Von Jochen Buchsteiner
07. September 2007 Dass die drei mutmaßlichen Terroristen, die nun in Deutschland verhört werden, in einem pakistanischen Lager ausgebildet worden sein sollen, regt dort kaum jemanden auf. Das Land wird in Atem gehalten von dem Zerfall der Regierung von Präsident Musharraf und den Schachzügen der Oppositionspolitiker im Exil. Zudem erlebt Pakistan fast täglich Anschläge auf eigenem Territorium, was einer gewissen Abstumpfung Vorschub leistet. Erst vor wenigen Tagen detonierten zwei Bomben in Rawalpindi, 25 Menschen kamen um.
Die Regierung bemüht sich unterdessen, eine Geiselnahme zu beenden, deren Dimension selbst für Pakistan ungewöhnlich ist: Annähernd 300 Soldaten sind seit einer Woche in der Gewalt militanter Islamisten. Der Tatort liegt dort, wo möglicherweise auch die beiden Deutschen und der Türke ihre Ausbildung als Terroristen erhielten: in Waziristan, der rebellischsten Region innerhalb der halbautonomen Stammesgebiete. Sollte es stimmen, dass die drei der Dschihad-Union angehören, dann spricht einiges dafür, dass sie in Nord-Waziristan ausgebildet wurden.
Unzählige Splittergruppen im Hinterland
Die Dschihad-Union gilt als Abspaltung der Islamischen Bewegung Usbekistans (IBU). Die Gruppe soll in Pakistan von einem Kommandeur namens Abu Hanifah geführt werden. Syed Saleem Shazad, der Pakistan-Korresponent der Zeitung Asia Times, zitierte am Donnerstag eine anonyme Quelle aus Nord-Waziristan mit den Worten: Abu Hanifah kommandierte 27 Türken, als er zum letzten Mal in Mir Ali gesehen wurde, und wenn die Leute, die in Deutschland festgenommen wurden, Teil der Al Qaida sind und gestanden haben, in Pakistan ausgebildet worden zu sein, dann können sie nur in Abu Hanifahs Lager ausgebildet worden sein.
Niemand kann sagen, an wie vielen Orten heute in Pakistan Terroristen ausgebildet werden und welche (Splitter-)Gruppen welches Lager unterhält. Viele Lager, die in den achtziger und neunziger Jahren vom pakistanischen Geheimdienst errichtet und mit amerikanischer Hilfe unterhalten wurden, sind nicht mehr intakt. Die staatlich geförderte Ausbildung von Gotteskriegern, die zunächst gegen die sowjetischen Besatzungstruppen in Afghanistan kämpften, später auch auf der anderen Seite der Grenze im indischen Teil Kaschmirs, ist offiziell eingestellt worden, nachdem sich Musharraf im Herbst 2001 dem Krieg gegen den Terror angeschlossen hatte.
Viele professionelle Mudschahedin zogen sich daraufhin in die Stammesgebiete zurück, die traditionell von Islamabad kaum kontrolliert werden. Dort trafen sie auf Gesinnungsgenossen, vor allem Taliban, die von den internationalen Truppen aus Afghanistan vertrieben worden waren. Auch Al Qaida soll in den Stammesgebieten eine neue Basis gefunden haben.
Gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen Militanten
Zwischen den verschiedenen militanten Gruppierungen gibt es immer wieder gewaltsame Auseinandersetzungen, insbesondere zwischen den einheimischen Paschtunen und arabischen oder usbekischen Extremisten von Al Qaida. Dabei wurden auch schon einzelne Ausbildungslager, die klein und beweglich sein und nicht viel mehr als zwei Dutzend Kämpfer gleichzeitig schulen sollen, zum Gegenstand dieser Streitigkeiten.
In den vergangenen Jahren wurden in den Stammesgebieten immer wieder Siedlungen und Gebäude bombardiert, die die pakistanische Regierung als Ausbildungslager für Terroristen identifiziert hatte. Nicht immer war klar, wer die Luftschläge ausgeführt hat. In manchen Fällen dürften die amerikanischen Streitkräfte von der afghanischen Seite aus tätig geworden seien. Islamabad bestreitet das. Auch ist unklar, ob immer die richtigen Ziele getroffen wurden. Oftmals beklagten Anwohner, dass überwiegend Zivilisten getötet wurden. Weil das Gebiet für unabhängige Journalisten nicht zugänglich ist, fehlen verlässliche Informationen.
Text: F.A.Z., 07.09.2007, Nr. 208 / Seite 2
Bildmaterial: dpa, F.A.Z.
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