Soziologe Sofsky

„Die Freiheit ist kein Idyll, sondern eine Aufgabe“

“Zum einen bestreite ich, dass Sicherheit überhaupt möglich ist“

"Zum einen bestreite ich, dass Sicherheit überhaupt möglich ist"

23. Juli 2007 Schrecken, Gewalt und Sicherheit sind die großen Themen des Soziologen Wolfgang Sofsky. Er seziert ihre Mechanismen und zieht, immer unerbittlich, die Konsequenzen für Denken und Handeln. Sofsky, 55, lehrte als Professor in Göttingen und Erfurt. Er arbeitet heute als freier Autor. Für „Die Ordnung des Terrors - Das Konzentrationslager“ erhielt er den Geschwister-Scholl-Preis. Am 22. August erscheint bei C. H. Beck sein neues Buch „Verteidigung des Privaten“. Im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung spricht Sofsky über Terrorgefahren, Kontrolle und die Verteidigung der Privatsphäre.

Herr Sofsky, selbst in der Führung von CDU und CSU herrscht Unverständnis über die Vorschläge von Innenminister Wolfgang Schäuble zur Terrorbekämpfung. Der Bundespräsident hat Kritik geäußert, die Bundeskanzlerin Distanz erkennen lassen. Funktionieren die Reflexe zur Verteidigung der Freiheit also doch?

“Zu großer Menschenfreundlichkeit besteht überhaupt kein Anlass“: Wolfgang So...

"Zu großer Menschenfreundlichkeit besteht überhaupt kein Anlass": Wolfgang Sofsky

Schön wär's. Ich bin sicher, dass Schäuble sehr viel mehr Zuspruch bekommen hätte, wenn er die Vorschläge anders verpackt und im Vorfeld besser abgestimmt hätte. Es ist ja nicht so, dass die Etatisten aller Parteien solche Maßnahmen nicht unterstützten. Er hat sie ungeschickt plaziert. Schäuble versteht sich als Speerspitze. Er testet aus, wie weit man zurzeit vorpreschen kann, und räumt damit präventiv ein Feld frei, das beim nächsten Mal umso rascher besetzt werden kann. Das gehört zu einer Politik der Gewöhnung von oben. In ein paar Monaten wird manches sukzessiv eingeführt worden sein.

Dann ist das Bild von Schäuble, das in den letzten Wochen entstanden ist, irreführend? Man hat ihn ja fast zu einer Art Fall stilisiert: der „Angstmach-Minister“, der auch noch im Rollstuhl sitze, also wegen seiner eigenen körperlichen Schwäche die Schwächen des Staates umso weniger ertrage.

Er steht überhaupt nicht alleine da. Bei der Online-Überwachung ist man schon fast einer Meinung. Gemeinsam ist der Trend, Notstandssituationen, Ausnahmezustände per Gesetz vorausschauend ausdefinieren zu wollen. Das ist absurd. Vorsorge ist uferlos. Die Geschichte hält immer Überraschungen bereit. Und die Extremisten wären schwache Feinde, wenn sie sich nicht etwas Neues einfallen ließen oder durch Online-Überwachung beeindruckt wären. Sie werden wieder zu alten Formen der Nachrichtenübermittlung übergehen, Kuriere schicken, Termine absprechen, wie es die Tupamaros in Uruguay in den siebziger Jahren getan haben: Keiner kannte den anderen, man traf sich am Tatort zu einer bestimmten Uhrzeit, verständigte sich mit ein paar Zeichen, dann ging es los. Dazu braucht man kein Internet. Wenn Extremisten einen Anschlag vorhaben, schaffen sie es auch mit den einfachsten Mitteln.

Der „große Lauschangriff“ war in den neunziger Jahren noch ein Skandal. Jetzt hält es kaum noch jemand für nötig, das Private zu verteidigen. Wie kommt das? So bedroht können wir uns vom Terror doch gar nicht fühlen?

Konservative würden sagen, es sei ein Prozess der vernünftigen Gewöhnung. Natürlich gibt es eine Abstumpfung, und diese entspricht der politischen Salami-Taktik, Überwachung in kleinen, unauffälligen Schritten auszubauen. Demokratische Staaten sind ja keine sozialen Gemeinschaften, sondern Herrschaftssysteme. Demokratie heißt: Herrschaft einer politischen Elite im Namen des Volkes, manchmal für, manchmal gegen, aber immer über das Volk. Und jede Herrschaft hat die natürliche Neigung, die Observation der Untertanen auszudehnen. Das wird zeitweise durch den Rechtsstaat gezügelt, aber das Recht ist selbst nur ein Mittel der Macht. Nun gibt es etwas, was in Deutschland fehlt: ein antitotalitäres Bewusstsein. Wir hatten den Antikommunismus, wir hatten den verordneten Antifaschismus, aber wir haben keinen Antitotalitarismus, der auf beiden Augen scharf sieht. Obwohl auf deutschem Boden beide totalitären Regimes zu Hause waren, gibt es keine entwickelte Sensibilität für die Bedrohung der Freiheit. Ohnehin sieht die Freiheitstradition in Deutschland ziemlich übersichtlich aus. Kaum einer kennt die Schriften von Wilhelm von Humboldt. Alle verbinden mit seinem Namen den Universitäts- und Bildungsreformer. Dabei sind seine „Ideen zu einem Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staates zu bestimmen“ von 1792 eine frühe liberale Kampfschrift. In Deutschland war die liberale Tradition, anders als in England, übertüncht durch die Idee der nationalen Einheit.

Sie meinen, dass wir davon auch heute geprägt sind?

Wir sind noch immer ein staatsgläubiges Volk. Wir erwarten vom Staat, dass er uns ökonomisch versorgt - nicht nur im Notfall, sondern eigentlich immer. Wir möchten im Grunde alle gerne Staatsangestellte sein. Damit verbunden sind ökonomische Versorgungserwartungen, wie Einkommen und Rente, aber auch politische Schutzerwartungen: Der Staat soll uns vor allem Bösen bewahren. Ist er dazu nicht imstande, werden wir plötzlich ganz ängstlich.

Sie wenden sich gegen jede Panikmache, die nach immer mehr Überwachung ruft. In Ihrem Buch „Das Prinzip Sicherheit“ haben Sie den Mechanismus beschrieben, wie der Mensch, um der Freiheit willen, dem Zwang unterliegt, sich in selbstgeschmiedete Ketten zu legen. Da die Freiheit gefährdet ist, muss sie auch gesichert werden - durch Einschränkungen der Freiheit. Wie entkommt man dieser Dialektik?

Zum einen bestreite ich, dass Sicherheit überhaupt möglich ist. Zum anderen halte ich die Vorstellung, dass es eine Balance zwischen Sicherheit und Freiheit geben sollte, für grundlegend falsch. Die Erzkonservativen gehen ja sogar so weit, zu behaupten, dass wir nur in Freiheit leben könnten, wenn wir gesicherte Verhältnisse hätten; dass wir nur in die Oper gehen und ein Kunstwerk genießen könnten, wenn wir uns sicher fühlten. Bei ihnen ist Freiheit eine staatlich befriedete Idylle. In Wahrheit ist die Freiheit eine fortdauernde Aufgabe. Man muss sich für die Freiheit starkmachen, muss Konflikte riskieren, sie erkämpfen und verteidigen. Das ist eine Dauerbeschäftigung, die anstrengend ist. Den Irrglauben an die Sicherheit sollten wir schnell verabschieden. Es gibt begrenzte Sicherheiten, aber letztlich schützt uns niemand vor dem nächsten Terroranschlag. Daher müssen wir lernen, mit einem bestimmten Angstpegel umzugehen. Dazu muss man die Gefahren kennen und darf sie nicht verleugnen. Diese Stimmen findet man in der aktuellen Schäuble-Diskussion ja auch: es sei ja alles gar nicht so schlimm.

Es ist also schlimm?

Das wollte ich damit nicht sagen. In Deutschland sind in den letzten acht Jahren drei bis fünf Terroranschläge verhindert worden. Das ist eine überschaubare Gefahrenlage und spricht für eine gewisse Leistungsfähigkeit unserer Sicherheitsbehörden. Eins der Attentate verhinderte der Zufall, das der Kofferbomber. Das war pures Glück. Bei allen Diskussionen über Maßnahmen ist die Eintrittswahrscheinlichkeit entscheidend: Wie wahrscheinlich ist es, dass es zu einem Anschlag kommt? Wie wahrscheinlich ist es, dass wir in eine Situation staatlichen Notstands geraten, in dem die Rechtsordnung oder sogar die Existenz der Gesellschaft bedroht sind? Letzteres ist nach meiner Einschätzung ganz und gar ausgeschlossen. Ein Notstand ist nirgends in Sicht. Terroranschläge mittlerer Reichweite, sagen Experten, seien gut möglich. Aber was heißt das? Rechtfertigt es auch nur eine einzige Veränderung unserer Freiheitsrechte? Ich würde sagen nein. Aber es rechtfertigt eine Reform der operativen Aktivitäten unserer Geheimdienste.

Inwieweit sollte der Staat also intervenieren?

Da wir die Terroristen durch gesellschaftliche Kontrolle allein nicht erwischen, brauchen wir ein paar staatliche Behörden. Aber wir brauchen keine Gesetzesänderungen. Wir brauchen eine Polizei, die, anders als die alte preußische Polizey, nicht zugleich eine Wohlfahrts- und Hygienepolizei sein darf, sondern eine Ordnungsmacht im strengen Sinn. Terrorkrieger werden typischerweise durch Spezialkommandos und durch Geheimoperationen bekämpft. Die Infiltration des terroristischen Milieus durch Geheimdienste ist sicher die effektivste Prävention, die mit den Freiheitsrechten völlig vereinbar ist.

In Ihren Büchern loben Sie die Courage des Einzelnen. Wir schützen uns vor dem Terror nicht durch Kontrolle, sagen Sie, sondern durch Überwindung von Angst. Wenn der Wohlfahrtsstaat den Bürger aber zu dem gemacht hat, was er jetzt ist: sicherheitsbedürftig, ängstlich, kein Freund des Risikos - wie soll er sich da plötzlich risikofreudig verhalten?

Menschen ändern sich nur dann, wenn sie es müssen. Nehmen Sie viele jüngere Leute aus den neuen Bundesländern. Sie sehen, dass sie ihren Lebensstandard durch das Arbeitsplatzangebot vor Ort nicht bestreiten können. Also verlassen sie ihre Heimat und unternehmen etwas. Vor diesen Menschen habe ich jeden Respekt. Eine andere Spezies ist diejenige, die sagt: „Ich habe folgende Ansprüche, also erfüllt sie mir!“ Sie unternehmen nichts - einige sind im Dunkelfeld wie der Schattenwirtschaft aktiv. Für diese Aktivität gebührt ihnen ebenfalls Lob. Nur sollen sie es dann richtig machen und sich die Ansprüche an den Sozialstaat schenken.

Aber wie sieht es mit der Risikofreude im Fall terroristischer Bedrohung aus?

Ich dachte beim Lob der Courage etwa an die Haltung einiger Briten, die nach den Anschlägen in London mit steifer Oberlippe sagten: „Wir lassen uns von unserem Alltag nicht von den Terroristen abhalten.“ Das hat nichts mit Heldentum zu tun. Man soll nicht blind durch die Gegend laufen, sondern sich umsehen. Und wenn da ein herrenloser Koffer steht, kann man sein Mobiltelefon benutzen und Ordnungskräfte darauf hinweisen. Im Bewusstsein der Gefahr muss man seinen Alltag leben. Die Wahrscheinlichkeit eines Terroranschlags in Deutschland ist, wie gesagt, bisher gering, und es gibt keinen Grund, sich so aufzuführen, als bewegten wir uns im Fadenkreuz des internationalen Terrorismus. Wir gehen, etwa beim Autofahren, Tag für Tag Risiken ein, die sehr viel höher sind als die Terrorgefahr.

Die Bilanz, die Sie in Ihrem neuen Buch „Verteidigung des Privaten“ ziehen, ist niederschmetternd. Sie beschreiben zwei parallele Entwicklungen: die des Wohlfahrtsstaates als Versorgungsstaat, die mit einer Explosion der Datenerfassung einhergeht und die private Lebensführung aushöhlt. Und die des Sicherheitsstaates, der sich durch Extremismus zu immer mehr Kontrolle veranlasst sieht. Auch im Markt sehen Sie alles andere als einen Hort der Freiheit. Was Sie all dem entgegensetzen, sind am Schluss zwei Seiten, auf denen sie den Einzelnen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit herauslocken wollen. Ist der Mensch so vernunftbegabt, dass er Freiheit an die erste Stelle stellt?

Das ist keine Frage der Vernunft. Der erste Freiheitsimpuls ist ein körperlicher. Man will klare Luft atmen, sich nach allen Seiten bewegen können, sich keine Vorschriften machen lassen. Das ist ein unwillkürlicher Impuls, der einen zusammenzucken lässt, wenn sich eine fremde Hand auf die Schulter legt. Das muss nicht unbedingt der Staat, es können auch andere Subjekte sein. Viele Menschen haben diesen Impuls nicht. Sie sollen die anderen, die sich frei bewegen wollen, aber wenigstens in Ruhe lassen. Vielleicht geht es zuerst überhaupt um den Impuls, einfach in Ruhe gelassen werden zu wollen - von neugierigen Nachbarn, selbsternannten Moralaposteln, regelungswütigen Regierungen oder ehrgeizigen Meinungsmachern. Ich glaube am Ende auch nicht, dass es so schwierig ist, sein Leben in Freiheit zu führen. Man kann damit jeden Augenblick anfangen. Man kann sich nicht damit herausreden, man habe es nicht anders gelernt, stehe über Generationen in einer unseligen Tradition des Untertanengeistes und müsse sich verlassen auf die Tröstung der Religion und die Gaben des Staates. Machen Sie einfach kehrt! Schluss damit! Sie können mit dem eigenen Handeln jeden Moment anfangen.

Dann haben Sie am Ende doch ein positives Menschenbild?

Überhaupt nicht. Zu großer Menschenfreundlichkeit besteht überhaupt kein Anlass.

Aber Sie sprechen doch gerade vom optimistischen Glauben an die Handlungsfähigkeit.

Ja. Aber das heißt noch nicht, dass man mit seinem Handeln automatisch etwas Gutes tut. Freiheit bedeutet Abwesenheit von Ketten und Käfigen, Zwang und Bevormundung. Sie ist in diesem Sinne eine Schutzmaßnahme gegen fremde Übergriffe jeder Art. Weil wir verletzlich sind und wir dem Menschen alles Mögliche zutrauen müssen, auch wenig Erfreuliches, ist es wichtig, einen privaten Korridor zu haben, in dem andere einem nicht zu nahe kommen. Das ist das Gegenteil eines positiven Menschenbildes. Wer sich jemals eine gewisse Zeit mit Konzentrationslagern beschäftigt hat, der lernt: Man muss mit allem rechnen. Alles ist möglich. Dann legt man auf Defensive starken Wert.

Und man verteidigt das Private.

Ja. Wir haben in Deutschland keinen libertären Autor wie Henry Thoreau, der die Pflicht zum Ungehorsam verteidigt und, zumindest in Amerika, in der Bürgerrechtsbewegung viel gelesen wurde. Das war ein sehr staatsferner Mensch. Hierzulande findet man bei Ernst Jünger die Figur des Anarchen. Aber der jüngersche Anarch ist ein praktischer Konformist mit mentaler Reserve. Er versucht, als Solitär unter dem Regime hindurchzuschlüpfen, erfüllt aber jede Vorschrift. Freiheit ist der Gegenbegriff zur Macht. Wenn die alte Linke von Freiheit redet, geht es um etwas anderes. Da geht es um die Verteilung von Gütern oder um verstaatlichte Solidarität. Das hat mit Freiheit nichts zu tun. Freiheit ist Widerstand gegen Macht jeder Art. Deshalb muss man ihre Fahne am höchsten tragen.

Das Interview führte Julia Encke.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 22.07.2007, Nr. 29 / Seite 22
Bildmaterial: dpa, Wilder

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