung groß, auf Obama zu setzen und zu glauben, mit ihm wird plötzlich alles gut. So einfach ist es aber nicht. Die Amerikaner brauchen einen neuen Blick auf sich selbst und auf den Rest der Welt.
Herr Arendt, hatten Sie in Guantánamo je das Gefühl, Schuld auf sich zu laden?
Arendt: Jeden einzelnen Tag.
Das Gespräch führte Alexander Marguier. Mitarbeit Dirk Laabs.
Text: F.A.S.
Bildmaterial: Frank Röth, picture-alliance/ dpa/dpaweb