London nach den Anschlägen

Unbritische Veränderungen

Von Bernhard Heimrich, London

22. Juli 2005 An der Tür zu „The Queen's Arms“ lagern vier junge Männer mit Rucksäcken im Sonnenschein des Londoner Wochenendes. Das ist gleich dreimal verdächtig. Sie sind vier, die neueste Unglückszahl, sie sind jung, und sie haben Rucksäcke. Doch auf dem Pflaster vor ihnen stehen leere Biergläser. Das ist verwirrend.

Würden Märtyrer auf dem Weg ins Paradies Alkohol trinken? Wo doch so viele Jungfrauen oder weiße Trauben auf sie warten? Dieses Paradies läge auch noch gerade um die Ecke. Das Pub im Stadtteil South Kensington steht halben Wegs zwischen zwei U-Bahnhöfen der Picadilly-Linie. Deren Röhren liegen am tiefsten von allen. Sie wären der Hölle am nächsten oder dem Paradies. Doch die vier Rucksäcke sind nicht explodiert. Das ist beruhigend. Und niemand hat die vier jungen Männer angesprochen. Das ist britisch.

„...und sie sind englisch“

Die Frage, was verdächtig ist, was verwirrend und was beruhigend, verändert sachte das ganze britische Land. Einige Veränderungen sind vorerst unsichtbar. Das größte Opfer dieser Kategorie ist das sogenannte „Wimbledon-Phänomen“. Das Tennisturnier von Wimbledon und die Banken an der goldenen Meile der „City“ haben London seine besondere Statur gegeben. Die Banken sind aus aller Welt, viele ihrer Geldmenschen sind Ausländer, sie machen nur ihre Geschäfte hier. Die wichtigste internationale Tennismeisterschaft findet hier statt, aber die Spieler kommen ebenfalls fast alle von draußen.

Großbritannien ist ein Gastland, und London ist seine Hauptstadt. Etwas Ähnliches hatte für die Schattenwelt des internationalen Terrorismus gegolten. Dieser heile Schein ist vor zwei Wochen zerstoben. Jetzt bomben Attentäter auch in London, und sie sind englisch. Noch weniger fällt etwas anderes auf: Unversehens verändert sich auch der Blick auf andere Länder. Das betrifft vor allem Israel. Aus alter Tradition, die in der Mandatszeit wurzelt und von den Erfahrungen der verschiedenen Intifadas wiederbelebt wurde, betrachten Briten das Vorgehen der Israelis gegen Palästinenser mit einem Gefühl moralischer Überlegenheit, im Zweifelsfall auch mit Abscheu, in jedem Fall aber parteiisch. Seitdem die ersten vier britischen Selbstmordbomber die Londoner Unterwelt zur Hölle gemacht haben, ist das alles etwas fadenscheiniger geworden.

Tips aus Israel

Die Sicherheitsdienste auf beiden Seiten haben wahrscheinlich schon länger ohne falsche Scham miteinander gesprochen; aber auf einmal fragen sich jetzt auch andere, wie das eigentlich die Israelis machen: Die haben doch schon so lange Selbstmordbomber. Londoner konnten jetzt sogar in einer Lokalzeitung lesen, was ein Flugblatt der israelischen Polizei rät:

„Gehen Sie weg von jedem, der im Sommer einen Mantel anhat oder sonst unzeitgemäß gekleidet ist. Schauen Sie um sich nach Jugendlichen, die sich in eine Menge zu mischen suchen, zu der sie offenbar nicht gehören. Achten Sie auf unnatürlich dicke Hüften. Nehmen Sie sich in acht, wenn jemand vor Ihnen plötzlich anfängt, zu schwitzen, langsam zu gehen oder nervös an seiner Kleidung zu zupfen. Vor allem aber passen Sie auf, wenn jemand anfängt, mit sich zu murmeln. Das könnte sein Todesgebet sein.“ Dieses Flugblatt lernen israelische Kinder in der Schule.

Das Tabu hat noch Bedeutung

Die Vorstellung, in Londoner Klassen könnte so etwas auch bald eingeübt werden, ist exotisch. Doch praktische Folgerungen, die jetzt in der Polizei erwogen werden, hätten vor kurzem noch unbritischer ausgesehen. Es hat zu tun mit den Waffen. Der britische „Bobby“ ist nach wie vor unbewaffnet; das ist nicht nur sein Charme, sondern kann auf die verquere britische Weise auch Teil seines Schutzes sein. Nur Sondereinheiten haben Pistolen und Maschinenpistolen, und ihre Zahl wächst.

Als diese bewaffneten Einheiten zu IRA-Zeiten eingeführt wurden, lag oben auf dem Arsenal im Streifenwagen noch das ausgefüllte Testament der Sonderbeamten. Wer zur Waffe griff, sollte zuerst das Formular sehen, damit er wußte, auf was er sich einließ. Das Tabu hat noch immer Bedeutung. Selbst nach der zweiten Serie von Anschlägen haben U-Bahnpassagiere gesagt, die schrecklichste Erinnerung an den Donnerstag nachmittag sei, daß „auf einmal so viele bewaffnete Polizisten da waren“

Nur der Kopfschuß hilft

Es kann nicht lange dauern, dann wird das Tabu noch empfindlicher gebrochen. Denn die Erfahrung der israelischen Kollegen lehrt, daß gegen einen Selbstmordattentäter nur der Kopfschuß hilft. Das Wort allein muß in Scotland Yard und dem ganzen umgebenden Königreich die Haare zu Berge stehen lassen. Auch englische Polizisten haben ihre Waffen natürlich, um notfalls zu schießen; aber sie trainieren auf Körperschüsse und mit dem Ziel, den Gegner zu neutralisieren.

Zu den grausamen Wahrheiten der häßlichen neuen Welt gehört aber, daß ein Schuß in Brusthöhe einen Selbstmordbomber nicht neutralisiert, sondern ihn möglicherweise sogar „zündet“. Der Sprengsatz könnte erst recht losgehen. Die entsprechende Unterweisung britischer Einheiten hat vermutlich schon begonnen.

„Nur irgendein Geschäftsmann“

Auch ein politisches Tabu verblaßt weiter. Man spricht auch öffentlich fast schon ungeniert darüber, daß der britische Einsatz im Irak und die Anschläge daheim zusammengehören. Der Londoner Oberbürgermeister Livingstone hat den Bogen noch weiter geschlagen: Der Westen habe sich Al Qaida selbst geschaffen. „Diese besondere Art des Extremismus war vom Westen in Afghanistan gegründet worden. Usama Bin Ladin war nur irgendein Geschäftsmann, bis er von der CIA angeworben wurde. Wir haben uns nicht überlegt, daß sie anfangen würden, uns umzubringen, wenn sie einmal aufhören, Russen umzubringen.“

Die Verknüpfung mit dem Irak, die im Sinn Blairs und New Labours politisch extrem unkorrekt ist, hat sich mittlerweile auch in einer Denkschrift der Geheimdienste gefunden, die auf dem Umweg über die „New York Times“ in Großbritannien bekannt wurde.

„Blairs Bomben“

Das größte Sakrileg hat als erste sogar die Wochenschrift „New Statesman“ begangen, das Hausblatt New Labours. Am Freitag schreit vom Titelblatt die Schlagzeile: „Blairs Bomben“. Darunter liest man: „Ohne Blairs epische Verantwortungslosigkeit im Fall Irak würden die Londoner, die in der U-Bahn und im Bus gestorben sind, fast sicher heute noch am Leben sein.“

Dieses Magazin spricht freilich nicht für ganz New Labour, sondern gehört zur publizistischen Hausmacht des Schatzkanzlers Gordon Brown. Schon deshalb ist jeder neue Anschlag auch ein Anschlag auf Tony Blair.



Text: F.A.Z., 23.07.2005, Nr. 169
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa

 
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