Terrorfahndung

London verlangt Auslieferung des „vierten Bombers“ aus Rom

London ist auf der Hut

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01. August 2005 Großbritannien wird Italien an diesem Montag um die Auslieferung des sogenannten „vierten Bombers“ ersuchen, der am Wochenende in Rom festgenommen worden war. Die Überstellung des mutmaßlichen Terroristen Osman Hussain könnte sich allerdings verzögern. Beim italienischen Verhör hat er angegeben, seine Gruppe habe nichts zu tun mit den vier Attentätern des 7. Juli. Außerdem hätten die Anschläge vom 21. Juli keine religiösen Gründe gehabt, sondern seien der Erbitterung über den Krieg im Irak zuzuschreiben.

Die drei übrigen Hauptverdächtigen, die seit den jüngsten Londoner Razzien ebenfalls vollzählig in Haft sind, werden seit Freitag in der sichersten Londoner Polizeistation „Paddington Green“ vernommen. Die Befragung steht unter Zeitdruck, denn Scotland Yard fürchtet, eine dritte Zelle von Selbstmordattentätern bereite sich auf eine nächste Welle von Anschlägen vor.

Dalgarno Way, Nord-Kensington: Hier wurden Muktar Said-Ibrahim und Ramzi Mohammed festgenommen

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Bei den Ermittlungen zu den fehlgeschlagenen Anschlägen vom 21. Juli nahm die britische Polizei am Sonntag sechs weitere Verdächtige fest. Sie wurden bei Razzien in zwei Wohnungen in Sussex im Süden des Landes gefaßt, wie ein Polizeisprecher mitteilte.

Unbehelligt ins Ausland

Der in Rom inhaftierte Osman Hussain nennt sich auch Hamdi Isaac und wird von seinen britischen Freunden „Andrew“ gerufen. Er ist ein 27 Jahre alter Asylant aus Äthiopien, der die britische Staatsbürgerschaft erhalten hat.

Obwohl er einer der vier meistgesuchten Personen des Königreichs war, hatte er nach dem 21. Juli unbehelligt mit dem Zug aus London ins Ausland fahren können. Während die britische Polizei aus Rücksicht auf die britische Gerichtsbarkeit seit der Verhaftung schweigt, sind aus Italien Einzelheiten bekannt geworden. Offenbar hat Hussain gleich nach der Festnahme in einem südlichen Vorort Roms zu reden begonnen. Es wurde sogar die Vermutung geäußert, er wolle Kronzeuge werden, also einen Handel mit dem Staatsanwalt eingehen.

Absprache in Notting Hill

Sein Freimut kann aber auch ein Versuch sein, die Auslieferung an Großbritannien zu verzögern oder sich überhaupt nur in Italien vor Gericht stellen zu lassen. Seine Frau wurde mittlerweile in London verhaftet. In Haft sind auch zwei Brüder Osmans. Nach römischen Zeitungsberichten, die am Sonntag in London aufgegriffen wurden, berichtet Hussain Osman, er und seine Freunde hätten die versuchten Sprengstoffanschläge vom 21. Juli in einem Fitnesstudio in Notting Hill verabredet.

Das ist ausgerechnet derjenige Stadtteil Londons, der wegen des gleichnamigen Films in den vergangenen Jahren besonders schick und teuer geworden war. Nach Hussains Darstellung habe man sich dort getroffen, um über „Arbeit, Politik, den Krieg im Irak“ zu sprechen. Gebetet habe man nicht. Auch habe man nichts zu tun gehabt mit den Leuten, die die Anschläge vom 7. Juli verübt haben. Die Nachricht habe allerdings wie ein Zündfunke gewirkt. „Wir haben gefühlt, daß auch wir etwas tun sollten.“

Kein Kontakt mit Al Qaida?

Er und seine Freunde hätten Filme aus dem Irak betrachtet, „vor allem solche, in denen man sehen konnte, wie Frauen und Kinder von den englischen und amerikanischen Soldaten getötet und vernichtet wurden, oder weinende Witwen, Mütter und Töchter“.

Er beharrte aber darauf, daß die Bomben vom 21. Juli niemand hätten töten sollen. „Wir hatten etwas tun müssen. Wir mußten reagieren auf das Klima von Haß und Feindseligkeit, das nach dem 7. Juli entstanden war.“ Außerdem beteuert er: „Wir hatten niemals Kontakt mit der Organisation Bin Ladins. Wir wußten, daß es sie gab. Über das Internet hatten wir Zugang zu ihren Darstellungen, aber nichts Direktes.“

„Keine Verbindung zu den Pakistanis“

Desgleichen habe man nichts zu tun gehabt mit der ersten Welle der Attentate. „Wir haben keine Verbindung zu den Pakistanis.“ Im Unterschied zu den vier Attentätern vom 7. Juli, deren Familien überwiegend aus Pakistan stammen, kommen die vier Hauptverdächtigen der zweiten Serie aus Ostafrika.

Auch Verbindungen nach Saudi-Arabien werden verfolgt, denn in einem der letzten Anrufe vor der Festnahme soll Hussain eine saudische Nummer gewählt haben. Anders als die jüngsten Verhaftungen in London erlaubt Hussains Verhaftung in Rom den beteiligten Polizeikräften nur einen gemischten Triumph. Denn der Gesuchte, dessen Name und Foto an den vier obersten Stellen aller europäischen Fahndungslisten steht, hatte sogar fünf Tage nach den Anschlägen offenbar ohne Schwierigkeiten von London aus mit einer Fahrkarte quer durch Europa reisen können, ohne aufzufallen.

Ohne aufzufallen, Paßkontrolle passiert

Er wurde in Rom auch nur aufgespürt, weil er immer sein Mobiltelefon benutzte, auf dessen Nummer die britische Polizei rechtzeitig durch Zufall aufmerksam geworden war und dessen Route sie nachverfolgen konnte. Hussain Osman war am vergangenen Dienstag in Londons Waterloo-Bahnhof mit dem „Eurostar“ nach Paris gefahren, dann über Mailand nach Rom gereist, wo sein Bruder wohnt. Im Unterschied zu den Autozügen und Kanalfähren gehen im Bahnhof Waterloo seit vorigem Jahr Ausreisende nicht mehr durch eine gesonderte britische Paßkontrolle; statt dessen kontrollieren nur französische Beamte vorweg die Einreise nach Frankreich.

Es ist nicht bekannt, ob der Passagier ihnen etwa gefälschte Papiere gezeigt hat. Aus Italien wurde gemeldet, er habe gefälschte somalische Papiere benutzt, als er vor fünf Jahren in Großbritannien politisches Asyl erhielt. Jedenfalls habe Hussain Osman früher einmal mit Angehörigen in Italien gelebt und spreche fließend Italienisch. Eine italienische Aufenthaltsgenehmigung sei 1996 ausgelaufen. Seither habe er mit einer Frau und drei Kindern in London gelebt, und zwar in der Nähe der U-Bahnstation Stockwell, in der kürzlich versehentlich ein junger Brasilianer von der Polizei erschossen worden war.

Ostafrikanische Herkunft der Verdächtigen

Die Namen der drei anderen in London einsitzenden Hauptverdächtigen der Ereignisse des 21. August werden angegeben mit Ramzi Mohammed, Alter unbekannt, ostafrikanischer Herkunft; Muktar Said Imbrahim, 27 Jahre alt, naturalisierter Brite aus Eriträa; und Yasin Hassan Omar, 24 Jahre alt, aus Somalia, der schon früher in Birmingham verhaftet worden war.

Auch ein mutmaßlicher „fünfter Bomber“ war am Freitag aufgegriffen worden, Ramzi Mohammeds Bruder Wahbi Mohammed. Ihm war möglicherweise der Sprengsatz zugeteilt, den die Polizei unbeschädigt und ungezündet in einem Park gefunden hatte. Auch elf andere Verdächtige sind noch in Haft. 17 unter Terrorverdacht Festgenommene wurden inzwischen wieder freigelassen.

Inzwischen werden in London nur noch solche statistischen Angaben freigebig an die Presse verteilt. Bei allem anderen sind die Polizei und die Medien sehr vorsichtig geworden. Denn die Polizei ist seit den Verhaftungen nicht mehr so dringend auf die Mithilfe der Öffentlichkeit angewiesen, und jeder Anschein einer öffentlichen „Vorverurteilung“ würde einen Geschworenenprozeß unmöglich machen. Die Angeklagten müßten freigelassen werden.

Text: Hr.. F.A.Z.
Bildmaterial: AP, dpa/dpaweb, FAZ.NET, picture-alliance/ dpa/dpaweb, REUTERS

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