27. August 2006 Die Bundesanwaltschaft geht bei ihren Ermittlungen zu den fehlgeschlagenen Bahnanschlägen vielen möglichen Spuren nach. Die Ermittlungsansätze würden in den kommenden Tagen ausgewertet, sagte Generalbundesanwältin Monika Harms am Samstag abend in der ARD. Man hoffe auch auf Ergebnisse von Vernehmungen im Libanon. Ich schließe es nicht aus, daß es noch weitere Beteiligte gibt.
Zuvor hatte der Ermittlungsrichter beim Bundesgerichtshof (BGH) im Zusammenhang mit den gescheiterten Bahn-Attentaten gegen einen dritten Verdächtigen Haftbefehl erlassen. Gegen den 23 Jahren alten Syrer Fadi A.S. bestehe der Verdacht der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung, des versuchten Mordes und des versuchten Herbeiführens einer Sprengstoffexplosion, wie die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe mitteilte.
A.S. war am Freitag in einem Konstanzer Studentenwohnheim festgenommen worden. Nach den Erkenntnissen der Ermittler recherchierte er mit dem in Kiel verhafteten Youssef Mohamad E.H. im Internet nach Anleitungen zum Bau von Bomben, wie die Bundesanwaltschaft mitteilte. Gemäß diesen Anleitungen wurden demnach die Kofferbomben zusammengebaut, die am 31. Juli zeitgleich explodieren sollten.
Außerdem soll der Mann seinen mutmaßlichen Mittätern bei ihrer Flucht über die Türkei und Syrien in den Libanon geholfen haben. Die Behörden stützen ihren Verdacht im Wesentlichen auf die Aussage des im Libanon festgenommenen Jihad Hamad. Diese Informationen seien mit Ermittlungen im Umfeld von E.H. bestätigt worden. Der Verdächtige war am Samstag nachmittag mit einem Hubschrauber von Konstanz nach Karlsruhe gebracht und einem Bundesrichter vorgeführt worden.
Kontakte zu Al Qaida?
Um den Vorwurf der Bildung einer terroristischen Vereinigung zu erfüllen, sind mindestens drei Personen nötig, die sich für eine gewisse Dauer zusammengeschlossen haben müssen. Ein vierter Verdächtiger war am Freitag im Libanon festgenommen worden.
Neben der Verwicklung der mutmaßlichen Täter in die versuchten Anschläge in Deutschland werden auch mögliche Verbindungen zum Terrornetz Al Qaida untersucht. Das Bundeskriminalamt geht bislang davon aus, daß die Verdächtigen einer in Deutschland operierenden Terrorzelle mit möglichen Verbindungen ins Ausland angehörten. Die Sicherheitsbehörden in Deutschland und im Libanon prüfen Verbindungen zur sunnitischen Fundamentalistengruppe Al Tahrir.
Hanning erwartet weitere Festnahmen
Im Zuge der Ermittlungen sind nach Angaben von Innenstaatssekretär August Hanning weitere Festnahmen von Verdächtigen möglich. Die Ermittlungen laufen, wir wollen die Hintergründe und Kontakte ausleuchten. Es ist gut möglich, daß weitere Festnahmen folgen, sagte Hanning der Zeitung B.Z. am Sonntag. Es sei sehr wahrscheinlich, daß die bislang festgenommenen Hauptverdächtigen Unterstützer hatten.
Laut Hanning sollen alle Festgenommenen in Deutschland vor Gericht gestellt werden, auch die im Libanon festgesetzten. Trotz der laut Hanning sehr guten Zusammenarbeit mit den libanesischen Behörden besteht aber noch keine Gewißheit, daß es tatsächlich zur Auslieferung der Verdächtigen kommt. Abgesehen davon gebe es rund 200 Ermittlungsverfahren der Bundesanwaltschaft im Zusammenhang mit islamistischem Terror und nach Erkenntnissen des Verfassungsschutzes zirka 100 Gefährder, bei denen eine gefährliche Radikalisierung nicht auszuschließen ist.
Verhöre in Beirut
In Beirut konzentrierten sich die Vernehmungen auf einen 24jährigen aus Akkar im Nordlibanon, der dort ebenfalls am Freitag festgenommen worden war. Wie es aus libanesischen Justizkreisen hieß, wurde der Mann auf Grund von Aussagen von Jihad H. festgenommen. H. hatte sich am Donnerstag selbst gestellt. In einem Teilgeständnis gab er zu, daß er einen der Bombenkoffer in einen Regionalzug der Deutschen Bahn gestellt, aber nichts über seinen Inhalt gewußt habe. (Siehe auch: Verdächtiger legt Teilgeständnis ab)
Der libanesische Staatsanwalt Said Mirsa traf am Samstag auch vier Stunden lang mit den in den Libanon gereisten deutschen Ermittlern zusammen. Der libanesische Innenminister Ahmed Fatfat sagte, einer der Verdächtigen könnte möglicherweise mit Al Qaida in Verbindung gebracht werden. Aus libanesischen Sicherheitskreisen hieß es, einer der Festgenommenen mit dem Codenamen Hamsa sei Mitglied von Al Tahrir. Die im Libanon nicht verbotene Gruppe habe dort keine gewalttätigen Ziele. Einige vor allem in Dänemark und Schweden lebende Führer der Gruppe hätten jedoch vor kurzem damit begonnen, Leute in Deutschland anzuwerben. Sie hätten Verbindungen zu Al Qaida.
Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) hält die Terrorgefahr in Deutschland trotz rascher Fahndungserfolge keineswegs für gebannt. Wir würden einen Fehler machen, wenn wir uns jetzt zurücklehnen würden, sagte er den Lübecker Nachrichten. (Siehe auch: Terrorgefahr: Schäuble will mehr Sicherheit)
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: dpa