06. September 2007 Kurz nach Mittag beginnen Fritz G., Daniel S. und Adem Y. in ihrem gemütlichen Ferienhäuschen im Hochsauerland damit, aus Wasserstoffperoxid und anderen Zutaten eine Bombe zu basteln, wie sie das Land noch nicht gesehen hat. Das war, wie der Präsident des Bundeskriminalamtes, Jörg Ziercke, einen Tag später berichtet, genau um 13.32 Uhr. Etwa eine halbe Stunde später bricht die Gruppe die Arbeit ab und trifft Vorbereitungen zur eiligen Abreise. Draußen, in den Vorgärten und Straßen um das Haus im Eichenweg, bemerkt man das haargenau. Rückfragen an die Einsatzleitung, Rückfragen nach Wiesbaden – Zugriff lautet die Anweisung, kein weiteres Risiko mehr eingehen.
Einen herrlich unverbauten Panoramablick“ habe man, so preist der Vermieter an, der das Haus für 245 Euro je Woche bis Ende September an Fritz G. und die anderen vermietet hat. Aber auch der Blick hinein ins Haus und in das Innere der Terrorzelle scheint herrlich unverbaut“ gewesen zu sein. Nach allem, was inzwischen bekannt wird, hatten die Sicherheitsbehörden nicht bloß Hunderte von Polizisten rund um die Zelle der Islamischen Dschihad Union“ postiert. Es wurde auch ein feinmaschiges elektronisches Netz über die Gruppe geworfen.
Verbündete bei der Online-Fahndung
Die deutschen Sicherheitsbehörden und ihre ausländischen Partner hörten offenbar mit, was in der Gruppe gesagt wurde, sie konnten den schriftlichen Gedankenaustausch über die Planung verfolgen, sie kannten Verstecke und Reisewege bis hin nach Pakistan.
Dass auch in die Computer der Verdächtigen eingedrungen wurde, gilt in Berliner Sicherheitskreisen als wenig verwunderlich. Dem Bundeskriminalamt (BKA) ist diese Fahndungsmöglichkeit zwar derzeit verwehrt, aber es gibt im Kampf gegen den Terror ja auch Verbündete – etwa den Verfassungsschutz von Nordrhein-Westfalen. Oder auch jenseits des Atlantiks.
Auf die Frage des ZDF-Journalisten Klaus Kleber, ob beim BKA ein Schreiben eines ausländischen Geheimdienstes mit Erkenntnissen von den Computern Verdächtiger ungelesen bliebe, antwortete Innenminister Schäuble ausweichend: Ich weiß nicht, woher unsere Partnerdienste die Informationen haben, aber wir haben von ihnen ganz wichtige Informationen bekommen, die unsere Sicherheitsbehörden in die Lage versetzt haben, diese erfolgreiche Aktion durchzuführen.“ Damit dürfte die Frage beantwortet sein, ob man bei der Dschihad-Zelle ohne Computer-Ausforschung so weit gekommen wäre.
Probleme bei der Festnahme
Zwischen den technischen Höhenflügen der Dienste, den Wortgefechten der Berliner Politik und den Handgreiflichkeiten bei der Festnahme zu Füßen des Rothaargebirges bleiben aber viele Fragen offen. Denn als die mutmaßlichen Täter am Dienstagnachmittag ihr Ferienhaus verließen, bekam ein Festnahmetrupp der GSG 9 den Auftrag zum Zugriff. Zwei der drei Männer wurden auf dem Weg zu ihrem Auto überwältigt, der Dritte hatte kehrtgemacht oder war noch im Haus. Er bekam offenbar mit, was sich draußen abspielte und rannte ins Badezimmer; von dort sprang er durchs Fenster in den Garten, lief an zwei verdutzten Polizisten vorbei und wurde schließlich von einem Dritten umgerissen.
Im Handgemenge gelang es dem Beschuldigten, die Pistole des BKA-Beamten aus dessen Holster zu ziehen. Möglicherweise hat er dann gezielt auf ihn geschossen. Als sich der Schuss löste, muss der Beamte an den Lauf der Waffe gegriffen haben, die ihn an der Hand verletzte. Vielleicht hat sich der Schuss auch bloß im Handgemenge gelöst. Jedenfalls konnte der Beschuldigte erst nach einiger Zeit durch die herbeieilende Verstärkung überwältigt werden. So ist das Leben“, kommentierte Ziercke den Vorgang, versprach aber Aufklärung. Von einer Panne“ jedenfalls wollte er nicht geredet wissen.
Die Gefahrenspitze abgebrochen
In bemerkenswertem Widerspruch zur ersten Erfolgsmeldung steht auch die Angabe von Donnerstag, der zufolge bestenfalls der Kern der Terror-Gruppe festgenommen wurde. Man habe die Gefahrenspitze abgebrochen“, sagte Ziercke am Donnerstag. Von Innenstaatssekretär Hanning konnte man erfahren, dass nach etwa zehn Hintermännern“ gesucht werde. Er sprach von einem Netzwerk“, dem Deutsche, Türken und Verdächtige anderer Nationalitäten angehörten. Die Auswertung von beschlagnahmtem Material – Notizen, Computer, Videos – aus mehr als dreißig Objekten wird weitere Erkenntnisse liefern. Jedoch hatte Ziercke noch am Mittwoch die monatelange Beobachtung der Dschihad-Gruppe damit erklärt, dass man sie möglichst vollständig erwischen wolle. Dass dies am 3. September um 13.40 Uhr in Medebach-Oberschledorn gelungen sei, wurde am Donnerstag nicht mehr behauptet.
Ganz ungeklärt sind bislang auch die Vorkommnisse vom Frühsommer. Ende April 2007 hielten es die Fahnder, aus welchen Gründen auch immer, für unumgänglich, sich mit einer Hausdurchsuchung bei Fritz G. einen genaueren Überblick über die Lage zu verschaffen. Die amerikanische Botschaft in Berlin versandte Terrorwarnungen. Bei der Aktion kam nicht nur nichts strafrechtlich Verwertbares heraus, sie wurde auch in mehr oder minder allen Details publik. In der Zeitschrift Focus“ vom 7. Mai stand alles zu lesen: wer zu der Gruppe gehörte, was sie angeblich plante und was gegen sie unternommen wurde. Ob die Operation tatsächlich so reibungslos ablief, wie nunmehr behauptet?
Dummheit oder Ablenkung?
Dass Fritz G. und seine mutmaßlichen Komplizen sich von der Hausdurchsuchung nicht abschrecken ließen, dass sie im Gegenteil erst danach begannen, kanisterweise Explosivstoffe zu beschaffen, Häuser und Garagen zu mieten, militärische Zünder zu besorgen und in ihren (abgefangenen) E-Mails angeblich sogar die Fahnder verhöhnten, wirft ernste Fragen auf. Was bewog die Männer dazu, einfach weiterzumachen. Dummheit? Unterschätzten sie die Sicherheitsbehörden? Oder lenkt die sauerländische Gruppe bloß ab von anderweitigen Vorbereitungen?
Nach allem, was berichtet wird, waren zumindest einzelne Landeskriminalämter und wohl ein größerer Teil des BKA bis an die personellen und technischen Kapazitätsgrenzen damit ausgelastet, die eine Gruppe im Auge zu behalten. Sind demnach die Sicherheitsbehörden gerüstet, wenn eines Tages vier, fünf unabhängig voneinander operierende Zellen zur gleichen Zeit mit Anschlagsvorbereitungen beginnen?
Bekannt ist, das weitere Gefährder aus Deutschland zur Ausbildung in Pakistan waren oder sind. Einige wurden dort von örtlichen Sicherheitsdiensten aufgegriffen. Zum Beispiel Tolga D., ein Bekannter des nunmehr verhafteten Fritz G., aus Neu-Ulm. Andere bleiben verschwunden. Von Entwarnung“ konnte jedenfalls am Donnerstag noch keine Rede sein.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ddp, F.A.Z.