Vier Explosionen

London ist einer Katastrophe knapp entgangen

Die Suche auch mit Spürhunden geht weiter

Die Suche auch mit Spürhunden geht weiter

22. Juli 2005 Nach den weitgehend gescheiterten Anschlagsversuchen vom Donnerstag hat in London am Freitag die Fahndung nach vier verhinderten Selbstmordattentätern begonnen. Medien berichteten, daß Ermittler in den drei betroffenen U-Bahnzügen und einem Bus insgesamt vier in Rucksäcken versteckte Sprengsätze gefunden hätten, die nicht richtig explodiert waren.

Die Sicherheitskräfte erhoffen sich schnelle Fortschritte bei den Ermittlungen, da die mutmaßlichen Attentäter unmittelbar nach ihren Anschlagsversuchen von anderen Menschen in der U-Bahn gesehen und zum Teil sogar verfolgt wurden. In der Hoffnung auf Fingerabdrücke oder andere Anhaltspunkte untersuchten Experten dazu die Bombenreste. Scotland Yard teilte mit, zwei zunächst festgenommene Personen seien nach Befragungen bereits am Donnerstag wieder freigekommen.

Die Zünder, nicht aber die Sprengsätze detonierten

Sichtblenden schirmen die Untersuchungen der Sicherheitskräfte ab

Sichtblenden schirmen die Untersuchungen der Sicherheitskräfte ab

In dem am Donnerstag attackierten Bus sei eine hochexplosive Bombe gefunden worden, die denen von vor zwei Wochen ähnlich sei, berichteten die Fernsehsender BBC und Sky News unter Berufung auf Sicherheits- und Geheimdienstkreise. Wegen eines starken Acetongeruchs hätten Fachleute zunächst einen Chemiewaffenanschlag befürchtet. Der Geruch sei jedoch entstanden, weil die Sprengkörper falsch gezündet worden seien.

Augenzeugen berichteten, sie hätten einen Knall gehört, der sie an ein Gewehr oder einen Korken erinnerte. Aus den Rucksäcken sei Rauch aufgestiegen. Experten zufolge deutet dies darauf hin, daß zwar die Zünder, nicht jedoch die Sprengsätze detonierten. Bei den versuchten Anschlägen wurde laut Polizei lediglich ein Mensch verletzt.

„Aus seiner Tasche kam eine kleine Rauchwolke“

Der Geschäftsmann Abisha Moyo sagte der Zeitung „Daily Mail“, er sei mit der U-Bahn nahe Shepherd's Bush unterwegs gewesen, als er einen lauten Knall gehört habe. Er habe einen jungen, ordentlich gekleideten Mann gesehen, der mit dem Gesicht nach oben auf einem Rucksack gelegen habe. „Seine Augen waren zu und aus seiner Tasche kam eine kleine Rauchwolke“, wird Moyo zitiert. Dann sei der Mann langsam zu sich gekommen und aus der U-Bahn geflohen.

Ähnliches erlebten Augenzeugen fast zeitgleich in U-Bahnen an den Stationen Oval und Warren Street. Ivan McCracken befand sich in einem Zug an der Warren Street, als Mitfahrer einen Mann mit einem explodierenden Rucksack sahen. „Es war eine schwache Explosion, aber stark genug, um den Rucksack aufzusprengen.“ Dann habe der Mann einen Ausruf von sich gegeben, als sei etwas falsch gelaufen. In dem Moment sei jeder aus dem Zug herausgerannt. Bei einem ähnlichen Zwischenfall am U-Bahnhof Oval nahmen einige Menschen die Verfolgung auf. Der mutmaßliche Attentäter konnte sich auf dem Bahnsteig losreißen, wurde außerhalb des Bahnhofs nochmals von einem Blumenhändler gepackt, konnte sich aber wiederum befreien und entkommen.

Es sei aber noch zu früh zu sagen, ob die Anschläge die Handschrift der Extremisten-Organisation Al Qaida tragen, sagte der Londoner Polizeichef Ian Blair am Donnerstag. Es sei zudem noch unklar, ob die Anschläge im Zusammenhang mit den Attentaten auf die Londoner U-Bahn und einen Bus am 7. Juli stünden, auch wenn es Parallelen gebe. Blair sagte auch, daß die Ermittlungen möglicherweise vor einem „bedeutenden Durchbruch“ stünden, da an den Tatorten wichtige Spuren gesichert worden seien.

„Zur Normalität zurückkehren“

Es sei ganz offensichtlich die Absicht der Attentäter gewesen „zu töten“. „So etwas macht man nicht mit einem anderen Ziel.“ Wichtig sei, daß die Terroristen nicht das erreicht hätten, was sie beabsichtigten.

Die neuen Anschläge trafen die britische Metropole ins Mark. Zahlreiche U-Bahnstationen wurden vorübergehend evakuiert, in Panik geratene Fahrgäste aus den Waggons geholt. Das Regierungsviertel Whitehall wurde kurzzeitig abgesperrt.

Das Werk von Trittbrettfahrern?

Terrorismus-Fachleute sehen in der jüngsten Explosionsserie das Werk von Trittbrettfahrern. „Die vermeintlichen Anschläge wirken gegenüber den Selbstmordattentaten vor zwei Wochen dilettantisch“, sagte Jeremy Binnie vom Forschungsinstitut Jane's. „Wenn es Bomben gewesen sind, waren es Blindgänger.“ Anders als bei der Anschlagsserie vom 7. Juli, die 56 Menschen das Leben kostete, wurden am Donnerstag nach ersten Angaben keine Menschen getötet - die Kraft der Sprengsätze war offenkundig zu gering. Das allein sei allerdings noch kein Beweis, daß es sich bei den Tätern tatsächlich nur um Nachahmer gehandelt habe, sagte Binnie. „Die Ermittler haben nach den Anschlägen vor zwei Wochen gewarnt, eine zweite Terrorzelle könne zuschlagen.“

Keith Burnet vom Königlichen Institut für Außenpolitik sah die jüngsten Explosionen ebenfalls nicht als weiteren Terrorakt: „Alles deutet auf das Werk von Trittbrettfahrern hin. Die Täter waren lange nicht so versiert wie am 7. Juli.“

Reaktionen aus dem Ausland

EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso forderte nach den neuen Anschlägen in London die Europäische Union auf, bereits gefällte Entscheidungen im Kampf gegen den Terrorismus „ohne Verzögerung“ in die Tat umzusetzen. Barroso sagte am Donerstag, es sei nun vor allem wichtig, alles zu tun, um die Radikalisierung junger Menschen zu verhindern. „Wir sind zutiefst schockiert von der Nachricht über die neuen Explosionen.“

Der amerikanische Präsident George W. Bush wurde nach Angaben seines Sprechers Scott McClellan ständig über die Vorgänge in London informiert. Vertreter aus Afghanistan, Irland, Italien, Marroko und der Türkei verurteilten die Anschläge. Die internationalen Börsen in London, New York und Frankfurt reagierten nach einer Schrecksekunde ruhig auf die Anschlagsmeldungen. Der Flugverkehr zwischen Frankfurt und London lief normal weiter. Hingegen verschärfte der Pariser Flughafen Roissy die Kontrollen von Fluggästen mit dem Ziel London.

Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AP, dpa/dpaweb, FAZ.NET, REUTERS

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