Von Henning Hoff
27. Mai 2008 Viel sieht man nicht. Links steht eine Palme vor einer wüstengrauen Mauer, rechts ein Strommast. Im staubigen Hintergrund zeichnen sich Hochspannungsleitungen ab. Gegenstand: Sprengfalle. Kosten: 32 US-Dollar. Hersteller: Islamischer Staat Irak, heißt es in der arabischsprachigen Einblendung in der oberen Bildhälfte. Sekunden später taucht ein gepanzertes Fahrzeug der amerikanischen Armee auf. Gegenstand: Bradley-Panzer. Kosten: 3,2 Millionen US-Dollar. Hersteller: Vereinigte Staaten von Amerika, sagt die Einblendung, während das Bewegtbild kurz anhält. Dann zerfetzt die Bombe den Panzer. Triumphierend rechnet die Schlusseinblendung vor: Gesamtkosten: 3.200.032 US-Dollar.
Das Propaganda-Video der mit al Qaida liierten dschihadistischen Terrorgruppe Islamischer Staat Irak, auch bekannt als Al Qaida in Mesopotamien, gehört zu den subtileren des Genres. Die Botschaft ist dennoch simpel: Im asymmetrischen Krieg gegen diejenigen, die den Gotteskriegern als Kreuzzügler, Juden und Ungläubige gelten, können Terroristen billig töten und zerstören.
Medial Aufständische als technische Nachhut
Ein Großteil dessen, was von al Qaida und verbündeter, bewaffneter Gruppen durch ein System wandelnder Internet-Foren in Umlauf kommt, ist nicht sonderlich raffiniert, sagt der Medienanalyst Daniel Kimmage von Radio Free Europe/Radio Liberty, dem vom amerikanischen Kongress finanzierten Auslandsrundfunk der Vereinigten Staaten. Mehr noch: Nach Kimmages Erkenntnissen, der in seiner konzisen Studie Der al Qaida-Medien-Nexus(Al Quaida Media Nexus) und Verbreitungsmechanismen dschihadistischer Propaganda so anschaulich untersucht hat wie wenige vor ihm, sind die einst als mediale Aufständische verhalten Bewunderten in der Defensive.
Vor ein paar Jahren war ihr dezentralisiertes, aber bis zu einem gewissen Grad koordiniertes Netzwerk an vorderster Front der Entwicklung, sagt Kimmage, 2008 wirkt es etwas altmodisch. Das Medium Internet ist neue Richtungen gegangen, hin zu sozialen Netzwerken, zu Interaktivität und Nutzer-Beteiligung. Al Qaidas Medien verlieren vor diesem Hintergrund an Boden.
Besser als Amerika?
Es ist nicht lange her, dass der Propaganda der Islamisten Wunder zugetraut wurden. Die Vereinigten Staaten verlören den Medienkrieg gegen al Qaida, warnte der amerikanische Verteidigungsminister Donald Rumsfeld im Februar 2006: Unsere Feinde haben sich gekonnt angepasst, um Kriege im heutigen Medienzeitalter zu führen, aber wir nicht. Im November 2007 verkündete sein Nachfolger Robert Gates: Al Qaida ist besser darin, seine Botschaften über das Internet zu vermitteln als Amerika.
Kimmages Befund, der sich überwiegend auf Material aus dem Sommer 2007 stützt, lässt daran zweifeln. Nicht, dass der dschihadistische Terrorismus propagandistisch nichts zu bieten hätte. Das Material ist vielfältig und sehr genau auf die Interessen seines Publikums zugeschnitten, von kurzen Videos für Jugendliche, die auf Computern oder Mobiltelefonen abgespielt werden können, bis hin zu langen, theoretischen Traktaten.
Terror als Marke
Nach Kimmages Analyse machen Videos mit neun Prozent einen eher kleinen Teil aus, Texte überwiegen: Pressemitteilungen, in PDF-Format verbreitete Periodika, in denen sich Kampftexte mit Gedichten mischen, oder Bücher zu Ideologie und Strategie. Das Hauptaugenmerk liegt auf dem Irak (wo der Islamische Staat Irak und Ansar al-Sunnah aktiv sind), Afghanistan (Taliban), Nordafrika (Al Qaida im Islamischen Maghreb) und Somalia (Bewegung Junger Mudschahedin).
Großen Wert legt das Propaganda-Netzwerk auf Markennamen. Die ursprüngliche al Qaida um Usama bin Ladin ist die Einzige, die nach Kimmages Beobachtung kein eigenes Logo hat. Ansonsten versieht jede Terrorgruppe und deren jeweilige Produzenten, die sich Globale Islamische Medienfront, Echo des Dschihad Medien-Zentrum oder Scharfe Schwerter Medien-Institut nennen, ihr Material mit eigens hergestellten Symbolen und Slogans. Presseerklärungen sind dem Format nach denen des Pentagon nicht unähnlich.
Offene Quellen der Ideologie
Es geht darum, Medienpräsenz herzustellen und Zuverlässigkeit und Autorität zu suggerieren, sagt Kimmage, nach den Anschlägen vom 11. September 2001 entschied sich al Qaida bewusst dafür, zur globalen Marke zu werden. Darin war das Netzwerk erfolgreich, aber man darf nicht vergessen, dass dies vornehmlich virtuelle Existenzen sind. Einige dieser Gruppen gibt es in Wirklichkeit und vor Ort gar nicht in der Form, wie sie im Internet auftreten.
Wer jeweils dahinterstehe und wie viele sich al Qaidas Medienprodukte zu Gemüte führten, sei nur schwer abzuschätzen, meint Kimmage. Al Qaidas Ideologie ist auch eine 'open source‘ - verschiedene Leute arbeiten daran mit, Dutzende, vielleicht Hunderte. Anhaltspunkte für die Reichweite gebe es wenige. Das Verschicken von Videos via Mobiltelefon sei nicht zu messen. Zahlen für Online-Zugriffe aus Saudi-Arabien und Europa stünden bei solchen Untersuchungen in der Regel an der Spitze, bildeten oft aber nur die Stärke der jeweiligen Internet-Infrastruktur ab.
Al Quaida im Medienestablishment
Dennoch ist Kimmage überzeugt, dass al Qaidas mediales Netzwerk ins Hintertreffen geraten ist. Zum einen sei es Opfer des eigenen Erfolgs. Das Operieren mit Logos und Markennamen hat sie etablierter, aber auch langsamer und bürokratischer gemacht, sagt Kimmage, sie gehören zum Medien-Establishment, und das untergräbt ihren Nimbus als aufständische, revolutionäre, radikale Alternative. Auch der Neuigkeitswert nehme ab. Anfangs war man erstaunt, dass sich bin Ladin oder Ayman al Zawahiri von ihren Verstecken aus zu Wort melden können, aber nach dem zwanzigsten, fünfzigsten, hundertsten Statement ist es allenfalls eine kurze Notiz wert.
Zum anderen stellen die jüngsten Internettrends al Qaida vor Probleme. Mit größerer Interaktivität gibt man ein Stück Privatsphäre auf, sagt Kimmage. Das sei schon aus Sicherheitsgründen für die al-Qaida-Führungsriege inakzeptabel. Ein Bin-Ladin-Profil auf einer Website wie Facebook kann man sich allenfalls als Witz vorstellen. Zudem verliere al Qaida durch mehr Nutzer-Beteiligung die Kontrolle über die Botschaft, schon 2006 warnte eine Schrift vor nicht autorisierten al-Qaida-Propagandisten.
Freiheit des Netzes
Al Zawahiri rief im Dezember 2007 dazu auf, ihm online Fragen zu stellen. Vier Monate später, im April, erschienen die Antworten - was eine Ewigkeit im Internetzeitalter ist, sagt Kimmage. Der Effekt war mäßig. Auf die zentrale Frage: Warum tötet al Qaida Muslime? - erwiderte al Zawahiri sinngemäß: 'Das tun wir nicht, und falls doch, dann nur aus Versehen.‘ Für jemanden, der mit einer Terror-Organisation verbunden ist, dessen mörderische, auf öffentliche Wirkung zielenden Anschläge überwiegend innerhalb der islamischen Welt stattfinden und überwiegend muslimische Opfer fordern, ist das nicht sonderlich überzeugend. Kimmage sieht dies als Beispiel dafür, wie Interaktivität ideologische Schwächen entlarven kann.
Folglich plädiert der Analyst für die Freiheit des Internets vor allem in der arabischen Welt: Das allein würde al Qaida weiter untergraben. Ich bin sicher, es gibt viele Menschen, die ihre Stimme dagegen erheben wollen. Allerdings werde al Qaida nach einer Modernisierung streben. Auf welche Weise, ist mir nicht ganz klar, sagt Kimmage, aber ich bin sicher, sie denken in diesem Moment darüber nach.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa