Afghanistan

Den Charakter des Einsatzes besichtigen

Von Stephan Löwenstein, Kundus

31. Januar 2008 Grotesk aufgerissen ist die metallene Wandhülle, wo die Rakete eingetreten ist. Daneben ist in dem Kantinenraum des Feldlagers Kundus eine längliche Ausbeulung zu sehen, als hätte eine Wühlmaus darunter einen Gang gegraben, bis ein zweites Loch dort klafft, wo der Gefechtskopf wieder aus der Wand gefahren ist. Dann ist er abgeprallt und endlich, ohne detoniert zu sein, zu Boden gefallen. Etwas kryptisch wirken die zwei aufgeklebten Schilder, die über der ausgebeulten Stelle hängen: „Afghanistan“ und „Deutschland“. Zwei Uhren, die die jeweilige Ortszeit anzeigten, sind bei dem Einschlag heruntergefallen.

Dass sonst nichts passiert ist bei dem Angriff Ende November, ist schieres Glück, wie es die Truppen dort oben auf dem Plateau insgesamt gehabt haben. Mehr als 30 Raketen sind seit vergangenem Herbst dorthin abgefeuert worden, wo sich neben dem Bundeswehrcamp Einrichtungen der afghanischen Streitkräfte, der amerikanischen Sicherheitsfirma Dyncorps, amerikanischer Drogenbekämpfungseinheiten sowie der Flugplatz von Kundus befinden. Die Raketen russischer oder chinesischer Herstellung werden von den Angreifern nicht aus entsprechenden Werfern verschossen, sondern auf primitive Holzgestelle oder gar nur Erdhäufchen gelegt und mit einer Batterie gezündet.

„Erfahrung vor Ort ist etwas anderes“

Entsprechend ungezielt ist das Feuer, und zudem ist das Material offenbar von schlechter Qualität, wie die nicht explodierte Granate im Speisesaal zeigt. Doch auf die leichte Schulter wird der Beschuss nicht genommen. Gerechnet hatte man damit offenbar nicht, als das Feldlager für das deutsche Provinzwiederaufbauteam (PRT) aus dem Stadtzentrum hoch aufs Plateau verlegt wurde. Jedenfalls werden in einigen Unterkünften die schönen großen lichtdurchlässigen Fenster wieder zugemauert. Man darf annehmen, dass auch aktive Gegenmaßnahmen in der Umgebung getroffen werden, doch Einzelheiten darüber wollen die Militärs begreiflicherweise nicht veröffentlichen.

Verteidigungsminister Jung hat direkt vor der durchbohrten Wand mit Soldaten aus dem PRT Erbseneintopf gegessen. Diesen Anblick, die Möglichkeit, die Einsatzrisiken mit den Fingern buchstäblich zu befühlen, und diese Gespräche wird er meinen, wenn er beim Resumee seiner zweitägigen Afghanistan-Reise sagt: „Die Erfahrung vor Ort ist noch etwas ganz anderes als die Erkenntnisse aus der Aktenlage oder aus Videokonferenzen.“ Man arbeite an Verbesserungen, um noch mehr Schutz der Feldlager zu gewährleisten. Jung spricht von „präventivem Handeln“.

Es gibt auch Konzepte der Rüstungsindustrie für Systeme, die anfliegende Geschosse „abschießen“ sollen; die Bundeswehr hat hier Prüfaufträge vergeben, etwa zur Überarbeitung eines Flugabwehrsystems namens „Skyshield“. Doch das muss erst in den kommenden Wochen bei Testschießen in der Türkei seine Tauglichkeit beweisen. Bis dann über eine Beschaffung dieses oder konkurrierender Systeme entschieden wird, wird erfahrungsgemäß noch einige Zeit vergehen - zu viel Zeit, finden Soldaten im Einsatz.

Zweifel an der „Panzerhaubitze 2000“

Symptomatisch für die innenpolitische Debatte ist diese Einzelfrage in mancherlei Hinsicht. Ein Mittel, um sich gegen solche Angriffe zur Wehr zu setzen, könnte es beispielsweise sein, Artillerie einzusetzen. Die Niederländer haben das in den Auseinandersetzungen mit den Aufständischen im Süden Afghanistans gemacht, sie haben - unter anderem dazu - seit 2006 die von deutschen Rüstungsschmieden hergestellte „Panzerhaubitze 2000“ im Einsatz. Der Bundeswehrgeneral Kasdorf, ein Jahr als Stabschef im Hauptquartier der Afghanistan-Schutztruppe Isaf in Kabul eingesetzt, wies kürzlich darauf hin.

Ähnlich der ehemalige Generalinspekteur Kujat, der jetzt in Radiointerviews Ausrüstungsmängel beklagte: Unter anderem fehlten Waffensysteme, mit denen man einen Gegner auf größere Distanz bekämpfen könne, ohne dass man selbst in die Reichweite seiner Waffen komme. Es gibt Soldaten, die die Tauglichkeit der Panzerhaubitze für den Feldlagerschutz bezweifeln: Erstens könne die primitive Raketenstellung erst nach dem Abschuss aufgeklärt und bekämpft werden, und dann seien die Angreifer über alle Berge. Zweitens könnten die Angreifer ihre Stellung bewusst so wählen, dass bei der Bekämpfung durch Steilfeuer Zivilpersonen getötet würden.

Politischer Eiertanz um Afghanistan-Einsatz

Innenpolitisch aber ist der Einsatz einer Panzerhaubitze nicht etwas, was dem technischen Für und Wider der Generäle überlassen würde. Eher klingt das so, wie der Grünen-Sicherheitspolitiker Winfried Nachtwei im Deutschlandfunk formulierte: „Auf der anderen Seite, wenn Herr Kujat schwere Waffen einfordert: na, na, na, na! Ich glaube, da hat er nicht mehr ganz richtig im Blick, um welche Art von Einsatz es im Norden, im Westen und im Zentrum geht.“ Wer dort schwere Waffen wie die Panzerhaubitze einsetzen wolle, „der würde dadurch den Charakter dieses Einsatzes völlig, völlig verändern und auf den Kopf stellen“.

Die politische Frage nach dem „Charakter dieses Einsatzes“ begleitete denn auch Jung auf seiner Reise in die Hauptstadt Kabul, zur deutschen Unterstützungsbasis in Mazar-i-Scharif und ins PRT Kundus. Just am Montagabend, als der CDU-Politiker aus dem Rheingau offenbar erschöpft von den Aufregungen der hessischen Landtagswahl und den folgenden Gremiensitzungen in Berlin und im Taunus das Flugzeug bestieg, ging im Verteidigungsministerium die Bitte der Nato ein, vom kommenden Sommer an die Schnelle Eingreifreserve (Quick Reaction Force, QRF) für die Nordregion zu stellen. Die norwegischen Streitkräfte, die diese rund 250 Mann in den vergangenen beiden Jahren gestellt hatten, werden dann andere Aufgaben übernehmen.

Dass die Sache auf Deutschland zulaufen würde, das den Regionalkommandeur der Nato im Norden stellt, war schon im vergangenen Herbst von Generalinspekteur Wolfgang Schneiderhan signalisiert worden - vielleicht auch deshalb schon so früh, um möglichen anderen Ansinnen aus der Nato den Wind aus den Segeln zu nehmen. Dennoch wurde daraus dann ein politischer Eiertanz, die Aufgabe wurde nicht „offensiv“ auf einer Truppenstellerkonferenz übernommen, sondern es wurde diese Anfrage abgewartet, um dann gleichsam dazu gedrängt zu werden. Groß war auch das Bemühen, die Formulierung „Kampfeinsätze“ zu vermeiden, die einer Eingreiftruppe bevorstehen könnten.

Unterrichtung über Folgeoperation „Vier Jahreszeiten“

Entsprechend groß auch die Empörung Jungs und führender Soldaten über Bernhard Gertz. Der Oberst und Vorsitzende des Bundeswehrverbands hatte gesagt, es sei zu befürchten, dass Soldaten „in Holzkisten zurückkommen“, wenn sie gegen Taliban kämpfen müssten. Dabei bezog sich die Empörung vor allem auf die drastische Formulierung. Jung selbst sprach von „Gefahr für Leib und Leben“, der die Soldaten ohnehin ausgesetzt seien, wie schließlich auch die Zahl von 26 Kameraden zeige, deren Tod bisher schon im Afghanistan-Einsatz zu beklagen war.

Eingesetzt war die bisherige norwegische QRF beispielsweise in der Operation „Yolo 2“, als Ende vergangenen Jahres Extremisten bekämpft wurden, die sich in Dörfern an der Grenze der Nato-Sektoren Nord und West festgesetzt hatten. Ausführlich unterrichtet wurde allerdings außerhalb der geheimen Lagevorträge lieber über die Folgeoperation mit dem blumigen Namen „Vier Jahreszeiten“. Da waren in diesem katastrophal kalten Winter die Isaf-Soldaten - wie schon in „Yolo 2“ gemeinsam mit afghanischen Regierungssoldaten - in diese Region aufgebrochen, um Lebensmittel und Decken gegen die äußerste Not zu verteilen.

Auch wenn das Biwakieren im Zelt bei Temperaturen unter zwanzig Grad minus zweifellos kein Erholungsurlaub war, erzählen die Soldaten gern davon: von den dankbaren Gesichtern, aber auch vom kameradschaftsförderlichen Zusammenrücken um der Kälte zu begegnen. Das ist begreiflich, illustriert aber auch trefflich das Dilemma, das entsteht, wenn einerseits in der Außendarstellung die humanitären Aspekte in den Vordergrund gerückt werden, andererseits dann aber beklagt wird, dass in der Öffentlichkeit ein verzerrtes Bild vom Einsatz entstehe und bei der Übernahme einer Quick Reaction Force dieser und jener unsachgemäßerweise von einer „neuen Qualität“ spreche, obgleich doch der Minister in seinen Reden stets auch die bestehenden Risiken anspreche.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: REUTERS

FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche